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Tara Nome Doyle : Die dunklen Seiten der Seele

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Die Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle
Die Singer-Songwriterin Tara Nome Doyle : Bild: Luis Anversa

Aber die Szene bekommt Mitte 2021 mit, dass es da eine neue faszinierende Stimme gibt. Und alle wollen etwas mit ihr aufnehmen. Der Pianist und Songwriter Malakoff Kowalski spielt eine Nummer mit ihr ein. Der italienische Komponist Federico Albanese will mit ihr arbeiten, daraus entsteht im Sommer 2021 das Minialbum „The Moments We Keep“. Und derzeit steht Erol Sarp mit ihr im Studio, die eine Hälfte des derzeit sehr erfolgreichen Duos „Grandbrothers“.

Psychologischer Pop

All diese eta­blierten Stars arbeiten auch deswegen mit ihr, weil sie im Moment Zeit haben – alle mussten ihre Touren unterbrechen oder absagen. Die Welt des Pop sitzt zu Hause und fragt sich: Wohin mit der Energie? So kommt es zu den Kooperationen, und so zeigt Doyle, was sie alles kann. Mit Albanese singt sie etwas gehaucht und esoterisch, mit Kowalski direkt und brutal wie Nancy Sinatra, für den Film „München – Im Angesicht des Krieges“ von Christian Schwochow hat sie den Song „Du träumst“ aufgenommen, ein klares, schönes Chanson.

Und dann gibt es noch einen Grund, warum dieses Album mehr präsentiert als nur eine gute Newcomerin oder eine Musikerin, die auch die Isolation perfekt für die Arbeit genutzt hat. Es ist etwas, das man psychologischen Pop nennen könnte, womöglich kommt der als Genre jetzt auf. Seit ihrem 16. Lebensjahr kämpft Doyle mit Angst und Depression, sie musste die Schule deswegen zeitweise abbrechen. Und sie spricht darüber, als wäre es nur ein Schnupfen. „Ich bin es gewohnt, offen darüber zu reden“, sagt sie. „Und jetzt, da ich ein wenig in der Öffentlichkeit stehe, hab ich einfach damit weitergemacht.“

Innere Schatten

Von der Krise der psychischen Gesundheit reden manche jetzt, Depressionen gelten ohnehin schon als Volkskrankheit, und durch die Lockdowns sind noch einmal viel mehr Menschen davon betroffen. Gerade erst wurde bekannt, dass die Suizidversuche unter Jugendlichen während der Corona-Zeit um 400 Prozent gestiegen sind. Und wenn Autorinnen wie Ronja von Rönne darüber Bücher schreiben, kann sich ja auch der Pop dem widmen.

Doyle schaut einmal kurz nach unten, als sie von ihrer Angststörung spricht. Und dann redet sie wieder über Beziehungsdynamik, wie man einander triggert unter Partnern, wie man oft in dem anderen etwas sieht und erfährt, was eigentlich zu den eigenen Dämonen gehört. Eben das, was C. G. Jung die „Schatten“ nennt.

Ein neuer Star

Man kann Doyles Texte wie „I bottle up and sell my sadness“ eben auch als ein Ringen um den Umgang mit den Schatten hören. Und man darf auch einfach mit der Musik träumen, denn so etwas wie „Kill your darlings, cause they don’t understand you“ ist, Psychologie hin oder her, einfach nur eine verdammt gute Zeile.

Deutschland hat einen neuen Star. Das Album „Vaermin“ klingt international – was leider ziemlich selten vorkommt. Es ist gut produziert. Es klingt manchmal nach nordischer Folklore und manchmal, als rezitierte die Stimme mit ein paar sparsamen Klavierakkorden ein Gedicht.

Wenn sie in „Mosquito“ ihre eigene Stimme in mehreren Spuren übereinander sampelt, ist das schon das Maximum an Experiment, das diese Musikerin zulässt. Am Ende singt sie dann Glissandi und lange Töne in höchsten Lagen. Es ist, als probierte sie aus, was alles so geht. Fühlen. Sich herantasten. Das ist die Idee und die Botschaft der ersten wirklich schönen Platte dieses Jahres.

Tara Nome Doyle: Vaermin (Modern Recordings).

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