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Sängerin Hatsune Miku : Die gibt es doch gar nicht!

  • -Aktualisiert am

Idol für viele junge Menschen: eine Figur von Hatsune Miku in einem Schaufenster Bild: Reuters

Die Sängerin Hatsune Miku existiert nur virtuell, doch das hindert sie nicht, auf Tournee zu gehen. Dahinter steckt eine geschickte Strategie: Die Fans schreiben die Lieder für den Star selbst.

          Wenn Hatsune Miku auf der Bühne erscheint, verwandelt sich das Publikum in ein Meer aus grünen Leuchtstäbchen. In Japan ist die Sechzehnjährige schon seit Jahren ein Star, und auch im Westen wird sie immer bekannter. Hatsune Miku ist bei David Letterman und im Vorprogramm von Lady Gaga aufgetreten, Pharell Williams hat einen Remix aus einem ihrer Songs produziert. Nun hat Miku für 2016 ihre erste Tour in den Vereinigten Staaten angekündigt. Das dürfte interessant werden - denn um eine Sängerin aus Fleisch und Blut handelt es sich bei Hatsune Miku nicht.

          Ihr Markenzeichen sind ihre beiden türkisfarbenen Zöpfe, die ihr fast bis zu den Knöcheln reichen, und eine Art zu knapp geratene Schuluniform. Sie ist sehr zierlich und hat die für Manga-Figuren typischen großen Augen. Hatsune Miku ist ein virtueller Popstar. Um vor ihren Fans singen und tanzen zu können, wird sie als dreidimensionales Hologramm auf die Bühne projiziert. Ihre Stimme kommt aus dem Computer, Hatsune Miku ist in erster Linie ein Vocaloid. Die Technik wurde von Yamaha entwickelt. Die Firma Crypton Future Media aus Sapporo hat Hatsune Miku geschaffen und verkauft die Software, die für ihren Gesang sorgt.

          Jeder, der die Vocaloid-Software besitzt, kann ein Teil von Hatsune Miku sein. Mehr als hunderttausend Lieder gibt es bereits. Die meisten davon haben Hatsune Mikus Fans komponiert. Sie geben ihren Liedtext und eine Melodie in das Computerprogramm ein, und heraus kommt ein von Hatsune Miku gesungenes Lied. Ihre Stimme orientiert sich an der in Japan beliebten Synchronsprecherin Fujita Saki. Auch auf Englisch kann man Miku singen lassen. Egal ob Rock oder Pop, Miku kann alles. Sie ist in der Lage, schneller und höher zu singen als ein Mensch. Ihre Stimme klingt leicht blechern, aber ihre Fans stört das nicht. Mehr als 2,5 Millionen hat sie auf Facebook.

          Der Illustrator Kei hat das Erscheinungsbild von Hatsune Miku geschaffen. Seit 2012 stehen die Illustrationen unter einer Creative-Commons-Lizenz. Jeder darf sie frei verwenden, solange er das nicht für kommerzielle Zwecke tut. Mit Hilfe der Software „Miku Miku Dance“ kann man den virtuellen Popstar nach einer selbst geschaffenen Choreographie in Musikvideos tanzen lassen. Unzählige davon gibt es auf Youtube zu sehen.

          Die besten Songs werden auf iTunes oder Amazon verkauft. Crypton hat zu diesem Zweck das Label Karent gegründet. Vordergründig will Crypton Kreativität fördern. Doch selbstverständlich geht es um das Geschäft mit der Vocaloid-Software und allem, was daraus entsteht. Unternehmen wie Google oder Toyota haben mit Hatsune Miku schon Werbung produziert. Seit 2009 steht sie auch als Hologramm auf der Bühne. Zwischen 33 und 150 Dollar zahlen ihre Fans auf der Tour in den Vereinigten Staaten, um einen Star zu sehen, den es eigentlich gar nicht gibt. Der größte Traum ihrer Fans ist es, einmal ein selbstkomponiertes Lied auf einem Konzert von Hatsune Miku zu hören. Man könnte Menschen kaum besser an einen Popstar binden.

          Nicht nur Hatsune Miku erscheint als Hologramm auf der Bühne. 2014 sprach Julian Assange beim Nantucket-Festival in den Vereinigten Staaten als Hologramm live aus der ecuadorianischen Botschaft in London. Jimmy Kimmel moderierte Anfang November auf diese Weise eine Show gleichzeitig aus Hollywood und Nashville. Xavier Naidoo erschien bei der diesjährigen Bambi-Verleihung als Hologramm. Doch nicht nur lebendige Menschen werden per Hologramm auf die Bühne geholt. 2012 trat der 1996 verstorbene Rapper Tupac beim Coachella-Festival in Kalifornien als Hologramm auf. Michael Jackson feierte zwei Jahre später bei den Billboard Music Awards ein gespenstisches Comeback, und Whitney Houston soll 2016 als Hologramm auf Tour gehen. Unsterblich ist auch die nicht alternde Hatsune Miku. Ihr Name bedeutet „erster Klang aus der Zukunft“. An ihr ist im Unterschied zu anderen Hologrammen von Stars nicht einmal die Stimme „echt“. Das unterscheidet sie von der Band Gorillaz, deren Mitglieder zwar vier Comicfiguren sind, aber hinter der Blur-Sänger Damon Albarn steckt.

          Auf der Bühne tritt Hatsune Miku mit einer echten Band auf. Begleitet wird sie von vier weiteren Vocaloid-Versionen, die Crypton geschaffen hat und die ebenfalls mit Avataren verknüpft sind. So beliebt wie Miku ist allerdings keiner von ihnen. Hatsune Miku, das kann jeder sein. Private Hintergründe hat man der künstlichen Sängerin nicht angedichtet, keine Beziehungen, keine Skandale. Man weiß nur, dass sie 1,58 Meter groß und 42 Kilogramm leicht ist. Hatsune Miku ist die perfekte Projektionsfläche, sie ist die Kreation ihrer Fans, die sich mit ihr feiern.

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