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Ein Superstar spricht Slang : Adeles loses Mundwerk

  • -Aktualisiert am

Singt betörend, hat aber ein loses Mundwerk: Adele Bild: AP

Ob Adele heimlich einen Sprachlehrer beschäftigt, der sie auf den Akzent der Arbeiterklasse trimmt? Eine Überlegung zum proletarischen Image eines Superstars.

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          Was mich als Adele-Süchtigen (ohne ihre Stimme kann ich derzeit kaum auskommen) zum Nachdenken über das Phänomen dieser heute weltweit erfolgreichsten Sängerin brachte, war der brummende Kommentar eines Einlasskontrolleurs bei ihrem Konzert vor kurzem in der etwas heruntergekommenen Oracle Arena im kalifornischen Oakland, wo sonst die unvergleichlichen Golden State Warriors ihre Basketball-Shows abziehen: „Enjoy the evening – although they have trashed her for talking too much at the previous concerts“, sagte der alte Mann und schien mit den zitierten Journalisten („they“) die moralische Gewissheit zu teilen, dass sich Sänger vor zahlendem Publikum strikt auf ihre Lieder beschränken sollen.

          Adele hatte natürlich auch von der Kritik erfahren und reagierte auf der Bühne in ihrem eigenen Stil: „I got bad reviews in San Jose. I was like, shut up dude, suck my dick‘.“ Einmal abgesehen von der, wörtlich genommen, wohl eher problematischen Unterstellung, dass sie über ein männliches Geschlechtsteil verfüge, löste dieser obszöne Satz bei den Adele-Fans im prüden Amerika einen Sturm der Begeisterung aus. Nach dem Abend in Oakland waren die Sozialen Medien überschwemmt von Botschaften, denen zufolge Adele durch ihr Fluchen nur noch beliebter werde. Tatsächlich unterstreicht der gekonnte Fast-Dialog mit Publikum, für den sich Adele jetzt mehr Zeit nimmt, einen wichtigen Teil von ihrem Image: Es ist jene Dimension, von der die meisten Mütter meiner Generation der Sechzigjährigen noch verächtlich (und insgeheim schon etwas neidisch) als „gewöhnlich“ geredet hätten.

          Von unglücklich zu glücklich

          Manchmal stelle ich mir vor, wie Adele hinter den Kulissen einen Sprachlehrer (den dunklen Bruder von Professor Higgins aus „My Fair Lady“) beschäftigt, der ihre Sprache auf den gewöhnlichen Akzent der britischen Arbeiterklasse trimmt. Keine Gelegenheit lässt sie aus, um ihren ebenso „gewöhnlichen“ Mangel an Bildung oder ihre Neigung zur Rolle der „verdammten Drama-Queen“ zu unterstreichen – und bis zum Erscheinen ihres jüngsten Albums gehörte es wesentlich zu der aus ihren Liedtexten und aus knappen Andeutungen über ihr Privatleben entstehenden Kunstfigur, dass Adele „unglücklich in der Liebe“ sei. Das gab der Stimme in ihrem besten Lied „Someone Like You“ jene spezifische Affekt-Aufladung, die unter die Haut geht.

          Inzwischen ist Adele glücklich geworden. Sie lebt mit dem Event-Unternehmer Simon Konecki zusammen, die beiden haben einen dreijährigen Sohn. Gemäß ihrem anscheinend sehr ernsthaften Authentitizitätsgrundsatz versuchen die Texte auf dem neuen Album „25“ den Umschwung so gut wie möglich nachzuvollziehen. Dies allerdings ist eine Herausforderung, an der schon andere gescheitert sind. Zunächst scheint ja - auch in der Welt der klassischen Musik – die Assoziation zwischen großen Stimmen und den Welten des sozial „Gewöhnlichen“ auf einen nicht bloß zufälligen Zusammenhang zu verweisen. Das gilt für Enrico Caruso und Maria Callas genauso wie für Edith Piaf, Elvis Presley oder Amy Winehouse.

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