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Neues von Rufus Wainwright : Etwas ist faul, nicht nur in Amerika

  • -Aktualisiert am

Rufus Wainwright Ende 2019 Bild: dpa

Der Fliegende Holländer macht Ärger im Paradies: Rufus Wainwrights Album „Unfollow the Rules“ ist ein Aufbegehren gegen innere und äußere Feinde. Und natürlich große Oper.

          3 Min.

          Auf jedem seiner Studioalben ist mindestens ein Song, der einen völlig herauswirft aus dem, was man tut, oder sogar aus dem, was man ist.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          „Peach Trees“ war so ein Song: Wenn du mich suchst, ich bin unter den Pfirsichbäumen, wo ich mit James Dean sitze und warte, säuselt er einem ins Ohr. Wenn Rufus Wainwright die Stimmung und die Stimme aus tiefsten Tiefen in höchste Höhen schraubt, meint man jemanden mit entrückt nach oben gedrehten Augen vor sich zu sehen, der schon jenseits von jedem ist. Oder „Going to a Town“, das Lied über ein in Ruinen liegendes Amerika mit seiner sich sofort ins Gedächtnis einbrennenden Abstiegs-harmonik, die sich dann aber noch einmal triumphal aufbäumt zu der paradoxen Zeile „I may just never see you again or might as well“.

          Dass das wohl verrückteste singende Mitglied der Wainwright-Familie einen Hang zur großen Oper hat, ist längst keine originelle Feststellung mehr, zumal es ja wirklich schon zwei Opern komponiert hat – „Prima Donna“ (2009) und „Hadrian“ (2018). Der Sohn des Folksänger-Ehepaars Kate McGarrigle und Loudon Wainwright III. hat seit Beginn seiner Popmusik-Karriere vor gut zwanzig Jahren oft bewiesen, dass sein Stimmorgan auch für Oper oder Operette taugt. Er übertreibt es damit manchmal ein bisschen, aber es ist dann auch wieder beeindruckend zu sehen, wie er etwa einen seinerseits stimmlich hochbegabten Popmusiker wie Sting mühelos an die Wand singt – so geschehen bei einem Konzert zu dessen sechzigstem Geburtstag und bei dem Lied „Wrapped Around Your Finger“, wovon man sich auf Youtube noch überzeugen kann.

          Den Hang zur antiken Geschichte und Mythologie hat Rufus Wainwright in Liedern wie „Jericho“ musikalisch ausgelebt, zuletzt auch in der Single „The Sword of Damocles“, die er unter dem Schock von Donald Trumps Präsidentschaft veröffentlichte als musikalisch-politische Parabel, nebst einem eindrucksvollen Musikvideo, das mit dem Appell endet, bei der nächsten Wahl den Albtraum zu beenden. Auf dem jetzt veröffentlichten neuen Album „Unfollow the Rules“, dessen Titel zum Widerstand aufzurufen scheint, erkennt das lyrische Ich allerdings im Titelstück: „I’m no Hercules“. Es ist nicht leicht, ganz allein die Welt zu verändern, schon gar nicht mit einem Lied. Auch der dunkle Synth-Pop von „Hatred (Devils & Angels)“ weckt, bei aller Gegenwartsklage, da nicht viel Hoffnung. Und Zeit für sich allein, ausgeklinkt, jenseits allen Theaters, braucht dieser Sänger offenbar auch viel, endet doch diese neue Platte mit einer Ballade namens „Alone Time“. Darin heißt es: „I need a little alone time, a little dream time“. Am Ende warten also wieder die Pfirsichbäume, und das zu süßesten Klängen.

          Das Lied aber, das einen diesmal aus allem herauswirft, heißt „Early Morning Madness“. Es handelt von der Stimmung jener „wee small hours of the morning“, aus denen Frank Sinatra einst ein ganzes Konzeptalbum gemacht hat – von den blauen Stunden der Frühe also, in denen die Welt bleischwer scheint, Ängste von keiner Rationalität zu bändigen sind. Und es hat die Qualität großer Crooner- und Jazzballaden wie „Over the Rainbow“, „Stardust“ oder „The Windmills of Your Mind“. Kein Wunder, dass Kollege Sting, der jüngst mit anderen Prominenten ein bisschen die Werbetrommel für Wainwrights ob der Pandemie verschobenes Album rührte, dabei geäußert hat, „Early Morning Madness“ sei sein Lieblingsstück auf der Platte – hat er doch selbst ein Faible für solche Balladen und vielleicht die beste Version des seelenverwandten „Windmills“-Stücks aufgenommen.

          Es wäre aber kein Wainwright-Song, wenn er nicht im Mittelteil noch einmal aufdrehen und ein, zwei Oktaven höher gehen würde, jede Liedstruktur hinter sich lassend in einem wilden Libretto. „The Flying Dutchman’s calling me aboard“, singt er gegen Ende, und unter Theaterdonner segelt das Geisterschiff dieses Liedes davon.

          Um den Schreck zu verkraften, braucht es noch leichtere Lieder wie „Peaceful Afternoon“, das Wainwright seinem Ehepartner, dem deutschen Theaterproduzenten Jörn Weisbrodt, gewidmet hat, oder das harmonisch gewitzte „Trouble in Paradise“, mit dem dieses teils schon spätwerkhafte Album beginnt. Die bittere Anklage gegen ein Amerika, dem seine Ideale abhandengekommen sind, ist nach „Going to a Town“ wohl kaum noch zu steigern. Daher münzt der Sänger seinen Groll diesmal in Sarkasmus um. Anders kann man die komödiantische Musical-Nummer „You Ain’t Big“ kaum verstehen, auch wenn Wainwright auf Twitter behauptet, sie sei eine ehrliche Hommage an Amerikas „Heartland“.

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