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Rolling Stones : Mitternacht im Garten Eden des Rock

  • -Aktualisiert am

Spätestens nach fünfzehn Minuten sind die Skeptiker bekehrt: Mick Jagger im Hyde Park Bild: REUTERS

Klingt unglaubwürdig, ist aber wahr: Sie geben immer noch Gas. Nach vierundvierzig Jahren kehren die Rolling Stones mit einem fulminanten Konzert in den Hyde Park zurück.

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          Nach drei Sekunden schaut Keith Richards schon drein, als sei er gerade mal wieder von einer Kokospalme gefallen, und hinter uns im Publikum schüttet eine Frau eine Papiertüte mit der Asche ihres Vaters aus. Der alte Pirat mit der tiefhängenden Telecaster hat beim Entern der Bühne im Londoner Hyde Park, wo die Rolling Stones zuletzt vor sagenhaften vierundvierzig Jahren spielten, vor Schreck das Eröffnungsgitarrenriff von „Start me up“ vermurkst. Die Asche aus der Papiertüte stammt von einem Mann, der seiner Tochter einst als erste Platte eben diesen Song geschenkt hatte.

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          „That’s my dad“, ruft die Frau immer wieder, während die Asche nun über den Boden staubt, auch uns auf die Schuhe, und gleichzeitig in diesem an den Film „The Big Lebowski“ erinnernden Moment erscheint nun Mick Jagger auf den riesigen Videoleinwänden und singt „You’ll make a grown man cry“. Die Aschefrau weint und tanzt zugleich, sie ist eigens von Chicago nach London geflogen, um ihrem Vater diese sonderbare letzte Ehre zu erweisen. Dann springt sie uns von hinten auf die Schulter mit einer Art Kampfschrei, der sich einfügt in die kollektive Ekstase einer Masse von geschätzten siebzigtausend Menschen. If you start me up I’ll never stop.

          So unreglementiert geht es heute nicht mehr

          Noch einmal die Stones sehen: Immer wieder noch einmal wollen das viele Leute und bezahlen viel Geld dafür, auch und gerade nach dem verwehten fünfzigsten Bühnenjubiläum im vergangenen Jahr. Mick Jagger sieht aus, als ob er fünfzig Jahre lang nicht mehr als eine Scheibe Schwarzbrot am Tag gegessen und den Rest der Zeit in der Ballettstunde verbracht hätte. Der Mann ist ein Blitz. Vergangene Woche hat die Band zum ersten Mal auf dem Glastonbury Festival gespielt und wurde frenetisch bejubelt, jetzt also die Rückkehr ins Herz von London, wo im Juli 1969 ein ganzer Park voller Menschen „Let’s spend the night together“ sang - es war damals auch ein Abschied vom „Stones“-Gitarristen Brian Jones, den man zwei Tage zuvor tot in seinem Pool gefunden hatte, und zugleich der erste Auftritt für seinen Nachfolger Mick Taylor.

          Vor geschätzten 70.000 Zuschauern aus gefühlten fünfzehn Generationen: Die Rolling Stones in London

          Derart unreglementiert wie damals geht das heute freilich nicht mehr, es sind Dinge passiert, zumal in London, und so ist alles mit Stellwänden in Zonen gegliedert und wird von einer Heerschar von Ordnern begleitet; die Menschen sind mit Armbändchen in Klassen geteilt, auch damit nicht alle an denselben Bierstand stürmen. Immerhin nicht alles ist perfekt: An einem Zelt, unter dem man zum sündhaft teuren Konzert auch noch Cocktails für zehn bis fünfzehn Pfund erwerben kann, kommen sie mit dem Orangenschneiden nicht nach, da geht gar nichts mehr.

          Nach einer Stunde ist er im Takt

          Noch einmal die Stones sehen: Das klingt auch fast schon ein bisschen peinlich. Die Rock-Opas und ihr „Satisfaction“, muss das wirklich sein, mit Feuerwerk und allem Schnickschnack? Wer deswegen skeptisch war, ist nach drei Liedern kuriert: also noch ein sehr lässiges „It’s only Rock and Roll (but I like it)“ und ein knackiges „Tumbling dice“ - und schon ist es geschehen. Denn, so banal das auch klingen mag, man muss dabei gewesen sein um zu spüren, wie die jahrelang abgenudelten und für Werbung missbrauchten Stücke wieder lebendig werden, muss sehen, wie diese abgebrühtesten Profis in kurzer Zeit spielend den Stadion-Rock auf Clubatmosphäre bringen: so lässig wie bei einer Session, mit Ecken und Kanten und einer zeitweilig auch über die Videowand flimmernden ironischen Mimik, mit der sie sich selbst und diesen nie enden wollenden Rock-Zirkus aufs Korn zu nehmen scheinen, vor allem Keith Richards. Ab und zu scheint er gar nicht zu spielen - aber Hauptsache, der Totenkopfring an der Schlaghand wird gut in Szene gesetzt.

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