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Rolling Stones : In einem Moment bin ich ein Bombenkerl

Immer noch verdammt heiß Bild:

Tourneeauftakt in München: Die Stones trinken angeblich neuerdings Kamillentee statt Whiskey, aber nach wie vor verstehen sie es hervorragend, eine perfekte Show hinzulegen.

          4 Min.

          Von der Mitte der knapp 1500 Quadratmeter großen Bühne aus und bis weit in die Mitte der Münchner Olympiahalle hinein hatten die Rolling Stones einen etwa sechzig Meter langen Laufsteg bauen lassen, an dessen Ende sich eine kleine Rundbühne befand. Ihr Durchmesser dürfte zehn Meter kaum überschritten haben. Den Laufsteg hatte Mick Jagger, wie immer und ganz selbstverständlich das Supermodel der Band, im Verlauf des Auftaktkonzerts zum Europateil der Welttournee ab und an für kleine Ausflüge in den Innenraum benutzt - anhimmelnd konnten die Zuschauer dabei zu ihm aufblicken. Aber dann, nach gut anderthalb Stunden eines so erwartbar professionellen wie erstaunlich gut gelaunten, ja heiteren Rockkonzerts, durchmaß er seinen Krönungsweg ganz.

          Jochen Hieber

          Freier Autor im Feuilleton.

          In respektvollem Abstand folgten ihm, zusammen mit dem Dauergast-Bassisten Darryl Jones, die anderen Mitglieder der Band: Charlie Watts, die längst schlohweiße Schlagzeuglegende, der Gitarrist Ron Wood, mit nun sechsundfünfzig Jahren so etwas wie der Berufsjugendliche der Stones, und Keith Richards, der große Überlebende in der Geschichte der Rockmusik. Als aus dem dunklen Seitenzugang auch noch der Saxophonist Bobby Keys, Gastmusiker seit 1969, auf die kleine Rundbühne huschte und alle zusammen "Neighbors" anstimmten, jenen nicht um Sicherheitszäune, aber doch um humanen Abstand ersuchenden Song des Albums "Tattoo You" von 1981, da hatte das Konzert seinen magischen Augenblick: die Rolling Stones, mitten unter uns und unnahbar zugleich.

          Keine Exzesse mehr?

          Selbst wohlmeinende Kritiker hatten sich zu Beginn der jüngsten Welttour anläßlich des vierzigjährigen Bandjubiläums im vergangenen Frühherbst gefragt, ob man die Band für soviel Mut zu soviel kommerzieller wie künstlerischer Strapaze noch bewundern oder nun endlich doch bemitleiden sollte. Die Münchner Zeitungen, gleichviel, ob seriös oder Boulevard, hatten demgemäß auch die diätetischen und fitneßprophylaktischen Maßnahmen in den Mittelpunkt ihrer Vorberichte gerückt - statt Whiskey fließe Kamillentee in den Hotel-Suiten der Musiker, hieß es, und statt skandalträchtigem Treiben herrsche auf dem Flur der strenge Geist der Physiotherapie.

          Wenn dem so war: Es hat sich gelohnt. Mick Jagger stellte sich auf den Punkt in Topform vor, erstrahlte in faltenarmer Alterslosigkeit und bewältigte seinen gut zweistündigen, rhythmisierten Dauerlauf über die Großbühne ohne erkennbaren Konditions- und Intonationsverlust. "Heute abend werden wir richtig Spaß haben", verhieß er zu Beginn in einem angelernten Deutsch, dem man seine gelassene Ferne von allen hiesigen Ermüdungsdebatten um die Spaßgesellschaft durchaus anmerkte.

          Schlechtester Vokalist unter der Sonne

          Bezeichnend für das Programm war eine Ansage, die eher wie eine Entschuldigung wirkte. "Das ist neuer Song", sagte Jagger, bevor die Band mit "Don't Stop" loslegte, in der Tat einem Titel aus dem Vorjahr. Ton und Atmosphäre aber gaben mit "Street Fighting Man" (1968) und "It's Only Rock 'n' Roll" (1974) zwei Auftaktlieder vor, die einst zeitdiagnostische Botschaften von Rebellion und Rückzug transportierten, inzwischen aber klassisch, damit reine Ohrwürmer geworden sind. Auch dramaturgisch war die neue Show perfekt.

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