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Rolling Stones : Die Kardinalswürde steht älteren Herren einfach am besten

  • -Aktualisiert am

In Würde gealtert: The Rolling Stones Bild: Mark Seliger

Ihre Kritik an Bush ist billig, und Keith Richards singt furchtbarer denn je. Und dennoch haben die „Rolling Stones“ mit „A Bigger Bang“ ihre beste Platte seit vierundzwanzig Jahren vorgelegt.

          Dieses würde die beste Platte seit acht Jahren werden - das stand schon deswegen vorher fest, weil es seit „Bridges To Babylon“ von 1997 kein Studioalbum mehr gab. Wenn man nun „A Bigger Bang“ auflegt, merkt man schon beim ersten Lied, daß der Titel nicht zuviel verspricht: Es ist die beste „Rolling Stones“-Platte seit, sagen wir: „Tattoo You“, jenem letzen Meisterwerk von 1981, das mit dem Song „Start Me Up“ der Diskoära den finalen Tritt in den Hintern versetzte und auch insgesamt, mit letztmalig gekonnten Anleihen an Blues, Country und Soul, überzeugte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Diese Bandbreite erreichten die „Rolling Stones“, die damals auf die vierzig zugingen, nachher nie wieder, und sie wurde von ihnen auch gar nicht mehr erwartet. Auch das neue Werk (das wievielte eigentlich?) kommt da kaum heran; dafür überzeugt es mit einem druckvollen, homogenen Klang, der in seiner körnigen, dicht arrangierten Gedrängtheit an die musikalisch überraschungsfreie, aber attraktive Übersuperstarzeit zwischen „It's Only Rock'n'Roll“ und „Some Girls“ erinnert, eine Phase, in der sich die Musiker in einem bequemen Muckertum eingerichtet hatten. Es hat sich jedenfalls ausgezahlt, daß Jack Joseph Puig die meisten Titel noch einmal abgemischt hat. Produziert wurde das Ganze von dem bewährten Don Was sowie von den Glimmer Twins persönlich.

          Sie röhren wieder los

          Wenn der CD-Display sechzehn Titel und eine Gesamtdauer von vierundsechzig Minuten und zwanzig Sekunden anzeigt, dann möchte man die Scheibe am liebsten gleich wieder herausnehmen: Muß das denn immer so lange dauern, soviel Zeit hat doch kein Mensch, sich das alles anzuhören!? Doch dann röhren sie in guter alter und überhaupt nicht peinlicher Manier los: „Rough Justice“. Es ist ein rohes, primitives Lied, also bestes „Stones“-Material. Keith Richards' Akkorde klingen auf völlig unkünstliche Weise dreckig, Ron Wood setzt seine Soli dagegen, als träte er gerade zum Vorstellungsgespräch an. Das ist nun auch schon wieder dreißig Jahre her, dabei gilt er noch immer als der Neue, aber besser der Neue bei den „Rolling Stones“ als gar keiner, wie Darryl Jones, der sich als Bill-Wyman-Ersatz treu und unauffällig in den Bandkörper einfügt, aber wohl nie festes Mitglied werden wird.

          Sie klingen auch verjüngt

          „Let Me Down Slow“ ist eine Uptemponummer, wie sie auch auf „Some Girls“ nicht weiter aufgefallen wäre. Nur macht sich hier der manirierte Gesang schon etwas störend bemerkbar, den Jagger auf seinen Soloplatten zum Einsatz bringt. Man kann sich gut vorstellen, wie Richards im Studio versucht hat, diese Unart in Schach zu halten, und muß zugestehen, daß ihm das die meiste Zeit auch gelungen ist. Dafür singt er selbst immer schlechter und wird es auch nicht mehr lernen. Zu den ganz großen Zeiten durfte er höchstens alle drei Platten ein Lied singen und machte das auch ganz ordentlich, weil er von Mick Jagger fast nicht zu unterscheiden war, bei „You Got The Silver“ beispielsweise oder „Happy“. Das riß dann allerdings so stark ein, daß er auf jeder Platte mittlerweile mit zwei Darbietungen vertreten ist. Die beiden Lieder, die er diesmal beisteuert, mögen musikalisch in Ordnung gehen, stimmlich sind sie eine Zumutung: „This Place Is Empty“ ist eine Altherrenballade; „Infamy“, mit dem das Album schließt, langweilt mit Indifferenz.

          Abgaben an den Zeitgeschmack

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