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„Rolling Stone“-Soap auf MTV : Schäbiger Ausverkauf einer journalistischen Institution

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Von Rock 'n' Roll keine Spur: „Rolling Stone”-Gründer Jann Wenner mit seinen Eleven Bild: MTV

Der „Rolling Stone“ war einmal eine Institution, jetzt ist die Rockzeitschrift Handlungsort einer Seifenoper von MTV. Sechs junge Leute wetteifern um einen Redakteursjob. Und landen statt in der Popkultur im Musikgeschäft.

          Eine Realityshow in der Redaktion des „Rolling Stone“? Das klingt danach, als könnte es ähnlich atemberaubend werden wie der Blick, den das sogenannte Realityfernsehen im vergangenen Jahr in den Keller des „Kiss“-Bassisten Gene Simmons geworfen hat: vollgestopft mit Devotionalien, jeder Besuch in einem Landesmuseum ist spannender. Und tatsächlich: Der „Rolling Stone“-Gründer Jann Wenner, der für seine Ausfälle berüchtigte Nachtarbeiter, der Entdecker von journalistischen Größen wie Hunter S. Thompson und Annie Leibovitz, der Tonangeber einer ganzen Generation, landet zielgenau auf dem Niveau des Immobilienunternehmers Donald Trump und dessen Show „The Apprentice“.

          Vierzig Jahre ist es her, dass Wenner die Musikzeitschrift mit geliehenem Geld und geborgten Kontakten gründete und den Rock 'n' Roll in Journalismus übersetzte. Der „Rolling Stone“ gab dem besagten journalistischen Genie á la Thompson und Leibovitz den nötigen Resonanzraum, hier wurde man seinerzeit zum Geburtstag mit einem Tütchen Kokain bedacht, hier formte man den Tonfall und die Attitüde einer ganzen Generation. Hier erschienen die Geschichte über die bizarre Entführung der Verlagserbin Patty Hearst und das Interview mit dem neuen Präsidenten Bill Clinton, das Bild von Whoopi Goldberg in der Milchbadewanne und das letzte Foto des nackten, seine Frau Yoko Ono mit Armen und Beinen umklammernden John Lennon - aufgenommen am Morgen seines Todestages. „Ein Job beim ,Rolling Stone', das ist einfach ein Traum, Mann“, haucht der neunzehnjährige Colin, als er für die Reise nach New York seine Gitarre schultert.

          So wird er den Sommer kaum überstehen

          Wenner startete seine Zeitschrift einst mit dem Aufruf an Leser, Musikkritiken einzusenden, und holte damit eine Reihe unentdeckter Talente in seine Reihen. Doch bei MTV ist das legendäre Image der Redaktion, die Rockmusik zum Politikum und Politiker zu Rockstars machte, bloß Bühne für eine weitere Variation von „American Idol“. Natürlich müssen die sechs Neulinge in den berüchtigten Büros entdecken, dass Journalismus ernste, verantwortungsvolle Arbeit ist. „Alter, sieht ja aus wie bei Enron hier“, entfährt es einem der Kandidaten, dessen Erwartung an ein gestyltes Redaktionsbüro sich offenbar an Serien wie der Mode-Satire „Ugly Betty“ oder dem Kinofilm „The Devil Wears Prada“ orientiert.

          Tatsächlich sitzt den sechs mit Joe Levy bei einer ersten Textkritik kein abgefahrener Gonzo-Journalist, sondern ein Anzugträger wie von der Wall Street gegenüber. Pünktlichkeit wird angemahnt, und als der zweiundzwanzigjährige Peter, ein gebürtiger Australier und Bierfan, der Wenners Einladungsanruf über einem Fußballspiel verpasste, stolz bekennt, sein Stück „noch betrunken“ aus dem Ärmel geschüttelt zu haben, sagt Levy: „Merkt man. Wenn du die Sache nicht ein wenig ernster nimmst, wirst du den Sommer kaum überstehen.“ Nicht sehr Rock 'n' Roll, der Mann.

          „Ähm, wie ist denn das Leben auf Tour so?“

          Umgekehrt lassen die angehenden Journalisten auch keine begnadete Begabung erkennen. Die dreiundzwanzigjährige Krishtine, eine selbstverliebte Hip-Hop-Adeptin, lässt sich von Jann Wenner umständlich seinen Vornamen buchstabieren, auf die korrekte Schreibweise ihres eigenen legt sie bei der Erstellung ihres Redaktionsausweises großen Wert. Krystal, eine vierundzwanzigjährige Blondine, hofft vor allem auf Groupie-Erfahrung. Und Colin beginnt das Interview einer Band mit den Worten: „Ähm, wie ist denn das Leben auf Tour so?“

          Doch, wir erinnern uns, dies ist eine Reality-Show, und beim Casting ging es unübersehbar nicht um Talent, sondern um den größtmöglichen Dramatisierungskitzel: Das tragische Scheitern einiger Teilnehmer ist schon in der ersten halben Stunde abzusehen. Das ist ziemlich niederträchtig und kommt dem Ruf zweier Institutionen der Jugendkultur nicht eben entgegen. Aber was hilft hier Sentimentalität - dies ist das Zeitalter der Konzernkultur, in der Innovation und Coolness im Dienste der Vermarktung stehen. Wer das für Sekunden vergisst, wird vom nächsten „Bliep“ daran erinnert, mit dem MTV das authentische Vokabular der Kandidaten auf Familientauglichkeit trimmt.

          Musikgeschäft statt Popkultur

          Einzig der fünfundzwanzig Jahre alte Russell, ein Schulabbrecher mit Knastvergangenheit und unmittelbarem Zugang zur Straßenkultur, wirkt echt und ernsthaft, und er scheint noch dazu journalistisch begabt zu sein. Seine Erfahrungen beim „Rolling Stone“ des 21. Jahrhunderts würde man gern ausführlicher bezeugen. Doch da ist schon wieder Krystal im Bild, die ihren in einer Stunde verfassten Text über die Musikkultur ihrer Heimatstadt „einfach total klasse“ findet.

          Als „Star-Fucker“ hat der vormalige „Rolling Stones“-Journalist David Weir einmal Jann Wenner beschimpft, als der sich in den Achtzigern in New York mit Prominenten wie Jackie Onassis und John Lennon umgab - Wenners Büroräume sind noch heute mit Fotos ausstaffiert, auf denen er mit Mick Jagger, Bob Dylan und Madeleine Albright zu sehen ist. Wenner und sein Blatt sind heute selbst Popstars, sie sind weniger Teil der Popkultur denn des Musikgeschäfts, der Einundfünfzigjährige sucht längst ganz orthodox den unternehmerischen Erfolg - er verlegt heute neben dem „Rolling Stone“ das Klatschmagazin „US Weekly“ und die Fitness-Zeitschrift „Men's Journal“. Seine Reality-Show allerdings ist nichts als Ramsch, ein schäbiger Ausverkauf einer journalistischen Institution, von Rock 'n' Roll keine Spur.

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