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Roger Waters : Alles in allem bin ich nur ein weiterer Stein in der Mauer

  • -Aktualisiert am

Der Kopf von „Pink Floyd”: Roger Waters Bild: dpa

We don't need no education: Von Roger Waters stammt die wohl berühmteste Zeile eines Popsongs der siebziger Jahre. Am heutigen Donnerstag wird der „Pink Floyd“-Anführer sechzig.

          Rockmusik und Pädagogik vertragen sich schlecht. Daß die englische Gruppe "Pink Floyd" erfolgreicher wurde als fast jede andere, indem sie Rockmusik als Pädagogik machte, ist deshalb besonders erstaunlich.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          "We dont need no education, we don't need no thought control, no dark sarcasm in the class-room", ließen sie einen Schülerchor mit aufdringlichem Akzent singen, und jeder, der das im Spätherbst 1979 zum ersten Mal hörte, wußte, daß etwas Neues passiert war in einer Phase, in der die Attacken des Punk fast schon wieder überstanden waren und es Bedarf an kritischem Bewußtsein nicht gab.

          Sensibler Umgang mit der Jugend

          We don't need no education - die Zeilen aus dem Lied "Another Brick in the Wall" vom Album "The Wall" sind vermutlich die berühmtesten ihrer Zeit, auf eine Stufe zu stellen mit den Parolen der "Rolling Stones" oder "Who" aus dem Jahrzehnt zuvor. Das war keine platte Parole zur Anarchie, wie sie der Punk ausrief, sondern eine Anleitung zum richtigen, und das hieß damals: sensiblen Umgang mit der Jugend. Daß sie über den Kreis der direkt Angesprochenen hinaus Gehör fand, verdankte sich der banalen Tatsache, daß jeder einmal Schüler gewesen war und entsprechend etwas mitzuteilen hatte über den Stumpfsinn des Alltags und seelische Mißhandlungen.

          Der Mann, der das alles bündig in Verse brachte, Roger Waters, Bassist, Gelegenheitssänger und vor allem Komponist fast des gesamten Materials von "Pink Floyd", mußte schon kurz danach einsehen, daß sich dieser Erfolg nicht mehr wiederholen ließ. Die mit immensem Aufwand und unter Waters' Leitung betriebenen Liveaufführungen der Platte in nur vier Städten der Welt, darunter Dortmund, waren concerts to end all concerts; der schon vorher praktizierte und von kritischen Hörern argwöhnisch betrachtete Gigantismus war nicht mehr steigerbar; die Gruppe selber war zum Synonym alles Fragwürdigen der Rockmusik geworden. Immerhin wurde bei dieser Gelegenheit noch einmal spürbar, welche Folgen ein fünfjähriges Architekturstudium für die Klangvorstellungen des master minds gehabt hatte.

          Geräusche, Geschrei, Gimmicks

          Pink Floyd 1967: Roger Waters, Nick Mason, Syd Barrett und Richard Wright (v.l.)

          Waters imponierte und irritierte in den ersten zehn Jahren der Band mit einer starken Neigung zur Collage, in der Geräusche, Geschrei und allerlei Gimmicks nebeneinander Platz hatten. Der räumlich extrem ausgreifende Sound nicht nur dieser Platte erzwang ein genaues Hinhören, wollte man die anfangs bewußtseinserweiternden, später regelrecht sozialkritischen Texte nicht überhören, auf die es Waters fast noch mehr ankam als auf die ausgeklügelte, zuweilen phantastisch bluffhaft anmutende Musik.

          Ökologie, Drogen, Konsum, Einsamkeit, Entfremdung, Politik - an diesen Referenzpunkten arbeiteten sich "Pink Floyd" ab. Was dabei herauskam, wurde von einer an Progressivem interessierten Hörerschaft, die auch die psychedelische Frühphase der im Londoner "Marquee Club" wie eine geheime Sensation gefeierten Band verfolgt hatte, mit Begeisterung aufgenommen; Platten wie "Atom Heart Mother", "Wish You Were Here" oder der bis heute unübertroffene Bestseller "Dark Side Of The Moon" mit der Single "Money" haben sich einen seltsam zeitlosen Sonderstatus bewahrt.

          Entfremdung von der Band

          Waters' Mission, die auf Aufklärung und Kritik angelegt war, schien zu Anfang der achtziger Jahre erfüllt; die seiner Band war es nicht. Der Anführer konnte es auch mit sehr viel Geld nicht verhindern, daß die drei übrigen Musiker den alten Namen äußerst lukrativ weiterverwendeten und unter Inkaufnahme künstlerischen Stillstands vor allem seine Lieder spielten. Er hat darunter so sehr gelitten, daß man in den wenigen Interviews, die er gab, seine alten Kumpanen am besten gar nicht erwähnte.

          Die in der Presse genüßlich ausgebreiteten gegenseitigen Anschuldigungen schienen sich schon zu einem Konkurrenztrauma zu verdichten, das Dimensionen aufwies wie bei Lennon/McCartney: Waters war, in der Rolle Lennons, für den Schrecken in der Musik zuständig; der gleichermaßen ehrgeizige, aber nur als performer einflußreiche Gitarrist und Sänger David Gilmour war, als eine Art McCartney, für die Schönheit da.

          Verspieltes Erbe

          Als "Pink Floyd" auch noch einen Vertrag mit dem Volkswagen-Konzern schlossen, gab das Waters den Rest - schäbiger ließ sich das Banderbe nicht verspielen. Waters selber hatte die späte Genugtuung zu erleben, wie seine geniale Plattenidee von einst im Zuge des Berliner Mauerfalls eine gewichtige, freilich auch gewalttätige Umdeutung erfuhr: Das "The Wall"-Konzert im Sommer 1990 auf dem Potsdamer Platz sahen mehr als dreihunderttausend Menschen, die Magie war ungebrochen.

          Eine nervöse Intelligenz, die seiner Karriere nicht immer förderlich war, zeichnet diesen ungewöhnlichen, immer noch schlaksigen Rockmusiker aus, der im Gegensatz zu anderen Größen in der Öffentlichkeit kaum einmal erkannt wird. Inzwischen hat er seinen Frieden mit dem Geschäft gemacht. Die auch auf der Grundlage der Soloplatten bestrittenen Tourneen waren in den letzten Jahren sensationell gut besucht. "Amused To Death", wie ein Werk betitelt ist, hat er sich dabei nicht gerade; aber seine Oper über Marie Antoinette, von der seit Jahren die Rede ist, dürfte nicht nur uns noch ein Lächeln entlocken, sondern auch Roger Waters, der an diesem Donnerstag sechzig Jahre alt wird.

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