https://www.faz.net/-gqz-whe3

Roger Cicero : Mit beiden Füßen auf der Matte bleiben

  • -Aktualisiert am

Perfektes Design: Roger Cicero in Frankfurt Bild: Roger Hagmann

So einen wie ihn haben wir gebraucht: Der Unterhaltungsvirtuose Roger Cicero zelebriert auf seiner Tournee die hohe Kunst der reinen Pose in Vollendung - ein perfekter Verpackungskünstler.

          3 Min.

          Man muss ihn einfach bewundern. Kein anderer Sänger hat das bisher geschafft, Udo Jürgens nicht und Peter Maffay nicht. Auch nicht Peter Kraus. Und Caterina Valente schon mal gar nicht. Roger Cicero aber ist es endlich gelungen. Mit weit auseinandergespreizten Armen, als wolle er jemandem mit viel Schwung doppelte Ohrfeigen verpassen, schlägt er die Hände zusammen. Wieder und wieder. Auf die Taktzählzeiten zwei und vier!

          Und, o Wunder, seine Fans machen es ihm in der vollbesetzten Alten Oper Frankfurt ausnahmslos nach. Zum ersten Mal in der Geschichte der Bundesrepublik ist es einem Entertainer gelungen, das notorisch deutsche Klatschen auf die Zählzeiten eins und drei - wie beim Karneval - durch ein amerikanisch swingendes zwei und vier - wie bei Glenn Miller - zu ersetzen. Und das zu deutschen Texten. Allein für diese mutige Tat müsste man ihm eine Auszeichnung zusprechen.

          Singen ohne auszurutschen

          Aber es gibt noch mehr zu bewundern an diesem Mann, der den Hut aufbehält. Roger Cicero kann singen, will sagen: Er bleibt mit seiner Stimme in der einmal gewählten Tonart für ein Stück. Und er könnte, ohne auszurutschen, sogar eine große Septime zu einem allein von einem Kontrabass gespielten Grundton intonieren, wenn man ihn darum bäte. Tut aber niemand. Außerdem verzichtet er meist auf den in Schlagern sonst üblichen Reim-dich-oder-ich-fress-dich-Dilettantismus, lässt den Silben vielmehr freien Lauf, damit sie sich den melodischen Linien anpassen können. Das zeigt seinen guten Geschmack. Kommt von den großen Jazzmusikern.

          Wie so vieles in diesem außergewöhnlichen Konzert. Die Bläser zum Beispiel: Hat man schon einmal so viele Menschen, die vermutlich noch nie etwas von Peter Brötzmann, Anthony Braxton oder Ornette Coleman gehört haben, zu so vertrackten Saxophonphrasen frenetisch applaudieren sehen? Roger Cicero macht es den Massen aber auch leicht. Die Solo-Chorusse im Bebop-Stil werden mit fetzig-dröhnenden Rock- und Latinjazz-Rhythmen unterfüttert, dass man gar nicht auf die Idee kommen würde zu analysieren, ob die Bläser etwas taugen oder nur virtuos vor sich hin dudeln.

          Echt verräucherte Kelleratmosphäre

          Das ist das eigentlich Wunderbare an dem Sänger: Er ist so bescheiden. Mit seinen umfassenden musikalischen Kenntnissen - nicht zuletzt durch seinen Vater Eugen, den 1997 verstorbenen, ungemein populären Jazzpianisten - geht er nicht hausieren. Sie bleiben diskret im Hintergrund. Hier wird niemand verschreckt. Zudem ist Roger Cicero auch noch überaus dankbar. Seine bewältigte Vergangenheit aus den Schmuddelecken von Jazzkneipen verleugnet er nicht. Deshalb schrumpft er für den Augenblick eines kleinen Songs die schicke Bigband - alle mit Hut - zur Combo. Die Beleuchtung wird auf trüben Red Light District zurückgedimmt, der Nebelwerfer produziert echt verräucherte Kelleratmosphäre, und wir dürfen Einblick nehmen in die Herkunft des Roger Cicero aus kleinen Jazzverhältnissen.

          Die hat er zur Freude seiner vielen Fans seit zwei Jahren wohl endgültig durch ein volles Künstlerleben im Rampenlicht ersetzt: mit Hochglanzbroschüre und Notenausgaben, vokal mit Akkordbezeichnungen zum Selbermachen, mit offiziellen Merchandise-Artikeln - Dralonhut schwarzweiß, versteht sich, aber auch Fußmatte grau (hundert Prozent Polyester) mit dem passenden Songtext „Zieh die Schuh aus!“. Man merkt es in jeder Geste: Hier hat einer hart an seinem Image gearbeitet, nichts dem Zufall überlassen, nicht die kleinste Handbewegung, nicht den tiefsten Blick in die Herzen der weiblichen Fans in den ersten Reihen, nicht das angesagteste Macho-Gehabe, das nur eine blaustrümpfig-vorgestrige „Emma“ als unpassend empfinden mag. Ja, man kann sagen, hier wird die hohe Kunst der reinen Pose in Vollendung zelebriert. Wem dabei etwas fehlt, der hat unsere Welt nicht begriffen - und die von Roger Cicero schon mal gar nicht.

          Da steht ein ausgeklügeltes Managementkonzept dahinter, und das ist das Allerwunderbarste an Roger Cicero, das ihm das Überleben in einem schnelllebigen Pop-Business garantiert: Hier werden kein primitiv-expressiver Garagen-Pop und kein schmallippig-individueller Avantgarde-Jazz geboten, sondern perfektes Design. Wer aber ein solches Gespür für die aktuelle Ästhetik der Oberfläche besitzt, der wird auch für den nächsten historischen Moment das richtige Material zum Einwickeln finden. Cicero ist, anders als Christo und doch irgendwie mit ihm verwandt, vor allem ein Verpackungskünstler. So einen haben wir gebraucht. Seien wir dankbar.

          Die nächsten Konzerttermine:

          05.02.2008: Alte Oper / Frankfurt am Main
          06.02.2008: Festpielhaus / Baden-Baden
          08.02.2008: Hall Omnisports / Differdange
          09.02.2008: Westfalenhalle 3A / Dortmund
          10.02.2008: Messehalle / Erfurt
          12.02.2008: Tempodrom / Berlin
          13.02.2008: Tempodrom / Berlin

          Weitere Themen

          Zerreißprobe für die Buchmesse

          In Corona-Zeiten : Zerreißprobe für die Buchmesse

          Die Frankfurter Buchmesse soll im Oktober stattfinden. Was bedeutet der Plan für eine kombinierte Buch-Musik-Gaming-Messe in nächsten Jahr? Er könnte zur Folge haben, was die Corona-Krise nicht bewirkt: Die Auflösung des wichtigsten Buchereignisses der Welt.

          Topmeldungen

          Trump am Mount Rushmore : Alles auf eine Karte

          Fehlende Empathie oder eiskaltes Kalkül? Amerikas Präsident stempelt die Black-Lives-Matter-Bewegung zur linksfaschistischen Gefahr ab. Bang muss man fragen, wozu er sich angesichts schlechter Umfragewerte noch hinreißen lässt.
          Commerzbank-Finanzvorstand Bettina Orlopp und der bisherige Vorstandschef Martin Zielke

          Commerzbank-Spitze gibt auf : Wird es eine Chefin?

          Die Chefs des Vorstands und des Aufsichtsrats beugen sich der Kritik der Aktionäre, auch der deutsche Staat ist unzufrieden. Mitten im Umbau lassen sie die Commerzbank führungslos zurück. Die Suche nach den Nachfolgern beginnt.

          FC Bayern im DFB-Pokalfinale : Leise Abschiedsstimmung bei Boateng

          Beim Pokalfinale 2019 saß er mit versteinerter Miene auf der Bank und sollte den FC Bayern verlassen. Jérôme Boateng blieb und wurde der große Gewinner der Saison. Nun aber gibt es einige Indizien, die für einen Abgang sprechen.
          Das jüdische Leben in Deutschland hat sich gewandelt: Bild vom Richtfest eines jüdischen Campus in Berlin

          Jüdische Studien : Wir stören

          Nach Jahren der Öffnung und Blüte sind die Jüdischen Studien heute wieder Zielscheibe des Antisemitismus. Beobachtungen zu ihrer kurzen Geschichte in Deutschland. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.