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Rod Stewart : Der Extraordinäre

  • -Aktualisiert am

Kuß unter Rockstars: Rod Stewart und Olivia Newton bei einer Party 1979 Bild:

Er sang mit Sandpapierstimme Lieder in die Unsterblichkeit: Rod Stewart kann an seinem 60. Geburtstag auf eine Karriere zurückblicken, die weit mehr zu bieten hat als die grauenhafte Schnulze „I am Sailing“.

          Das höchstinstanzliche Urteil kam von Greil Marcus: Niemand habe sein Talent so vergeudet wie Rod Stewart. Dies sagte der Kritiker, als (oder weil?) der Rockmusiker in sein kommerziell erfolgreichstes Stadium eingetreten war und keineswegs schlechtere Platten machte.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Man könnte sogar so weit gehen zu behaupten, daß „Foot Loose & Fancy Free“ von 1977 im Gesamtbild seine beste ist: eine stimmige Mischung aus verletzlicher Großspurigkeit (mit dem Motown-Meisterwerk „You Just Keep Me Hanging On“) und selbstbewußter Empfindsamkeit („You Got A Nerve“ und „I Was Only Joking“). Aber für solche Subtilitäten hatte man kein Ohr zu einer Zeit, in der Rod Stewart so verunglimpft wurde wie wohl kein zweiter seines Ranges. Die Platte enthielt nämlich auch den Heuler „Hot Legs“, den man allgemein für frauenfeindlich hielt und nicht für das, was er eigentlich war, nämlich spaßorientiertes Entertainment, das damals ganz einfach im Geist der Zeit lag.

          Massiver Hedonismus

          Es war wohl noch etwas anderes, das Greil Marcus so ärgerte: Stewarts in der Tat massiver Hedonismus. Dabei hätte zumindest er doch merken müssen, daß selbst durch Stewarts internationales Jet-set-Angebertum eine britische Pub-Gemütlichkeit hindurchschien, die jene Bodenständigkeit garantierte, die man ihm abstritt. Wenn es in den siebziger Jahren einen Popstar gab, der für Vergnügungs- und Verschwendungssucht stand, dann war es „Rod the Mod“. Daß diese nur die Kehrseite seines schottischen Geizes war und er im übrigen keine Lust hatte, so zu tun, als hätte einer wie er den Luxus gar nicht verdient - das wurde ihm genausowenig zugestanden wie die vielen, vorzugsweise hellhaarigen Frauen, mit denen er ständig in der Boulevardpresse auftauchte und denen er auf seiner Platte „Blondes Have More Fun“ vonn 1978 ein Denkmal setzte.

          Stewart bei einer Show im New Yorker Madison Square Garden 1971

          Hätte man sich mehr um seine Musik gekümmert und genauer hingehört, dann wäre ein anderes Bild herausgekommen. Tatsächlich ist Rod Stewart einer der delikatesten, humansten, schlagfertigsten und obendrein humorvollsten Rocksänger, dessen Werk heutigen Hörern bestenfalls von „Sailing“ an bekannt ist, der allerdings grauenhaften Schnulze von 1975. Dies war der Zeitpunkt, zu dem er sein „Atlantic Crossing“ (Plattentitel) vollzog, weil er der britischen Spielart überdrüssig geworden war. Unter der Aufsicht des Veteranen Tom Dowd legte er drei erstklassige Soulplatten hintereinander vor, die auf einen bisweilen mächtigen, aber jederzeit annehmbaren Klang getrimmt waren und die Stewart auch im kommerziell orientierten Popbewußtsein als eine sehr feste Größe etablierten.

          Totengräber und zweitklassiger Fußballprofi

          Doch Stewarts eigentlich wichtige, hochwertige Phase lag davor. Nach einer im Londoner Heimatstadtteil Highgate verbrachten Nichtstuerexistenz, die er als Totengräber und zweitklassiger Fußballprofi unterbrach, fand er in der Mitte der sechziger Jahre Zugang zu einschlägigen Kreisen, die wie er hauptsächlich an Blues und Rhythm & Blues interessiert waren. Er spielte mit Long John Baldry und in der Gruppe „Steampacket“ mit Julie Discroll und Brian Auger, bis er das dort vorgefundene Niveau überwunden hatte und der Gitarrist Jeff Beck ihm anbot, in seiner Band den alleinigen Gesang zu übernehmen.

          Die beiden Platten der „Jeff Beck Group“, mit Ron Wood am Baß und Mickey Waller am Schlagzeug, wurden vor allem wegen Stewarts heiserem Organ zu Sensationen des schweren britischen Rock. Stewart war, wie das Cover von „Truth“ ganz richtig vermerkte, „extraordinare“; und es war kaum zu glauben, daß jemand einen Standard wie „Ol' Man River“ so singen konnte wie dieser dürre Zweiundzwanzigjährige: „I'm so weary, I'm sick of trying / I'm tired of living, but afraid of dying.“

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