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Rockmusik : Das ist einfach zuviel für Großvater

  • -Aktualisiert am

Welterfinder: Neil Young Bild: dpa

Die Endfertigung der Gedanken: Neil Youngs neues Album „Greendale“, in dem der Musiker eine selbsterschaffene Welt besingt, ist nicht nur ein Alters-, sondern ein echtes Meisterwerk.

          3 Min.

          Wenn alle Songs zur Weltlage, ihren Einfluß aufs Private und umgekehrt gesungen sind, bleibt nur noch die Wiederholung. Oder man muß für immer schweigen. Neil Young, der Kanadier, der seit Ewigkeiten in Kalifornien lebt, ohne darüber ein Beach Boy geworden zu sein, hat beide Möglichkeiten ausprobiert. Und noch viele andere, auf die man selbst nicht unbedingt kommen würde.

          Seine Karriere überspannt inzwischen fast vier Jahrzehnte, sein OEuvre umfaßt drei Dutzend Platten. Es ist stilistisch irritierend vielfältig, von ganz unterschiedlicher Qualität, mit gewaltigen Ausschlägen in alle Richtungen und doch längst auch eine Art Solitär: An Neil Young ist im Rock kein Vorbeikommen. Kaum ein Nachgeborener mit Gitarre und Mitteilungsdrang über das, was womöglich zählt im Leben, der sich nicht auf die eine oder andere Weise von dem heute Siebenundfünfzigjährigen beeinflußt fühlte.

          Eine fiktive Welt

          Young ist als Musiker intelligent genug zu erkennen, wenn er sich selbst in künstlerische Sackgassen manövriert hat. Es geschah nicht selten. Doch die Souveränität, mit der er sich stets sogar aus dichtestem Gestrüpp befreite, brachte immer wieder auch großartige Musik hervor. Jetzt hat er einen Ausweg gefunden, der auf Anhieb überrascht, dessen Konsequenz dann unbedingt einleuchtet. Neil Young hat sich seine eigene Welt erfunden. Er gab ihr den Namen Greendale: eine fiktive Kleinstadt an der amerikanischen Westküste, in der die Familie Green lebt - drei Generationen, deren Angehörige im wesentlichen eines gemeinsam haben: Sie bringen ihre Zeit vor allem damit zu, auf der Veranda zu sitzen und dem Leben beim Verstreichen zuzusehen. Doch das Leben läßt die Greens nicht in Ruhe, und die Familie gerät in einen Strudel grotesker Ereignisse, wie sie wohl nur im wirklichen Leben passieren.

          Young ist mit diesem Alterswerk, das sein OEuvre krönt wie der Sonnenuntergang ein gewaltiges Bergmassiv, nichts weniger als die Quadratur des Kreises gelungen. Indem er den Kosmos von Greendale entwarf, in bestechender Schlichtheit, wie sie nur größten Geschichten eignet, kam er der Wirklichkeit näher als vielleicht irgendwo sonst in seinem Werk. "Greendale" ist in sich komplett gerundet. Den labyrinthischen Erzählungen aus dem Familienleben, denen Young eine ganz eigene Diktion seines neuerlich verknappten Sprechgesangs anverwandelt hat, die sich an den großen Balladenerzählern orientiert und dabei doch einen ganz eigenen Grundton gewinnt, entspricht die Musik. Sie findet eine wie selbstverständliche Balance zwischen Kargheit der Form, Melodien, die sich ins Gedächtnis schwingen, Dramatik demonstrativen Weglassens und epischen Soli als Repetitionsverstärkern.

          Kein Wort zuviel

          Bild: Warner

          Das Personal des Albums ist erprobt, jeder spielt seine Rolle perfekt. Unter den Musikern seiner langjährigen Begleitband "Crazy Horse" hat Young diesmal auf den Gitarristen verzichtet, refrainweise illustrieren die "Mountainettes", ein Chor aus vier Frauenstimmen, Youngs Moritaten: auch als Sound geradezu brechtscher Verfremdung. Mit "Greendale" finden Form und Inhalt zu einer seltenen Symbiose sogar im Rock, wo sich die Elemente schon aufgrund ihrer Selbstbeschränktheit prinzipiell nahe sind: absolute gegenseitige Entsprechung. Kein Wort ist zuviel oder zuwenig. Und auch kein Ton.

          Der Geschlossenheit des Songzyklus entspricht die Darbietung. Das Cover zur CD fügt jedem Lied eine Zeichnung und einen Text bei, die das Folgende interpretierend vorwegnehmen - gerade so, wie man im Gespräch die Vorgeschichte einer Erzählung umkreisen würde, wenn man unendlich viel Zeit hätte und bei der Endfertigung der Gedanken schon einmal den Klang der Worte erproben wollte. Sinnfällig illustriert dies Youngs Vorrede des Albums: Es passiere viel in Greendale, von dem er nichts wisse. Dabei habe doch er die Stadt und ihre Menschen erfunden. Koketterie? Gewiß. Aber gut überlegt: Man muß den Liedern ihren Lauf lassen. Youngs Greendale-Mär hat den Charme des Unfertigen, der genau aus der höchsten und vielleicht letzten Verfeinerung seiner Kunst resultiert, mit den Modellen des Rock umzugehen.

          Ein klassisches Werk

          Die Platte ist nicht auf einhellige Begeisterung gestoßen. Das war bei Neil Young ohnehin selten der Fall. Auch das ist es, was seine Bedeutung über die Jahrzehnte ausmacht. Andererseits ging es bei ihm noch nie so sehr darum, Innovationskraft zu rühmen, Neil Young war und ist gewiß nie Neuerer. Doch seine Fähigkeit, Vorgefundenes weiterzuentwickeln, als würde es ihm ganz allein gehören, machte ihn zum Rockklassizisten. "Greendale" ist ein klassisches Werk, auch in seiner Abgeschlossenheit von den Zeitläuften.

          Ob man die Platte nun als eine Art Wallfahrt des vielleicht doch über die Jahre wunderlich gewordenen Alten in eine zusammenphantasierte Welt aus Kleinbürger-Eskapismus und Größendeutungswahn hören will, als Kommentar zur allgegenwärtigen (Medien-)Gewalt in Amerika oder gar als Sublimierung des Schocks vom 11. September 2001 - ein Unternehmen, an dem sich im vorigen Jahr schon Bruce Springsteen verhoben hat: Anders als viele frühere Platten Neil Youngs läßt dieses Album ganz unterschiedliche Höransätze zu - ja, es fordert sie sogar heraus. Man müßte schon eine grundsätzliche Abneigung gegen diesen Musiker pflegen, um "Greendale" gänzlich abzulehnen. Es ist ein Meisterwerk.

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