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Bruce Springsteen wird siebzig : Geboren, um abzuhauen

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Er ist der Boss: Bruce Springsteen. Bild: dpa

Für die einen ist er ein singender Dichter, für andere der ehrlichste Arbeiter im Bergwerk des Rock`n`Roll. Dass er eine Chronik Amerikas geschrieben hat, ist unbestritten. Er ist der „Boss“. Heute wird Bruce Springsteen siebzig.

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          Im Jahr 1973 hätte man ihn fast für einen Beat-Dichter halten können. Zehn Jahre später machte Bruce Springsteen die muskulöseste Rockmusik der Welt, in einer Zeit, als Rock bereits das erste Mal totgesagt worden war, und noch einmal etwas mehr als zehn Jahre später, 1995, leitete er ein neues Folk-Revival ein. Seitdem kann man sich nicht mehr ganz sicher sein, was dieser Mann ist und will, wahrscheinlich eine Mischung aus allem. Barack Obama immerhin war sich sicher: „Ich bin der Präsident – aber er ist der Boss.“

          Jan Wiele

          Redakteur im Feuilleton.

          Wüsste man nicht, von wem sie stammen, würde man so verschiedene Alben wie Springsteens Debüt „Greetings from Asbury Park, New Jersey“, sein legendäres Fünffach-Vinyl „Live 1975-1985“ mit der E-Street-Band und eben das völlig heruntergedimmte „The Ghost of Tom Joad“ womöglich nicht demselben Künstler zurechnen, so unterschiedlich mutet bereits der Gesang an, von der Instrumentierung ganz zu schweigen.

          Swingjazzklänge liegen unter dem delirierenden „Spirit in the Night“ vom ersten Album, röhrende Boss-Stimme und röhrendes Saxophon des bereits verstorbenen Clarence Clemons dominieren eine Aufnahme wie die von „Hungry Heart“ im Nassau Coliseum vom Silvesterabend 1980, und ein ohne Kopfhörer kaum richtig wahrnehmbares Gitarrenzupfen ist schon fast alles, was außer dem leisen Parlandogesang am „Highway 29“ auf dem Tom-Joad-Album noch stattfindet – in einer Song-Kurzgeschichte, die ganz ähnlich wie Ambrose Bierce' etwa hundert Jahre älterer „Zwischenfall an der Eulenfluss-Brücke“ womöglich halluzinierend von jemandem erzählt wird, der bereits im Sterben liegt.

          Bruce Springsteen, 2007.

          Damit sind wir bei der Literatur. Dass Springsteen auch noch ein großer Dichter ist, scheint seit dem Nobelpreis für Bob Dylan keine allzu abwegige Einschätzung mehr – auch wenn Leonardo Colombati in seinem jüngst bei Reclam erschienenen Buch über Springsteens Songtexte beklagt, dass dieser noch nicht in der „Norton Anthology of American Literature“ vertreten sei. Aber dass die inzwischen weit über dreihundert Lieder eine Art amerikanische Chronik formen, würden wenige bestreiten.

          Nach Übungen in babylonisch verwirrter Großstadtlyrik in Dylans Fußstapfen („Madman drummers, bummers and indians in the summer with a teenage diplomat“) ist Springsteen bald zum Meister des realistischen Vorort-Dramas geworden, bei dem allerdings noch in der größten Misere ein abfahrbereites Auto vor der Tür steht. „My car’s out back, if you’re ready to take that long walk / From your front porch to my front seat / The door is open, but the ride ain’t free“, heißt es in seinem vielleicht besten Stück „Thunder Road“, das so etwas wie den Inbegriff des Springsteen-Gefühls darstellt.

          Colombati will in seinem Buch das Gesamtwerk Springsteens gar zu einem großen amerikanischen Roman ausdeuten, was allerdings wohl nur eine Metapher sein kann. Mit den Interpreten, die mitunter auch schon ganze Bücher über einzelne Alben veröffentlicht haben so wie etwa der Historiker Louis P. Masur über „Born to Run“, geht öfter einmal der Gaul durch, es gibt auch unter Akademikern viele Springsteen-Aficionados.

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