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Rock : Bekenntnisse eines englischen Crackrauchers

  • -Aktualisiert am

Vorm Absturz bewahrt: Pete Doherty live Bild: AP

Drogen sind böse, aber gute Musik hat mit Moral nichts zu tun: Das kaum für möglich gehaltene Album von Pete Dohertys „Babyshambles“ ist ein Nachlaß zu Lebzeiten. Und Kate Moss singt auch.

          4 Min.

          Kate Moss kann nicht singen - die für manche sicher wichtigste Information hat dieses Album schon nach fünf Minuten preisgegeben. Warum sollte sie auch? Pete Doherty sieht ja auch nicht gut aus.

          Auf dem Album, das er nach seinem Rausschmiß bei den „Libertines“ mit seiner neuen Band aufgenommen hat, steuert Moss gleich im ersten dahinrumpelnden Song ein paar Gesangspassagen bei, als wollte man es möglichst rasch hinter sich haben. „La Belle et la Bete“ heißt das Lied und nimmt damit ironisch das Trivialschema auf, nach dem die Boulevard-Zeitungen die Beziehung von Top-Modell und Rockstar gestaltet hatten: die - unschuldige - Schönheit, die in der schlechten Gesellschaft des dämonischen, unreifen Wüstlings zu Drogen verführt wurde. Im Song freilich ist die Schöne zugleich das Biest.

          Sensationelle Enthüllung

          Daß wir es mit der Popwelt zu tun haben, merkt man bereits an der Schwierigkeit, für das Verhältnis zwischen Moss und Doherty eine passende Bezeichnung zu finden: „Lebensgefährten“ wohl kaum, „Partner“ noch weniger, „Freund“, „Lover“, wer weiß das schon? Die Enthüllung, daß Kate Moss, Ikone des magersüchtigen Drogenchics der Neunziger, kokst, ist, für sich genommen, so sensationell wie ein altbiertrunkener Campino oder ein Rainald Goetz auf Ecstasy.

          Singt auch: Kate Moss
          Singt auch: Kate Moss : Bild: picture-alliance/ dpa/dpaweb

          Wenn nicht einfach Naivität oder pure Heuchelei hinter der Skandalisierung stecken, dann kann man es auch als Symptom für die gegenwärtige Wahrnehmung von Pop überhaupt nehmen: Man hat sich schon so sehr daran gewöhnt, die Popkultur als eine Scheinwelt anzusehen, in der jeder nur seine von Vermarktungsinteressen bestimmte Rolle spielt, daß die Übereinstimmung von Signifikant und Signifikat wie ein Realitätsschock wirkt. Im Hip-Hop zuckt man mit den Achseln, wenn Gangsta-Rapper wirklich schießen. Im Rock dagegen hält man das Antibürgerliche, das Gewalttätige und die Selbstzerstörung für verkaufsfördernde Pose: Nach Kurt Cobain, in den Augen der Theorie-Spießer selbst schon eine Hendrix-Kopie, kann man das doch wirklich nicht mehr bringen.

          Ohne Drogen lief gar nichts

          Wer die „Libertines“ einmal live gesehen hat, der weiß, daß hier ohne Drogen gar nichts lief. Mit dem ersten Taktschlag wirkte das Frontmänner-Duo Pete Doherty und Carl Barat beim Konzert wie unter Starkstrom gesetzt. Musikalisch hat die Band ihren Platz in der Popgeschichte sicher, hat sie doch mit ihrem Debütalbum „Up The Backet“ - unter Rückgriff auf die reiche nationale Tradition von „The Kinks“ bis „The Clash“ - dem seit Jahren elegisch dahinsiechenden Britpop eine Blutauffrischung verpaßt. Doherty brachte die ganze Glaubwürdigkeits-Chose in den Rock zurück und füllte damit bis zum Zusammenbruch jene Planstelle aus, die nach dem zeitweilig zur Selbstkarikatur gewordenen „Oasis“-Sänger Liam Gallagher unbesetzt geblieben war.

          Zum Star, der auch einem rockmusikalisch ignoranten Publikum ein Begriff ist, wurde Doherty erst durch seine Exzesse beziehungsweise die scheiternden Versuche, sein Leben wieder auf die Reihe zu bekommen, so daß man inzwischen besser über sein suchtdämpfendes Magenimplantat informiert ist als über seine Instrumentenwahl. Daß unter diesen Umständen - getreu dem Motto: Nase zu und durch! - überhaupt ein neues Album entstand, ist Überraschung genug.

          Nachlaß zu Lebzeiten

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