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Ritchie Blackmore auf der Loreley : Stromgitarren überm Schlammfeld

Endlich wieder elektrisch: Ritchie Blackmore Bild: Shooter Promotions

Nach Jahren des Renaissance-Folk besinnt sich Ritchie Blackmore und greift wieder zur E-Gitarre. Die Auferstehung seiner legendären Band Rainbow auf der Loreley begeistert seine mit ihm gereiften Fans.

          Um kurz vor halb zehn fängt es wieder an zu regnen. Nicht in Sturzbächen, wie in den Tagen zuvor und am frühen Abend, sondern eher sanft. Genug, um einige der gut 15.000 Leute im weiten Halbrund dazu zu bringen, ihre Schirme aufzuspannen. Aber nicht annähernd genug, um ihnen und der längst von Matsch und Modder überzogenen Loreley noch ernsthaft zusetzen zu können. Seit Stunden tasten sich die Leute auf dem abschüssigen Gelände vorsichtig durch den Schlamm, stehen geduldig an Wurst- und Bierständen an und rascheln mit ihren Regenponchos. Jetzt wollen alle nur noch eins. Oder besser einen: Ritchie Blackmore. Doch der lässt sich Zeit.

          Peter Badenhop

          Blattmacher in der Rhein-Main-Zeitung.

          Aber auf ein paar Minuten kommt es nun eigentlich auch nicht mehr an. Mehr als zwei Jahrzehnte lang hat sich der Mann, der in den Siebzigern und Achtzigern erst mit Deep Purple und später mit seiner eigenen Band Rainbow zur Legende wurde, nicht blicken lassen. Zumindest nicht als der geniale Schöpfer zeitloser Riffs und Akkorde, als der er in die Rockgeschichte eingegangen ist. Stattdessen ist Blackmore in den vergangenen Jahren als mittelalterlicher Klampfen-Zupfer durch die Lande gezogen. Mit seiner vierten Frau Candice Night hat der Liebhaber von Burgen, Rittern und Filzhüten unter dem Bandnamen Blackmore’s Night eine Art Renaissance-Folk in mittelalterlicher Kostümierung zum Besten gegeben – und seine alten Fans schmachten lassen.

          Sie könnten seine Söhne sein

          Die stehen jetzt im Schlamm vor der Freilichtbühne auf dem Loreley-Felsen und freuen sich, dass sich der Meister besonnen hat und endlich wieder zur E-Gitarre greift. Für zwei Konzerte in Deutschland und eines in England lässt Blackmore Rainbow auferstehen. Auf der Loreley macht er unter dem ebenfalls aus der Versenkung hervorgekramten Titel „Monsters of Rock“ und mit Unterstützung von Thin Lizzy und Manfred Mann's Earthband den Anfang – und um halb zehn steht er tatsächlich auf der Bühne. Nicht in Mittelalter-Klamotten, sondern ganz in Schwarz, mit seinem kaum lichter gewordenen Zottelhaar, seiner weißen Gitarre und einem scheuen Lächeln. Wie stets erklingt zu Beginn eine Sequenz aus „The Wizard of Oz” mit dem klassischen Zitat „I have a feeling we're not in Kansas anymore. We must be over the rainbow!" – und dann folgen dreizehn Songs, die das mit ihrem Star gereifte Publikum zum Schwärmen bringen.

          Während manche alten Rocker irgendwann zur traurigen Karikatur ihrer selbst werden, schaffen es andere, in Ehren zu ergrauen und ihr Werk altersgerecht zu präsentieren. Black Sabbath, die gerade auf Abschiedstour sind, und Blackmores alte Kameraden von Deep Purple gehören zweifellos zu dieser Kategorie. AC/DC im Grunde auch – zumindest bis zur unseligen Allianz mit dem unkalkulierbaren Axl Rose. Im Gegensatz zu diesem hat der ebenfalls für seine Exzentrik berüchtigte Blackmore tatsächlich ein bemerkenswertes musikalisches Werk vorzuweisen, und die Songs, die an diesem Abend auf der Loreley erklingen, zeigen, was die Musikwelt dem Mann zu verdanken hat.

          Zwar sind außer Blackmore selbst keine Musiker aus früheren Tagen dabei, alle Mitglieder der neuen Rainbow-Besetzung könnten problemlos seine Söhne sein. Aber das Repertoire spricht für sich, und während sich der Meister im Hintergrund hält, macht besonders Sänger Ronnie Romero seine Sache auch bei anspruchsvollen Deep-Purple-Songs wie „Mistreated“ oder „Child in Time“ und Rainbow-Klassikern wie „Man on the Silver Mountain“, „Catch the Rainbow“ und vor allem dem unvergänglichen „Stargazer“ erstaunlich gut. Manche Nostalgiker vor der Freilichtbühne mögen sich insbesondere während dieses Höhepunktes des Abends wehmütig an den vor sechs Jahren gestorbenen Ronnie James Dio erinnern, ohne dessen stilprägendes Songwriting und beispiellose Bühnenpräsenz Rainbow gar nicht denkbar gewesen wäre. Aber auch sie sind am Ende zufrieden mit der würdigen Präsentation des Blackmore’schen Werks – und verlassen das schlammige Veteranentreffen hoch über dem Rhein mit der Hoffnung, der Altmeister möge noch lange weiterspielen. Nicht mit der Klampfe, sondern mit der E-Gitarre.

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