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Rins neues Album : Der Ernst des Klebens

  • -Aktualisiert am

Rin beim „Dockville“-Festival in Hamburg Bild: dpa

Oberflächlich, belanglos, leer und schön: Auf „Nimmerland“ stellt der Rapper Rin noch einmal die ewigen Fragen nach dem Erwachsenwerden. Gut, dass es vorbeigeht.

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          Rational betrachtet, spricht fast alles gegen „Nimmerland“, das zweite Album des Rappers Rin: Oberflächliche Strophen treffen auf Refrains, die für immer im Ohr kleben, kein Stilvergehen der Popgeschichte war verheerend genug, um nicht von Rin herausgezerrt zu werden (Rio Reiser „Junimond“, „Du trägst keine Liebe in dir“ von Echt), und noch in den besten Momenten klingen die Konsumanleitungen, Liebesliedchen und Selbstmitleidsergüsse so, wie ihre offensichtlichen Vorbilder aus Amerika vor zwei bis vier Jahren geklungen haben. Rappt Rin mal eine tiefgründige Zeile, geht sie so: „Was bringt mir meine Roli, wenn ich keine Zeit hab?“ Roli für Rolex, klar. Inhalt hat Renato Simunovic, Mitte zwanzig, aus dem schwäbischen Städtchen Bietigheim-Bissingen, rückstandslos durch Marken-, Rapper- und It-Woman-Namen ersetzt. Verglichen mit Rin macht sogar ein Kollege wie Marteria subversiven Conscious Rap. Rin singsangt total gleichgültigen Content Rap.

          So könnte man die Sache schnell erledigen, und Rin liefert dafür die perfekt größenwahnsinnigen Zitate. Über sein Debüt „Eros“, mit dem er vor zwei Jahren den Durchbruch schaffte und dieselbe Art Kritik auslöste (belanglos, hedonistisch und so weiter), sagt er heute: „Das, was ich damals gemacht habe, war so neu, so fern von allen Parametern, die Leute entwickelt hatten, dass es mich eher aufgeregt hätte, wenn alle sofort darauf eingestiegen wären. Ich habe die Kritiken gelesen und gelacht und dabei gedacht: ,Okay, ich habe genau das Richtige gemacht.‘“

          Sein neues Album verteidigt er mit einem Kanye-West-Vergleich: „Nehmen wir zum Beispiel mal ,Yeezus‘. Kanyes meistverrissenes Album, aber jetzt beruhen die letzten fünf, sechs Jahre Hiphop darauf. Ich glaube, ,Nimmerland‘ wird sehr, sehr lang brauchen, bis die Leute verstehen, was ich da mache. Weil ich den Hörern viel abverlange.“ Logisch aber interessiert sich ein Star wie er sowieso nicht für Kritik. „Klar, für manche Kritiker ist alles Schmarrn und Käse, aber das hat mich noch nie interessiert, weil ich weiß, dass die Kids die Lyrics verstehen.“ Das erzählt Rin am Telefon, während er in seinem S-Klasse-Mercedes durch ein paar Funklöcher zur Verleihung der „1Live Krone“ gefahren wird.

          Geleiertes „Ha-ah-ah-ah“

          Dummerweise gelten diese rationalen Argumente genau so lang, wie Rins Musik nicht läuft. In dem Moment aber, da er die ersten Worte des ersten Songs von „Nimmerland“ singt, und weil da Rin singt, sind das keine richtigen Worte und ist das kein richtiger Gesang, eher so ein geleiertes „Ha-ah-ah-ah“, in dem allerersten Moment hat er einen schon mit dem sphärischen, verträumten Sound, wie ihn Rin in den vier Jahren seit seinen ersten Videos auf Youtube perfektioniert hat. Die verfremdete Stimme, mehr Gesang als Rap, Gefühl statt Reimtechnik: Rins unverwechselbare Ästhetik, zusammengebaut aus Halbsätzen, Schlagwörtern und Wie-Vergleichen.

          „Wir wollen alle nach Amerika wie Nascar / Träume in der S-Bahn / Geblendet von den Lichtern dieser Weltstars / Die Schwerkraft verschwindet in mei’m Benzer“. Das sind die ersten Zeilen von „Nimmerland“, und man findet sie entweder nichtssagend oder dann doch ziemlich gut. Wenn Rin in wenigen Worten eine Szene entwirft – junger Mann in der S-Klasse erinnert sich an den Jungen in der S-Bahn, Träume damals, erhörte Gebete heute –, dann ist das keine besonders originelle Idee, und trotzdem beeindruckt die Eleganz, mit der Rin, der Teenie-Star, auf so wenig Raum zum jugendlichen Renato zurückblendet.

          Auf seinem Debütalbum hatte Rin vom Aufwachsen in der Kleinstadt erzählt, mit Tankstelleneistee und versteckten Kippen, vom Anhimmeln amerikanischer Rapper und italienischen Models. Mit dem neuen Album erinnert sich Rin noch einmal an seine Kindheit in den 1990er und an die Jugend in den 2000er Jahren – hier ein Jay-Z-Sample, da ein „Matrix“-Zitat –, um seine Jungswelt festzuhalten im „Nimmerland“ und sie dann endgültig zu verlassen und erwachsen zu werden.

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