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Ringo Starr in Berlin : Bloß keine Ehrfurcht!

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Einer muss es ja machen: Ringo Starr bringt „A Hard Day’s Night“ und „Tomorrow Never Knows“ zurück in die deutschen Konzerthallen. Bild: dpa

It don’t come easy: Der Drummer der Beatles zeigt in Berlin, dass sich 55 Berufsjahre als Weltstar auch ohne größere Gemütsschäden überstehen lassen. Sein Publikum findet er immer noch großartig.

          Über den weiten Platz vor dem Tempodrom im Berliner Stadtteil Kreuzberg schallen am Samstagabend Lieder der Beatles. John Lennon fordert „Come together“, Paul McCartney steigert sich dramatisch in den Ruf „Hey Jude“. In der Menschenschlange, die bis zur Straße reicht, stehen viele Paare. Die gnadenlos figurbetonenden T-Shirts mancher Männer beweisen, dass sich jahrelang Musik hören lässt, ohne dass man sich dabei bewegt.

          An Ringo Starrs gertenschlanker Figur dagegen lässt sich nicht der geringste Bewegungsmangel ablesen. Wenige Wochen vor der Vollendung seines achtundsiebzigsten Lebensjahrs federt er in Anzugsjacke und eleganten Sportschuhen auf die Bühne, in deren Hintergrund fünf Sterne leuchten. Für jeden Buchstaben des Wortes „Ringo“ einer.

          Ein zarter Hauch von Shea Stadium

          Darauf brechen dreitausend Menschen im ausverkauften Saal sofort in riesigen Jubel aus. Vor ihnen steht ein echter Ex-Beatle, singt irgendeinen Rock-’n’-Roll-Standard und springt dabei von einem Bein aufs andere. Das genügt für etliche, um eine Hand vor den Mund zu halten und Freudentränen zu vergießen. Ein zarter Hauch von Shea Stadium, wo die Beatles 1965 ihr legendäres Konzert gaben, liegt in der Sommerabendluft.

          Ringo Starr freut sich, und gleichzeitig wundert er sich auch nach 55 Berufsjahren mit ähnlichen Erfahrungen über diesen Aufruhr. Seine originellen, lustigen Wortspiele wie „A Hard Day’s Night“ oder „Tomorrow Never Knows“ haben die anderen Beatles seinerzeit auf Songtexte gebracht, und bis heute ist Humor Ringo Starrs Mittel, um Ehrfurcht zu verhindern: „Ich weiß gar nicht, was wir als Nächstes spielen“, sagt er nach dem zweiten Stück, dem zuversichtlich schwelgenden „It Don’t come Easy“. „Vielleicht gehe ich einfach mal fünf, sechs Schritte von rechts nach links und tue so, als würde das zur Show gehören.“

          Herrenabend: Ringo Starr in Begleitung der „All Star Band“ zu Beginn seiner Deutschlandtour in Flensburg.

          Starr hat die Beatles mit weniger Beschädigungen an Gemüt und Nervensystem überstanden als seine Kollegen. Denn weder brauchte er danach eine Urschreitherapie wie John Lennon, noch musste er sich mit Hare-Krishna-Jüngern umgeben wie George Harrison oder sich für längere Zeit auf einen entlegenen Landsitz zurückziehen wie Paul McCartney.

          Starr war an der Herausforderung gewachsen, Mitmusiker nicht nur als Schlagzeuger, sondern auch als Sozialfaktor zusammenzuhalten. Diese Aufgabe hat er bei den Beatles genauso übernommen, wie er sie heute mit seiner All Starr Band erfüllt. Deren Mitglieder lädt er seit bald zwanzig Jahren zu Touren ein, wenn ihn gerade kein humanitäres Projekt oder die Produktion einer weiteren Soloplatte in Anspruch nimmt. Darunter sind Graham Gouldman von 10cc und der Keyboarder Gregg Rolie, der die ersten Platten von Santana mitprägte. Seit einigen Jahren schon macht außerdem Steve Lukather mit, der Gitarrist von Toto. Lukather erhält für seine sicher ehrlich gemeinte Danksagung auf offener Bühne, „den Helden meiner Jugend begleiten zu dürfen“, das Recht, auch Songs seiner Stammband zu spielen. So kommt es mitten im Konzert von Ringo zu dem befremdlichen Moment, eine Aufführung von „Hold the Line“ zu erleben, einem Schlager in einem Pop-Rock-Gewand mit übertriebenem Gitarrensolo.

          Danach muss Starr den Abend wieder ins Lot bringen. Doch es gelingt ihm mit Leichtigkeit und schon bei der Ansage: „Wenn ihr den Song, der jetzt kommt, nicht kennt, dann seid ihr hier am falschen Platz. Er ist so bekannt, dass ich ihn noch nicht mal ansagen muss.“ Es folgt „Yellow Submarine“, und abermals fließen Freudentränen.

          „Ihr seid großartig“, ruft Starr, „und dazu seht ihr auch noch wundervoll aus. Am liebsten würde ich ein Bild von euch machen.“ Ein Smartphone zum Bildermachen hat er nicht dabei, aber dafür den passenden Song: „Photograph“. Dabei handelt es sich um einen weiteren seiner Hits aus den siebziger Jahren, der von der Liebe, einem seiner zwei Lebensthemen, handelt. Das andere ist der Frieden. Beide bringt Starr auch an diesem Abend unter – inklusive der Geste, mit der er in der Öffentlichkeit am liebsten für Fotografen posiert. Dazu reckt er seine Arme nach vorn, streckt beide Zeigefinger und Mittelfinger aus und faltet sie leicht auseinander. Die Reaktion des Publikums auf diese Love-and-Peace-Zeichen besteht aus höflichem Abwarten und verdruckstem Schweigen. Niemand hat viel gegen die Geste, aber die gut ausgeleuchteten Menschen im Tempodrom machen auf einmal Gesichter, als würden sie bei aller räumlichen Nähe zu Starr innerlich auf Abstand zu ihm gehen. Für einen Moment ist Ringo Starr wie aus der Zeit gefallen.

          Um dieses Gefühl zu überwinden, hilft es, sich auf zeitlose Hymnen zu konzentrieren. Starr stimmt „With a Little Help From My Friends“ an und geht von der Bühne, worauf die Band noch den Refrain von John Lennons „Give peace a chance“ folgen lässt. Da ist dann wieder alles in Ordnung.

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