https://www.faz.net/-gqz-8d0uw

Rihannas Album „Anti“ : Launische Königin in Gold und Blei

Ist das jetzt Punk oder was? Rausch und Arbeit ergänzen sich in Rihannas neuem Album „Anti“ aufs Schönste. Bild: Getty

Himmel, ist das unwiderstehlich: Rihanna ist ein Popstar auf der Höhe der Kunst. Auch ihr neues Album „Anti“ weiß, was es will.

          Was soll das heißen, Rihanna verschenkt ihre neue Platte? Wieso „verschenkt“? Weil man „Anti“ – so heißt das Produkt – zunächst im Netz kriegt, eine Weile jedenfalls, bevor es ab dem 5. Februar alle Stücke, wie gehabt, auf semi-obsoleten Tonträgern gibt? Weil man sich das Ding über Dienste holen kann, die man dafür mindestens kurzfristig auf irgendeiner Maschine installieren muss, womit diese Dienste schlagartig den Fuß in vielen neuen Türen haben?

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Ist doch kein Almosen, sondern solide gerechnet; eine Profi-Drogendealerin weiß, was sie tut, wenn sie Trips spendiert. Was? „Verschenkt“ sei anders gemeint und solle ein ästhetisches Urteil sein? Na schön, nichts auf dem Album geht so unmittelbar ins Ohr wie der mit Jay Z gezeugte Hyperhit „Umbrella“ (2007). Rihanna hat keine ihrer letztjährigen großen Singles auf „Anti“ gepackt und bearbeitet dafür lieber Material der Rockband Tame Impala (dem sie dabei allerdings Beine, Flossen und Flügel macht).

          Kein Grund zum Zahnfleischbluten: Auf „Anti“ findet sich trotzdem alles, was sie ihrem guten Ruf schuldet, vom Körperkurvenwackelexperiment auf unzerstechbaren Traumschaumblasen („James Joint“, Songtitel der Stunde) über ein Hintergrundsummen, das wie ein Meer aus vom Sternenwind bewegte Dünen in der nächtlichen Wüste der Sehnsucht klingt („Yeah, I said it“), bis zu Beats, die sich anhören, als zöge die Sängerin eine Schleppe aus erotischen Siegen hinter sich her oder blättere eine Seite nach der andern im großen Buch des Lebens um, mit zahlreichen fast unanständigen Bildern drin („Kiss it Better“).

          Diese delikate Verworfenheit bedeutet harte Arbeit

          Viel Freude für vorläufig wenig Geld demnach – wieso heißt das dann aber alles „Anti“ und nicht „Bitte sehr“? Hier und da erklären Leute sich und andern den Albumtitel unter Verwendung des Wortes „Punk“. Rihanna hat vermutlich nichts dagegen, aber mit dem, was bislang meist so hieß, nämlich der Gesellschafts- und Weltverneinung überwiegend weißer Kids aus der unteren bis mittleren Kleinbürgereinkommenszone, teils auch aus dem Erziehungsheim, hat „Anti“ nicht viel mehr zu tun als eine schlaue Schwester mit ihrem bockigen Bruder oder ein spitzes Gäbelchen mit einem stumpfen Messerchen.

          Rihannas diverse Verneinungen nämlich verneinen selbst meistens andere Verneinungen, wie das ja in der African-American Popkultur zwischen R’n’B und Hip-Hop seit Jahrzehnten üblich ist, wo ein Wort wie „Hater“ jedenfalls, anders als im Punk, kein Ehrentitel ist. „Nobody touch me, I’m the righteous“ heißt es im programmatischen Statement „Work“ auf „Anti“, einer Nummer, bei der die Königin, flankiert vom No-Nonsense-Gast Drake, außerdem klarstellt, dass der „Schmutz“, die delikate Verworfenheit und der ansteckende Lebensappetit, mit denen sie so gerne wedelt, harte Arbeit bedeuten.

          Man darf sie ruhig mal ernst nehmen

          Dazu serviert wird ein feines, mit der ganz langen Bastelschere aus dem Computer geschnittenes Schlängeltaktmaß, in dem sich alle Klapperschlangen der Glücksverheißung winden, klickety-klickety-klick, bis der ganze Hofstaat stöhnt: Himmel, ist das wieder unwiderstehlich, Euer Hoheit. Punk? Irgendwie auch, ja, aber nur, wenn man begreift, dass das Wort da, wo diese Frau herkommt, etwas anderes bedeuten müsste als in krachsüchtigen Wutohren – so wie ja auch Public Enemys berühmter Slogan „Fight the Power“ nicht als Anarchoslogan für Barrikadenrandalierer gedacht war, sondern die Selbstemanzipation von Menschen artikulieren sollte, die ihr eigenes Business, ihre eigenen Leidenschaften und ihre eigene Kunst gegen die blöden Bedingungen und trüben Tage behaupten wollten und wollen, die für ihresgleichen in den Vereinigten Staaten von Amerika vorgesehen waren und sind, wo institutionalisierter und alltäglicher Rassismus denen, die solche Musik machen, aufgrund ihrer Herkunft jedenfalls immer noch genug Verneinungen in den Weg stellt („Yeah, yeah, there ain’t nothing / There ain’t nothing here for me“ heißt es auf „Desperado“, aber da geht es um eine Privatangelegenheit – vielleicht).

          „Work“, Arbeit, ist das nicht das, was Punk abschaffen will? Die tätige Verwandlung eines andernfalls betrübten, bedürftigen und beschränkten Selbst als Voraussetzung für die Verwandlung der verkehrten Welt, am besten in Liebe, muss halt sein, darum geht’s – „But I wake up and everything’s wrong / Just get ready for work, work, work“.

          Man darf also ruhig mal ernst nehmen, was diese demnächst achtundzwanzigjährige Künstlerin so alles beschwört und hervorbringt, seit sie sich, mal als Tomboy-Kittycat, mal in Stricksachen und Wollstacheldraht, mal badend in Barbiepuppen, ins Geschäft geworfen und Respekt verschafft hat, unberechenbar damenhaft („I’m such a fookin’ lady“). In letzter Zeit bewegt Rihanna sich von der Herdplattenhitze der Anfangstage eher in Richtung Disneyprinzessin, mithin (bevor sie den nächsten Haken schlägt) in Gegenrichtung zum Karrierepfad von Miley Cyrus, der anderen höchstprominenten Alben-ins-Netz-Gießerin der jüngeren Zeitgeschichte. Aber beides funktioniert, auf je unterschiedliche Art, als Veredelung und damit ein schöner Beleg dafür, dass Gegensätze in der Kunst einander wortlos verstehen. Das alles ist einerseits Konzept und andererseits Laune, eben immer beides. Das Gold des Rausches, das Blei der Arbeit: Eine eigentlich unmögliche Legierung, aber auf „Anti“ eine sehr starke.

          Weitere Themen

          Im Himmel über Berlin

          Lewitscharoffs Roman „Von oben“ : Im Himmel über Berlin

          In ihrem neuen Roman „Von oben“ erteilt Sibylle Lewitscharoff einem dampfplaudernden Geist das Wort. Dieser schwebt über Berlin, während er sich über Gott und die Welt auslässt – alles nur, um erlöst zu werden?

          Topmeldungen

          Braunkohlekraftwerk Jänschwalde hinter dem ehemaligen Braunkohletagebau Cottbus-Nord

          Details des Klimapakets : Wer hat’s erfunden?

          Kommenden Freitag soll das Klimapaket beschlossen werden. Um die entscheidenden Details wird bis zuletzt gerungen: Offen ist vor allem die Frage, wie viel die Tonne CO2 kosten soll.
          Der frühere türkische Ministerpräsident Ahmet Davutoglu trat am Freitag mit fünf anderen Politikern aus der AKP aus.

          Austritte aus der AKP : Rebellion gegen Erdogan

          Einige prominente Politiker sind aus der türkischen Regierungspartei AKP ausgetreten, um ihre eigenen Bewegungen zu gründen. Für den türkischen Präsidenten Erdogan könnte es eng werden.
          Christian Pirkner, Chef des Bezahldienstes Blue Code

          Angriff auf Google Pay : „Ich liebe unmögliche Missionen“

          Bisher zahlt kaum jemand mit dem Smartphone. Doch der Unternehmer Christian Pirkner will dem mobilen Bezahlen in Europa zum Durchbruch verhelfen – und legt sich dabei sogar mit Google und Apple an.
          Schild vor dem Trump Hotel in Washington, 21. Dezember 2016

          Klage von Hoteliers : Hat Donald Trump die Verfassung gebrochen?

          Trump schädige ihr Geschäft, indem er Diplomaten nötige, in seinen Hotels abzusteigen, monieren Gaststättenbetreiber. Damit haben sie vor einem New Yorker Gericht einen Etappensieg errungen. Nun könnte der Surpreme Court den Fall an sich ziehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.