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Rihanna in Frankfurt : Handys gegen Hass, wie Diamanten am Himmel

Von dicken Brillengläsern zu Wildleder: Immer wieder tanzt Rihanna sich in neue Rollen. Bild: Picture-Alliance

Schwere Zeiten für Schönheit und Glück: Zwei Tage nach ihrem abgesagten Konzert in Nizza tritt die Sängerin Rihanna in Frankfurt auf und setzt ein leuchtendes Zeitzeichen.

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          Aus tiefster Stadionseele seufzt ein molliger Dunkelton in der Frankfurter Commerzbank-Arena dem Volk durch alle Knochen. Dann tapst eine Kinderkatzentatze ein paar Takte auf dem Klavier. Wiederholung, zweite Wiederholung, und endlich erscheint ein unscheinbares Wesen unter weißer Schlumpfmützen-Bonbonverpackungskapuze inmitten der Menge und singt: „All along it was a fever / A cold sweat hot-headed believer.“

          Dietmar Dath

          Redakteur im Feuilleton.

          Die Leute wissen für einen schweren, kostbaren Moment nicht, ob sie jetzt eher Schweißausbrüche oder Tränenfluten in sich aufsteigen spüren, als die Gestalt, deren Gesicht man noch nicht sieht, ihre Hand hebt, perfekt passend zu der Zeile: „I threw my hands in the air, I said show me something.“ Ruchlos rote Fingernägel, ein schmales Handgelenk mit mystischen Mustern drauf, so steht die kleine große Person jetzt auf einer leicht erhöhten Insel vor der Bühne. Um sie schwappt die Verehrung der Massen, sie aber ruft: „Stay!“ Das Wort fliegt aus ihrem Mund in die Höhe wie ein Vorhang, der sich im warmen Wind aus dem Süden hebt.

          Zur Eröffnung ein sehnsüchtiges Duett – allein

          Wie lautet noch mal der deutsche musikkritische Fachausdruck für diese Art von ungeheuerlichem Moment? Richtig: Meine Fresse! Unfassbar. Wer macht denn so was? Ein Großevent mit einer stillen, lieblichen, sehnsüchtigen Ballade eröffnen, die eigentlich ein Duett ist, aber allein, ungeschützt, abgerüstet bis ins Herz? Im Lehrbuch für Stadion-Rambazamba steht: Man muss die Menschen anfangs aufpeitschen. Rihanna macht etwas anderes – sie verführt und hypnotisiert – sehr clever, aber keine Spur kokett.

          Nicht, dass man kurz darauf nicht auf Touren gebracht würde von der Frau mit den höchsten Stiefelhosen der Welt (wenn Cowgirls fliegende Einhörner reiten würden, die Regenbogenfeuer speien, müssten sie sich so anziehen). Anderthalb Stunden lang tanzt sich Rihanna durch ihren gesamten Rollenfundus, vom scheuen Rihännchen hinter dicken Brillengläsern bis zur cybersexuellen Rihannatrix in X-und-Y-kreuzgenähten Wildledersachen. Viele nette Zurufe in Richtung der Einheimischen – „Hey, Frankfurt!“ – geben dem Abend unter Leitung der Frau, die bekennender Fan der hiesigen Fußball-Nationalmannschaft ist, mitunter ein so deutsch-internationales Völkerverständigungsgepräge, dass man sich schon Pidgin-Wendungen wie „unsere Queenigin“ ausdenken will.

          Stars sind Stars, weil sie vielen Menschen viel bedeuten; und bei „Bedeutung“ darf man sogar an Politisches denken, zum Beispiel daran, dass Rihanna sich mit anderen African American und sonstigen Stars vor kurzem an einer Netzbotschaft darüber beteiligt hat, wie harmlos die meisten der Auffälligkeiten sind, für die man in den Vereinigten Staaten als Schwarze oder Schwarzer zu Tode kommen kann. Ein paar Stunden vor dem Frankfurter Konzert wurden zum zweiten Mal in diesem Monat Polizisten nach Vergeltungslogik für diese Tode erschossen, diesmal in Baton Rouge.

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