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Richard Ashcroft : Süßer Bruder Malcolm, warum ist nicht nichts?

  • -Aktualisiert am

Mein Haus, mein Auto, mein blauer Pulli: Richard Ashcroft Bild: Max Dodson/EMI

Der Mann braucht etwas länger, aber es kommt wunderbare Popmusik dabei heraus: Richard Ashcroft, früherer Kopf von „The Verve“, beweist auf seiner dritten Platte seine unvergleichliche Kunst.

          3 Min.

          Ein Stampfrhythmus, wie ihn auch der Kollege Brett Anderson nicht besser hinbekommt, rockklassisch sägende Gitarren, satte Bläser und ein Refrain, der die Turbulenzen des Lebens in der simpel-aufsässigen Frage zusammenfaßt: „Why Not Nothing?“ - selten, genaugenommen noch nie ist Richard Ashcroft so mit der Tür ins Haus gefallen wie jetzt, wo sein drittes Soloalbum endlich vorliegt.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Daß sich der Abstand zwischen seinen Lieferungen von zwei Jahren auf fast dreieinhalb vergrößert hat, gab Anlaß zu der Sorge, ob dem Qualitätsbewußten überhaupt noch etwas gut genug sein würde. Denn seine ersten beiden Platten hatten zwar doppelte Vinyllänge; sie waren aber, alles in allem, Beispiele eines erlesenen, fast heiklen und jedenfalls in der Popmusik seltenen Geschmacks, ohne daß Ashcroft sich dem Verdacht übertriebener Tüftelei hätte aussetzen müssen.

          Wenn's paßt, etwas Pathos

          Und nun? „Keys to the World“, genauso großspurig betitelt wie der Vorgänger „Human Conditions“, bietet das, was man von einer Richard-Ashcroft-Platte erwarten kann und wohl auch weiterhin bekommen wird: eine sorgfältige und nie aufdringliche Instrumentierung, Melodien, die in ihrem Verlauf zuerst nicht recht auszumachen sind, sich dann aber als zwingend erweisen, und, wenn's paßt, etwas Pathos. Es ist dieser wie in Watte gepackte und doch eigentümlich spillerig-nervöse Sound, der in Ashcrofts klapperdürrer, irgendwie messiashafter Gestalt seinen Resonanzboden hat. Daß er wieder reichlich Streicher zum Einsatz kommen läßt, könnte pompös und selbstzufrieden wirken. Aber so ist diese Musik nicht; sie ist hellwach, und man kann sicher sein, daß er sich jede Note, jede Phrase, jedes „aahaah“ und „uuhuuh“, jeden Steelgitarrenton zweimal überlegt.

          So ist es denn erneut ein sehr durchdachtes Album geworden, das alle ashcrofttypischen Merkmale zwischen der Opulenz von „Bitter Sweet Symphony“ aus „Verve“-Zeiten und geradlinigem Songwriting aufweist. Allerdings ist es etwas schwächer, weniger bündig als der Vorgänger, aber das will nicht allzuviel besagen. Es lohnt schon wegen des Einstiegs die Anschaffung: „Why Not Nothing?“ hat eine Härte, wie sie für diesen Musiker untypisch ist, aber gleichzeitig soviel Popflair, daß die Wirkung euphorisierend ausfällt. Der Refrain rührt an die Grundfrage des Nihilismus: Wieso ist etwas da und nicht vielmehr nichts? Ashcroft, der es früher mit der Verzweiflung des Außenseiters hielt und noch auf seinem Solodebüt lieber allein war mit jedermann („Alone With Everybody“, 2000), greift seit längerem aus ins umfassend Erklärende oder zumindest Fragende. An der Diagnose hat sich nicht viel geändert: Es ist eine mixed up world, in der wir leben.

          Ungemein intensive Momente

          Der Rest der Platte ist zu einem guten Teil bester Pop, bei dessen Vortrag Ashcroft wie gewohnt nur ganz selten bis zum Äußersten geht. Dabei spielt er seine Stärke, einen Song nie auszusingen und dabei trotzdem irgendwie mitreißend zu wirken, meistens adäquat aus. Zwei Songs - „Words Just Get in the Way“ und „World Keeps Turning“- wirken, wie das manchmal so ist bei ihm, ausgesprochen lasch und würden auch im Dudel-Mainstream-Schmusepop-Programm nicht weiter stören; komischerweise enthalten sie die ashcroftschen Zentralbegriffe word und world. Das wirkt austauschbar, hat aber System, zumal der raffiniert-leidenschaftliche Titelsong „Keys to the World“ heißt. Man meint zunächst, konturlose Weltmusik zu hören, aber dann schält sich doch etwas sehr Greifbares, Haltbares heraus. „Here we go agaiiin“, wimmert er, als läge in seiner Pose der Schlüssel zur Welt. In solchen ungemein intensiven Momenten liebt man Ashcroft auch für das, was Teile seiner Kunst nicht einlösen.

          Der logos aber lautet auf Musik: „Music Is Power“, der zweite Titel, wartet mit jenen zunächst schwer durchschaubaren quecksilbrigen Qualitäten auf, die „The Verve“ zu einer großen Band machten und auch von den Kritikern als etwas Neues empfunden wurden. Dagegen wirkt das vorab als Single herausgebrachte „Break the Night With Colour“ fast brav, besticht aber mit einem makellosen Klavier und der getragenen Stimme, die ein Kritiker dieser Tage nicht zu Unrecht mit der Neil Diamonds verglich. Insgesamt klingt Ashcroft heiserer; manchmal scheint er seine Stimme absichtlich in jene Bereiche des Brüchigen abzuschieben, die eher für klassische Rocksänger reserviert sind, so in dem mit ganz leisen Fernost-Klängen unterlegten Gospel „Sweet Brother Malcolm“.

          Er braucht die Zeit

          Anderes ist ihm popklassisch geraten, „Cry Till the Morning“ zum Beispiel, das perlend anhebt und sich dann in ein Knurren und Lärmen hochsteigert. Wieder muß man Ashcrofts Gespür für den kostbaren Moment bewundern, das sich in diesem Fall darin äußert, daß er weiß, um den wievielten Teil einer Sekunde man ein Schlagzeug verzögern muß, um den Hörer ganz zu kriegen. Letzteres tut er aber immer noch am sichersten mit seinen Melodien, die er schwelgerisch ausufern läßt wie in „Why Do Lovers?“ oder ruckartig zusammenzieht wie in dem originellen „Simple Song“.

          Wieder einmal begreift man, warum Richard Ashcroft so lange braucht für seine Platten. Bei anderen wäre das kein gutes Zeichen, bei ihm ist das nötig. Weit davon entfernt, mit Ausgedachtem lästig zu fallen, präsentiert uns der mittlerweile Vierunddreißigjährige hier abermals Kostproben seiner unvergleichlichen und doch im besten Sinne zeitgenössischen Kunst. Nur immer weiter so, vielleicht wieder in kürzeren Abständen.

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