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Neues Album von Seeed : Es tanzt der weiche Wal zum quietschenden Beat

Nur noch zu zehnt: Die Mitglieder von Seeed nach dem Tod von Demba Nabé Bild: Erik Weiss

Seeed haben mit „BAM BAM“ das erste Album nach dem Tod ihres Sängers veröffentlicht. Es ist wohltuend albern, aber mit einem Schleier der Melancholie.

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          Die erste Single-Auskopplung haben sie ihm gewidmet. „Für Demba“ steht da am Ende des Videos, und wir sehen Demba Nabé zwischen Bäumen herumtanzen. Seit anderthalb Jahren ist der Sänger von Seeed nun tot, und für das fünftes Studioalbum der Gruppe mussten Peter Fox und Dellé alleine an die Mikrofone. Das ist nicht nur musikalisch ein enormer Einschnitt – die elf Gründungsmitglieder der Berliner Band halten seit ihrem ersten Album vor fast zwanzig Jahren fest zusammen. Nach Demba Nabés Tod sagten sie Konzerte ab. Deshalb kommt das neue Album „BAM BAM“ (Bmg/Warner), das erste nach sieben Jahren, nun eher überraschend. Es ist ein Lebenszeichen, aber kein Jubelschrei wie die zuvor.

          Sieben Jahre, in einer so langen Zeit geraten andere Bands in Vergessenheit. Seeed können sich das leisten; ihre Studiopause in den späten nuller Jahren war genau so lang. Dafür spielen sie viel live, wie sich das gehört für diesen Hybrid aus Marching Band und Reggae-Combo. Für 2020 sind schon sieben Konzerte in Berlin geplant, in der Wuhlheide und auf der Waldbühne – alle ausverkauft. Aber man kann ja nicht immer die gleichen Lieder spielen. Was kommt da also nach auf „BAM BAM“?

          Zum Beispiel „Lass sie gehn“, ein Trennungslied, zu dem die Band einen großartigen Comic-Clip aufgenommen haben. Und „G€ld“ über Dekadenz, in dessen Video die Sänger sehr überzeugende Fatsuits tragen, die es für Dellé fast unmöglich machen, aus einem goldenen Sportwagen auszusteigen. Von einer Partyband erwarten die Fans schließlich einen gewissen Spaßfaktor. Kapitalismuskritik kann lustig sein, Liebeskummer würdevoll und Hässlichkeit schön – das war schon immer die Maxime von Seeed.

          Dazu passt auch das mit Deichkind aufgenommene „Lass das Licht an“, eine Hymne auf den beleuchteten Beischlaf, die kein bisschen in Abrede stellt, dass alle Beteiligten ihre physisch besten Tage hinter sich haben. „Gnadenlose Neonröhr’n, es tanzt der weiche Wal“, heißt es da, aber eben auch: „Du bist gesund, ich bewunder deine Form / Wir gehn über zwölf Runden und dann noch mal von vorn“. Wohltuend albern ist das Ganze, dazu wummert ein träger, quietschender Beat.

          Das alles kann aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein Schleier auf der Musik liegt. Am meisten Melancholie zeigt sich in „Komm in mein Haus“: „Der Himmel ist schwer und grau, keiner geht mehr nach draußen / Die Schwalben fliegen tief, Hunde werden laut.“ Es geht hier aber um mehr als um Stimmung, es geht um ein Statement: „Egal woher du kommst / An welchen Gott du glaubst / Gibst du die Welt nicht auf, dann / Komm in mein Haus.“

          So ernst bleibt es nicht, aber den Partykracher schlechthin sucht man vergebens. Auch „Love Courvoisier“ übers Nachtleben ist schlicht zu getragen, als dass Menschen dazu für die nächsten zehn Jahre auf Tanzflächen schwitzen würden. Dafür ist der Trend zum Courvoisier bemerkenswert: Auch in „Lass sie gehn“ wird der französische Cognac erwähnt. Es wäre sicher unfair, das als weiteren Hinweis für das fortgeschrittene Alter der Musiker zu betrachten. Vielleicht erwächst die Begeisterung dafür ja auch nur daraus, dass „Courvoisier“ sich ganz hervorragend singt.

          Seeed sind verlangsamt wie ein Krieger mit einer Stichwunde. Aber die Rüstung sitzt: Der Dancehall bläst einem immer noch die Ohren weg, und immer trötet, dengelt oder läutet irgendwas im Hintergrund. Trotzdem: Demba Nabé fehlt. „BAM BAM“ ist das erste Seeed-Album nur auf Deutsch, aber ans Ende hat die Band das Lied „What a Day“ gestellt, den der verstorbene Sänger vor Jahren auf Englisch aufgenommen hatte und den das abgenutzte Wort Powerballade am besten beschreibt. Das letzte Wort auf dem Album hat damit Demba Nabé. Es lautet „Night“.

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