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Kraftwerk : Digital hält besser

Kraftwerks Mensch-Maschinen: Ralf Hütter, Henning Schmitz, Fritz Hilpert und Falk Grieffenhagen Bild: dpa

Eigentlich sind Kraftwerk schon seit dreißig Jahren in Rente. Aber was kümmert es Mensch-Maschinen, wenn sie älter werden? Ab Dienstag spielen sie wieder in der Neuen Nationalgalerie in Berlin.

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          Die Elektronikgruppe Kraftwerk aus Düsseldorf tritt ab Dienstag für acht Nächte in der Neuen Nationalgalerie auf, danach wird das Haus zur Sanierung geschlossen. Acht Abende, acht Alben aus den letzten vierzig Jahren, begleitet von Computeranimationen: Kraftwerk sind mit diesem Programm zwar auch schon in anderen Museen zu sehen gewesen, im Museum of Modern Art in New York zum Beispiel. Was aber ab dem 6. Januar in Berlin passiert, wenn Kraftwerk ihre Retrospektive mit „Autobahn“ von 1974 eröffnen, passt ziemlich gut zusammen: Hier der Bau von Mies van der Rohe, der in den frühen dreißiger Jahren Direktor vom Bauhaus in Dessau gewesen war, dort die Gruppe, der es gelang, in den Siebzigern einen Stil zu entwickeln, der – wie das Bauhaus – einfach nicht zu altern scheint.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Einen Stil, der an allen Orten immer die gleiche erstaunliche Zeitgemäßheit ausstrahlt. Und der von immer neuen Generationen entdeckt wird, auch als Reaktion auf die offenbar viel schneller vergehenden Formen, die diese Generationen selbst hervorbringen.

          Der Fortschritt von Vorfahren

          Kraftwerk experimentierten früh mit Synthesizern, damals waren die noch groß wie Schrankwände. Sie ließen sich von Robotern auf der Bühne vertreten, sie nahmen Synthiepop und Techno vorweg, Jahre vor Depeche Mode und der Loveparade. Eine fünfundvierzig Jahre alte Band für ihre Gegenwärtigkeit zu mögen, das heißt allerdings auch immer, die eigene Gegenwart vermutlich nicht ganz so zu mögen. Es fühlt sich ja nur an wie die Zukunft, es ist aber Vergangenheit, der Fortschritt von Vorfahren.

          Kraftwerk gibt es also seit 1970, gegründet von Florian Schneider und Ralf Hütter, zwei Freunden aus wohlhabenden Düsseldorfer Familien. Hütter ist inzwischen der Einzige, der von Anfang, wenn auch nicht immer dabei gewesen ist. Er redet seit Jahren nicht mehr über seine Musik, oder nur sehr, sehr, sehr wenig. Neulich ist bei Suhrkamp ein Interviewband über die Geschichte der elektronischen Musik aus Düsseldorf erschienen, „Electri_City“, da reden alle möglichen Leute und sogar ehemalige Bandkollegen über Kraftwerk – aber Schneider, der 2009 ausstieg, und Hütter eben nicht. Das wirkt natürlich ungeheuer: ein Werk, das immer neu gedeutet und zitiert wird, das rituell aufgeführt wird und kein Alter hat, dessen Schöpfer aber schweigen. Eine Kunstreligion.

          Wie Kraftwerk von außen gesehen und verstanden wurden, war aber immer schon maßgeblicher als das, was die Gruppe selbst im Sinne hatte, und arbeitete sie auch noch so konzeptionell. Von schwarzen Hiphoppern zitiert zu werden hat Kraftwerk erst zum Coolnessphänomen gemacht, das war der Bruch durch die Schallmauer: So aus dem Zusammenhang gerissen zu werden und zu glänzen, als Sample in einem anderen Sound einer komplett neuen Kultur! Seit diesem Augenblick, seit Bambaataa 1982 sich für „Planet Rock“ bei „Trans Europa Express“ bediente, ist es egal, ob die streng gescheitelten Kraftwerk nur wie Spießer aussehen oder wirklich welche sind: Keiner wird sie mehr dafür halten.

          Arbeiter und Anzugträger

          Aber da wäre zum Beispiel auch noch diese Geschichte von ihrer ersten Amerika-Tournee im Jahr 1975: Eben hatten Kraftwerk also „Autobahn“ veröffentlicht, ihr erster Welthit, ein zwanzigminütiges elektronisches Fahrvergnügen. Die vier – neben Schneider und Hütter zählten damals noch Karl Bartos und Wolfgang Flür dazu – mussten ihre analogen Synthesizer zwischen den Songs immer wieder neu stimmen, weil sie sich in der Feuchtigkeit und Wärme der Konzertsäle ständig verzogen. Das Publikum hielt das für einen Teil der Show und rastete aus vor Begeisterung: Ein Lärm aus dem Jenseits oder aus der Zukunft oder aus einem Paralleluniversum, ausgedacht von vier deutschen Typen mit kurzen Haaren, die wie Raketentechniker aussahen, wie die Neffen von Wernher von Braun.

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