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Der Moderator als Musiker : Herr Beckmann macht etwas Neues

  • -Aktualisiert am

„Menschen sind verrückt, die Zeiten sind obskur“: Reinhold Beckmann spielt und singt, nicht nur eingedeutsche Texte von Bob Dylan Bild: Lucas Wahl

Reinhold Beckmann kennen wir aus dem Fernsehen. Doch als Musiker? Er hat jetzt eine Platte aufgenommen. Wir besuchen ihn in Hamburg und machen eine Hörprobe am Ort des Entstehens.

          Die Musik? Nicht gerade Led Zeppelin. Und der Titel des ersten Albums könnte auch entschlossener sein: „Bei allem sowieso vielleicht“. Es erscheint diesen Freitag. Muss Beckmann jetzt auch noch Musik machen? Absolut.

          Edo Reents

          Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton.

          Das Hamburger Hafenklang-Studio, direkt an der Norderelbe gelegen, dort, wo St.Pauli schon in Altona übergeht, passt irgendwie zu Reinhold Beckmann: nicht sehr picobello, eher lässig-leger; der Aufnahmeraum, wo die Gitarren auf dem Fußboden herumstehen, ist dick mit Teppich ausgelegt, das machen die Profis so, damit es nicht hallt.

          Draußen fahren riesige Pötte vorbei, da hat man sofort das richtige Waterkant-Gefühl. Gleich um die Ecke ist „Zum Schellfischposten“, die beengte Kneipe, in der Ina Müller ihre manchmal doch etwas anstrengende, aber eben auch recht unverkrampfte Talkshow abhält, vorher kommt immer dieser VW-Bulli angebraust – Motto: Mit Musik geht alles besser.

          Bei „Inas Nacht“ fing alles an

          Hier muss jeder Gast singen, selbst Hellmuth Karasek wurde einmal ein Mikrofon in die Hand gedrückt. Das reichlich ausgeschenkte Pils mag letzte Hemmungen abbauen.

          Hier, bei Inas Nacht, in der allerersten Sendung vor beiläufig sechs Jahren, fing für Reinhold Beckmann alles an: Er legte einen so überzeugenden Auftritt hin, dass hinterher einer aus der Band zu ihm kam mit dem Rat, daraus müsse er unbedingt etwas machen.

          Aber gleich ein ganzes Album aufnehmen? Das wäre „dumm’ Tüch“ gewesen, dummes Zeug also, sagt Beckmann, erst mal die richtigen Musiker finden, so was wie ein Gruppenfeeling erarbeiten, Songs schreiben. Auf einem Bauernhof in Steinhorst, nicht sehr weit von Hamburg, ging man in Klausur, Beckmann (Gesang und Gitarre) mit Andreas Dopp (einer, so Beckmann, „Gitarrensau aus Bergedorf“), Thomas Biller (Kontrabass), Helge Zumdieck (Schlagzeug) und Jan-Peter Klöpfel (unter anderem Klavier, Akkordeon, Bläser), alles Männer um die fünfzig, alle von der Küste. In der intimen Reihe „Musik in den Häusern“ verdienten sie sich die ersten Sporen.

          Mit angerauter Stimme vorgetragene Alltagsbetrachtungen

          Und nun gibt es ebendieses Album, zwölf Lieder, alles selbst- und handgemacht, sogar die beiden Hunde auf dem Cover gehören ihm. Stilistisch ist es vielseitig, Rock, Blues, Bar-Jazz, Swing, Bossa Nova, von Stephan Gade alles sehr filigran produziert. Wie gesagt: nicht gerade Led Zeppelin. Einsortieren würde man es wohl unter „Liedermacher“, man denkt an den besseren Stephan Sulke, an Reinhard Mey natürlich, aber auch an Paolo Conte oder Adriano Celentano.

          Der Ton, für den Beckmann mit leicht angerauter Stimme sorgt, ist entsprechend: mal sentimental, mal zärtlich, mal scharf; die Themen auch: Alltagsbetrachtungen (wie das ätzende „Plauderton“), Rückblicke auf die Jugend („Bremen“), sogar eine Liebeserklärung an eine Fleischfachverkäuferin ist dabei („Charlotte“).

          Ob er den kenne, frage ich Beckmann: „Kommt ein Mann in die Metzgerei: ,Tach! Ich hätte gern von der Groben, Fetten.‘ ,Tut mir leid, die hat heut’ Berufsschule.‘“ Beckmann lacht.

          Ausnahmsweise ist er mal nicht der Interviewer: Reinhold Beckmann im Gespräch mit FAZ-Redakteur Edo Reents Bilderstrecke

          Joni Mitchell als Lebensbegleiter

          Wir sitzen in der Küche des Hafenklang-Studios. Auf dem Regal liegt eine angebrochene Packung Golden Toast, in der Ecke steht eine Waschmaschine. Ersichtlich ist es Beckmann, der den untersten Knopf seiner schwarzen Jeansjacke die ganze Zeit zugeknöpft lässt, darum zu tun, die Musik weder als Wichtigtuerei eines „Fernsehfritzen“ noch als reines Freizeitvergnügen erscheinen zu lassen.

          Dass sich ein Mann in seinem Alter (Jahrgang 1956) für Popmusik interessiert, ist nun alles andere als ungewöhnlich. Wie ernst er sie aber nimmt, merkt man daran, dass er sich als „regelrecht Joni-Mitchell-geschädigt“ bezeichnet – vor allem die eher jazzige Joni Mitchell der Platten „Hejira“ und „Mingus“ hat es ihm angetan – und im Laufe des Gesprächs sehr oft auf „Pet Sounds“ zu sprechen kommt, das Opus magnum der Beach Boys.

          Sein älterer, inzwischen verstorbene Bruder, der in Amerika Speditionskaufmann lernte, hat ihn damals aus Übersee mit dem Nötigsten versorgt: „Electric Ladyland“ von Hendrix, „Tapestry“ von Carole King. Und mit seinem Bruder, dem schon Todkranken, war er auch noch auf dem Beach-Boys-Gedächtniskonzert im Hamburger CCH.

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