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Reform des Urheberrechts : So würden Musiker im Digitalmarkt entmündigt

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Gehört zu den mehr als fünfhundert Unterzeichnern des Protestbriefs „Spielt das Urheberrecht nicht gegen uns aus!“: Joy Denalane – hier im September 2019 bei einem Auftritt in Hamburg Bild: dpa

Das Justizministerium setzt die Richtlinie der EU zum Urheberrecht in einer Weise um, die Künstler entrechtet. Das gilt zumal für die Musikbranche. Dem Gesetzgeber fehlt weiterhin das Verständnis für die Wirkungsweisen des digitalen Raums. Ein Gastbeitrag.

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          Unsere Branche ist in Aufruhr, ebenso wie zahlreiche andere Bereiche der Kultur- und Kreativwirtschaft. Seit das Justizministerium seinen Entwurf zur Umsetzung der EU-Urheberrechtsrichtlinie Anfang des Jahres vorgelegt hat, ist offensichtlich, wie gering man dort den Wert kreativer Leistungen schätzt. Zwanzig Sekunden Musik, Film oder Laufbild, tausend Zeichen Text, 250 Kilobyte für Fotos und Grafiken – aus Sicht des Justizministeriums alles „Bagatellen“, deren öffentliche Verwendung gegen eine Pauschalvergütung jedem Nutzer und jeder Nutzerin bis zum Abschluss eines potentiellen Beschwerdeverfahrens haftungsfrei ermöglicht werden soll. Anders gesagt: Den Rechteinhabern wird de facto die Kontrolle über ihr Werk entzogen. Er oder sie soll nicht mehr darüber bestimmen können, wie und wo die Nutzung des Werkes stattfindet. Letztlich wird damit wieder einmal politisch das Lied der Plattformen gesungen.

          Die Geringschätzung von Ausschnitt-Nutzungen spricht auch Bände darüber, wie wenig man im Justizministerium die Leistungen einer Branche würdigt, die mit ihren Inhalten längst überall dort ist, wo die Fans sind. Es ging und geht uns nicht darum, Nutzungen dieser Inhalte zu verhindern – im Gegenteil: Wir wollen natürlich, dass möglichst viele Menschen Musik hören, in welcher Form auch immer! Aber wir sind nicht bereit zu akzeptieren, dass man uns die grundsätzliche Verfügungsmöglichkeit über unsere Inhalte entzieht und uns dadurch im Digitalmarkt entmündigt.

          Der Ansatz, Ausschnitte dem Markt zu entziehen und die Einnahmen über Verwertungsgesellschaften zu kollektivieren, die mit Einheitspreisen und Verteilungsplänen arbeiten müssen und keinerlei Investitionen in Künstler-Karrieren vornehmen, führt in die Irre. Es ist die Expertise, zum Beispiel von Musikfirmen, neue Märkte zu erschließen, am besten gemeinsam mit vielen europäischen Startups. Mit Blick darauf zeigt der Entwurf auch, wie wenig man bereit ist, sich die Wirkweisen und Refinanzierungsmechanismen in komplexen digitalen Märkten anzuschauen – oder man handelt schlicht wider besseres Wissen und nimmt die Schädigungen willentlich in Kauf.

          Musikfirmen definieren neue Rolle

          Die Musikindustrie hat zwischen der Jahrtausendwende und dem Jahr 2013 bekanntlich eine anhaltende Talfahrt erlebt und musste sich als eine der ersten Branchen den neuen Anforderungen einer digitalen Wirtschaft stellen. Dass es seitdem wieder generell bergauf geht, ist dem bezahlten Audio-Streaming zu verdanken. Unsere Branche hat weltweit etwa sechzig Millionen Songs für die Nutzung im digitalen Raum lizenziert und macht nahezu jede Nutzung auf fast jeder Plattform möglich.

          Gleichzeitig haben Musikfirmen ihre Rolle als Partner der Künstlerinnen und Künstler neu definiert und ihre Dienstleistungen neu ausbuchstabiert. Der Blick auf die Märkte, Deutschland ist der viertgrößte weltweit, zeigt eine sehr positive Entwicklung und auch, wie die Diversifizierungsstrategie von Vinyl bis zur Cloud aufgehen kann. Hierzulande hat das Digitalgeschäft im 1. Halbjahr 2020 erstmals einen Anteil von rund 75 Prozent des Umsatzes erreicht. Es zeigt sich, wie wichtig das digitale Standbein ist. Neue Nutzungswelten wie Tik Tok, die auf der Basis von kürzesten Musikausschnitten neue Zielgruppen erschließen, sind längst lizenziert.

          Den Grundstein für die aktuelle Entwicklung hat die Musikindustrie zur Jahrtausendwende gelegt, indem sie sich als marktwirtschaftlich agierende Branche gegen das (werbefinanzierte) Verschenken ihres Produkts entschied und die bezahlte Nutzung in den Vordergrund stellte. Dies in einer Zeit, in welcher der Markt um mehr als vierzig Prozent eingebrochen war, in der „Tauschbörsen“ und massenhaftes Brennen von Musik drohten, das digitale Wirtschaften unmöglich zu machen und das Ende der Investitionen in Künstlerkarrieren und kulturelle Vielfalt einzuläuten. Der Branche blieb nichts anderes übrig als zu versuchen, ihre Rechte durchzusetzen und verlässliche Regeln für den entstehenden digitalen Marktplatz zu fordern. Das brachte ihr wenig Sympathien ein, da mit Blick auf das Internet die Devise galt: „Bitte nicht stören. Lasst sie alle spielen.“

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