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Rapper Jay-Z : Er ist einfach Gott geworden

  • -Aktualisiert am

Jay-Z hat alles richtig gemacht: Er ist unglaublich clever und Wahnsinnsmillionär Bild: AFP

Zu gut, um wahr zu sein: Der Rapper Jay-Z ist genial, schlau, teuflisch perfekt. Man könnte Angst bekommen, wenn man seinen gewählten Bewegungen in Frankfurt bei einem Konzert mit Kayne West folgt.

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          Wenn man über irgendetwas sagt, es sei perfekt, äußert man damit gleich den Verdacht auf einen Fehler. Keinen kleinen, flüchtigen, sondern einen großen, grundlegenden Fehler, der alles zunichtemacht und am Ende viel mehr ist als ein bloßer Fehler, nämlich eine hässliche Lüge, die, würde sie sichtbar gemacht werden, den gesamten Glanz zerstörte. Weil man aber nichts findet - denn deswegen ist es ja perfekt -, strahlt die Perfektion weiter, unglaublich hell und schön, und der die Perfektion Betrachtende staunt und staunt und friert dabei leicht und denkt dann, nach Beendigung des Betrachtens, ja, es ist durchweg perfekt, mir ist zwar aus irgendwelchen Gründen ein klein wenig schlecht, aber es ist perfekt, unheimlich perfekt.

          Die Hardbodies, mit denen Patrick Bateman, der Protagonist von „American Psycho“, Sex vollzieht, sind perfekt, sein New Yorker Apartment ist es ebenso, Oprah Winfrey ist perfekt unperfekt, amerikanisch geführte Unterhaltungen sind perfekt, und als Barack Obama mit seiner Frau, nachdem er gewählt worden war, zu „At Last“ tanzte, war es das ebenfalls: perfekt, wie auch die Frau, welche das Lied sang, zu welchem getanzt wurde: Beyoncé, die perfekte Frau des mindestens ebenso perfekten Jay-Z, des besten, reichsten, klügsten, geschäftstüchtigsten, geschmackvollsten, einflussreichsten Rappers - wenn nicht gar: Menschen aller Zeiten, um den es hier gehen soll.

          Schönster Albtraum

          Am vergangenen Dienstag gab Jay-Z, gemeinsam mit Kanye West, ein Konzert in Frankfurt, welches selbstverständlich perfekt war: Die meiste Zeit hinter einer großen schwarzen Sonnenbrille verborgen, rappte Jay-Z einen Hit nach dem anderen, die ausverkaufte Halle schrie und jubelte den beiden Superstars zu, darunter überwiegend junge, weiße Männer mit sogenanntem Migrationshintergrund, die aussehen wollen wie Jay-Z beziehungsweise Kanye West, zusammen mit ihren jungen, weißen Freundinnen, die sein möchten wie die Frau von Jay-Z, wie Beyoncé also, oder natürlich viel, viel besser: die selbst die Frau von Jay-Z sein wollen. Denn das heißt Reichtum, Ruhm, Anerkennung, und wenn sich die Männer im Publikum zwar nicht in Jay-Z verwandelten und die Frauen ihn nicht heiraten konnten, so bedeutete dieser schwarzgekleidete Mann mit dem vielen Gold am Körper doch zumindest das Versprechen der Möglichkeit: Jeder kann es schaffen, es kommt nur auf dich und dein Geschick an.

          Folgerichtig wurde auf der Bühne eine riesengroße amerikanische Flagge gehisst, welche die Träumenden, die unter den weißen Sternen standen, weiter bejubelten: Jay-Z, Kanye West, Dollars, Schönheit, wir wollen kaufen, und es könnte doch noch besser werden! Auf einer Riesenleinwand erschienen sehr schöne Großaufnahmen sabbernder Mäuler von Kampfhunden und Löwen; Panther und Leoparden fletschten die tropfenden Zähne, Raubvögel kreisten über ihrer Beute, erledigten sie präzise und brutal - denn so funktioniert das Leben, was das Publikum vielleicht ähnlich gut wusste wie Jay-Z, der diesen wunderschönen Albtraum auf die Bühne gebracht und perfekt inszeniert hat, der ihn lebt und an sein Publikum verkauft, und vor allem: der das Beißen und Fletschen und Kämpfen kennt, das vor der Schönheit und dem Geld kommt.

          Davor, lange davor lebte der 1969 geborene Shawn Carter in einer Sozialwohnungssiedlung, den Marcy Houses in Brooklyn. Man kennt das aus dem Fernsehen: das Klischee von einem Getto, in dem geschossen und gefixt wird, welches ein Klischee ist, weil man es so oft gehört hat und immer weiter hört, eben weil es das gibt und immer weiter gibt, weswegen man davon weiterhin hört.

          Dem Klischee entsprechend beschreibt es auch Jay-Z: „Guns were easier to get in the hood than public assistance. There were times when the violence just seemed like background music, like we’d all gone numb.“ Jay-Z wurde also Crack-Dealer und Rapper, beschloss jedoch recht bald, nur noch Rapper zu sein. Er bekam sogar einen Vertrag, aber weil er mit der Arbeit des Labels nicht zufrieden war, beschloss er, ein eigenes zu gründen: die Roc-a-Fella Records, wo dann auch sein Debüt „Reasonable Doubt“ erschien, welches zu recht als eine der besten, legendärsten Hip-Hop-Platten überhaupt gilt. Es gibt sogar eine komplette Dokumentation darüber. Das alles klingt merkwürdig, komisch, unglaubwürdig fast, aber es geht noch viel, viel unglaubwürdiger weiter. Jay-Z wird von Platte zu Platte erfolgreicher, er lanciert sein eigenes Modelabel Rocawear, wird CEO des Hip-Hop-Labels Def Jam, gilt bald als der kommerziell erfolgreichste Rapper überhaupt und schafft es trotzdem, mit „Blueprint“ und dem „Black Album“ zwei weitere Hip-Hop-Klassiker zu produzieren und die in der Szene so wichtige Anerkennung nicht zu verspielen. Er entdeckt den damals noch völlig unbekannten Kanye West und lässt ihn einige seiner Tracks produzieren, obwohl er jeden Produzenten hätte arrangieren und vor allem bezahlen können. Er beginnt sich immer besser, das heißt dezenter zu kleiden.

          Intensive Privatgespräche mit Obama

          Er kauft sich in irgendwelche Basketballteams ein, macht Restaurants auf, kriegt dauernd Grammys, und wenn er sie nicht kriegt, so kriegt sie seine Frau, die Überfrau Beyoncé, welche er 2008 heiratet. Oder die Grammys gehen eben an Kanye West oder Rihanna, an deren Aufbau er wesentlich beteiligt war. 2009 wird sein Vermögen auf 150 Millionen Dollar geschätzt, und seit Beyoncé und Jay-Z geheiratet haben, sind sie zusammen natürlich noch viel reicher; sie sind das beste, reichste, einflussreichste „Couple“ überhaupt und werden jedes Jahr von irgendwelchen verrückten amerikanischen Zeitschriften wieder dazu gemacht. Gemeinsam unterstützen sie Barack Obama bei seinem Wahlkampf; Obama gibt öffentlich bekannt, dass er Jay-Z auf seinem iPod höre, Jay-Z wiederum schwärmt von den intensiven Privatgesprächen mit Obama, der seinerseits größte Sympathien für Jay-Z bekundet.

          Er steht für beispiellosen Aufstieg: Rapper Jay-Z
          Er steht für beispiellosen Aufstieg: Rapper Jay-Z : Bild: AFP

          Höher, weiter nach oben kann man wohl nicht kommen, und das alles wirkt noch viel weiter oben, wenn man bedenkt, wie weit unten die Marcy Houses im Vergleich dazu sind. „Das komische an Jay-Z ist, dass er nie in der Öffentlichkeit schwach war. Von Beginn an hat er gewusst, wie wichtig sein Image ist, und hat es systematisch aufgebaut. Alles ist kalkuliert.

          Er sieht nicht besonders gut aus, und das wusste er. Er ist einfach sehr, sehr schlau. Nicht unbedingt sympathisch, aber schlau“, sagt der Rapper Kool Savas, wenn man ihn fragt, was er, der einst stark von Jay-Z beeinflusst wurde, glaubt, wie das alles passieren konnte - das heißt: wie der massiv ausgefranste amerikanische Traum so idealtypisch von einem schwarzen Amerikaner gelebt werden kann, welcher nicht mehr nur als alberner Rapper, der aus Versehen zu Geld gekommen ist, belächelt wird, sondern Einfluss und Macht hat. Man kann das nicht richtig beantworten.

          Aber vielleicht beweist dieser beispiellose Aufstieg auch gerade die Verrottung und Unerreichbarkeit dieses Traums: Jay-Z ist Wahnsinnsmillionär und sehr clever. Es gibt bestimmt sehr viele Amerikaner, die clever sind, aber die sind eben keine Wahnsinnsmillionäre, und dazwischen liegt eine Kluft, eine wahnsinnig tiefe, wie Jay-Z, der Wahnsinnsmillionär, zeigt, womit die Kluft, die Härte und Unüberwindbarkeit der Ordnung ja nur allzu deutlich und drastisch veranschaulicht werden.

          Seine Fangemeinde: Jay-Z hat sich sein Image in der Szene nie verspielt
          Seine Fangemeinde: Jay-Z hat sich sein Image in der Szene nie verspielt : Bild: dapd

          Diese Leistung aber ist ein Grund dafür, dass Jay-Z von jungen Menschen angehimmelt wird wie ein Heiliger, und genauso verhält er sich auch während des Konzertes in Frankfurt: Er goutiert die Begeisterung des Publikums mit einem zurückhaltenden Nicken, er dirigiert und diktiert seine Regungen; während Kanye West zum Rumhampeln neigt, sind Jay-Zs Bewegungen dosiert und bewusst ausgeführt, eher weniger als mehr. Wenn er in Interviews spricht, macht er das gewählt und langsam, nie hastig, aufmerksam, höflich, distinguiert, aber nie offensiv intelligent.

          American Dreamin’

          “Jay-Z ist einfach Gott geworden“, fasst Kool Savas das Jay-Z-Phänomen zusammen, als ihm die Worte fehlen, um es zu erklären. „Er hat so etwas wie eine mystische Aura um sich aufgebaut, hat seit Beginn seiner Karriere nie über sein Privatleben gesprochen. Er hat schlicht darauf hingearbeitet, unangreifbar zu werden. Er ist eben sehr schlau.“ Diese Feststellung hört und liest man immer wieder, und man kann sie für sich selbst machen, wenn man sich mit Jay-Zs Texten befasst. Selbst wenn es nur um Schlampen, Manolo-Blahnik-Schuhe und Autos geht (was immer seltener wird), sind sie technisch enorm anspruchsvoll und sehr kompliziert gebaut.

          Sie haben 2008 geheiratet: Überfrau Beyonce und Jay-Z
          Sie haben 2008 geheiratet: Überfrau Beyonce und Jay-Z : Bild: AFP

          „You have to realize where we are coming from, that these things are big things to us“, sagte er den Status-Symbol-Rap betreffend einmal, womit der Kern seines Lebensthemas berührt wird: der Versuch, als Schwarzer nach oben zu kommen, der große Kampf. „This is the shit you dream about/with the homies steamin’ out/Back-back-backing them Beemers out/Seems as our plans to get a grant/Then go off to college didn’t pan or even out/We need it now, we need a town“, rapt er in „American Dreamin’“, und genau darum geht es wieder und wieder in seinen Texten, selbst als er es längst geschafft hatte, ging es weiter darum. Vielleicht sind die aufgerissenen Mäuler der Raubtiere seine Variante des amerikanischen Traums.

          Man muss sich lebenslang verteidigen und schützen, um zu leben. Als Jay-Z und Beyoncé in diesem Jahr ein unglaublich süßes Baby bekamen, kursierten im Internet Theorien darüber, dass die beiden mit dem Teufel paktierten beziehungsweise dass das Baby selbst der Teufel sei. „Das war den Leuten einfach zu viel. Zu viel Perfektion“, sagt Kool Savas. “Sind Sie Jay-Z eigentlich schon mal begegnet?“ “Nein“, antwortet Kool Savas, „dem kann man nicht begegnen.“ Und mit genau diesem Gefühl verlässt man das perfekte Wahnsinnskonzert und denkt, irgendwie bisschen kühl hier - selbstverständlich ohne zu wissen, warum.

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