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Ice-T im Interview : „Hass ist ein wahres Gefühl“

  • -Aktualisiert am

Ice-T: Rapper, Schauspieler und Sänger von Body Count Bild: Ullstein

Die amerikanische Hip-Hop-Ikone Ice-T und seine Band Body Count machen weiter Krach: „Carnivore“ heißt ihr neues Album. Ein Gespräch über Veganismus, Meinungsfreiheit – und die Kunst des Rap und der schlechten Laune.

          6 Min.

          Gewalt, Grausamkeit, Gangster, Drogen, Hass, Rassismus: Das neue Album Ihrer Metal-Band Body Count ist noch wütender als das davor. Wie kommt es, dass Sie im Alter nicht milder werden?

          Es ist wohl so, dass ich heute, da es mir viel besser geht als früher, noch deutlicher sehen kann, wie schlimm das Leben für andere Menschen ist. Die Perspektive verändert sich. Und da mir alle Menschen am Herzen liegen, fällt es mir nicht schwer, bei meinen Themen zu bleiben.

          Sie sind ein Pionier des Gangster Rap, haben den Rap-Metal miterfunden und mit Metal-Größen wie Slayer zusammengearbeitet. Auf „Carnivore“ zollen Sie jetzt Motörhead Tribut, mit einer Coverversion von „Ace of Spades“. Warum?

          Als wir in den Rock einstiegen, haben wir uns alle harten Bands reingezogen. Wenn Sie sich „There goes the neighborhood“ anhören, finden Sie da schwere Riffs wie bei Black Sabbath. Wenn wir in anderen Songs mit hundert Meilen pro Stunde rasen und dann plötzlich eine Vollbremsung hinlegen, dann ist das Slayer. Und wenn Sie sich „Copkiller“ anhören, dann hören Sie Motörhead. Würden wir diesen Bands nicht huldigen, wären wir schlimmer als Diebe.

          „Die Liebe ist falsch, aber der Hass real“, singen Sie im Song „The Hate Is Real“. Haben Sie gar kein Vertrauen in die Liebe?

          Diese Zeile stammt vom Rapper Jim Jones. Ich habe sie gehört und dachte mir: Yo, das ist die Wahrheit! (lacht) Manche Leute sagen dir unablässig: „Ich liebe dich, ich liebe dich, ich liebe dich“. Aber wenn es drauf ankommt, sind sie nicht für dich da. Es gibt natürlich ein paar Menschen, die dich wirklich lieben. Aber alle anderen – wenn sie sagen, dass sie dich „lieben“, ist das nur eine Redewendung. Wenn Sie diese Leute anrufen und ihnen sagen, dass Sie am Boden sind, werden sie antworten: Ruf’ mich wieder an, wenn du aufgestanden bist.

          Und Hass ist da realitätstauglicher?

          Wenn sie dich hassen, dann wirklich. Sie hassen dich wirklich, sie wünschen dir Böses. Wenn sie in der Presse lesen, dass du ein Problem hast, dann sind sie glücklich. Hass, Sie wissen schon, Rassismus, Klassismus, all so was – das ist echt. Diese Typen wollen dich tot sehen. Hass ist ein wahres Gefühl. Liebe, wenn sie ehrlich ist, ist auch wahr, aber ich glaube, dass man das Wort zu leichtfertig in den Mund nimmt. Hass ist eine solidere Sache. In „The Hate Is Real“ geht es aber auch darum, wie viel Hass wir derzeit erleben, besonders in den Vereinigten Staaten seit Trump, da haben wir ein echtes Problem.

          Sie haben in der Vergangenheit gegen Zensur gekämpft. Wie erleben Sie die Debatten über politische Korrektheit?

          Ich glaube, man kann niemanden mehr zensieren. Ich habe mal eine Platte gemacht, die hieß „The Iceberg/Freedom of Speech... Just Watch What You Say!“ Man muss sich heute bewusst sein, dass man für alles, was man sagt, angegriffen werden kann. Und das kann weite Kreise ziehen. Seien Sie also darauf vorbereitet. Wundern Sie sich nicht, dass die Leute hinter Ihnen her sind. Neuerdings redet man vom „Shaming“. Bislang wusste ich nicht einmal, was Schamgefühl ist (lacht). Wenn Sie jemanden kritisieren, wenn Sie sich über jemanden auslassen, dann „beschämen“ Sie ihn also? Und ich dachte, wir hätten einfach eine Meinungsverschiedenheit! (lacht) Aber wir leben heute nun mal in einer anderen Kultur, die Welt ändert sich, die Menschen ändern sich, und wir können nichts gegen die Gesellschaft tun, in der wir leben. Sie verändert sich ständig. Und hoffentlich können wir uns an die Veränderungen anpassen.

          Alle bisherigen „Body Count“-Alben sind voller Negativität und Pessimismus, aber auch voller Energie und Positivität. Stammen die düsteren Elemente aus der Heavy-Metal-Kultur, während die ermutigenden aus dem Hip-Hop kommen?

          Das kommt einfach alles von Ice-T. Aber vielleicht haben Sie Recht. Ich würde es nur anders ausdrücken. Wenn ich etwa eine gewaltträchtige Idee habe, denke ich mir: Das würde eher zu Body Count passen. Weil Metal-Bands nun mal ein bisschen härter wüten. Wenn Sie einen Song wie „Carnivore“ hören, ist die Gewalt, die darin geschildert wird, aber nur meine Art zu sagen: So zum Teufel sind wir nun mal. Menschen sind Fleischfresser. Menschen sind die barbarischsten Wesen überhaupt. Wir sind die einzigen, die aus Spaß töten. Ein Hai hat nur vor zwei Dingen Angst: Vor einem Killerwal – und vor uns. Wenn ich also „Fleischfresser“ sage, dann meine ich tatsächlich: blutrünstig.

          Das Thema ist ja tatsächlich blutig umkämpft – Ernährung!

          Eure Ernährung ist mir total egal. Wenn ich singe „I eat life to stay alive, even plants are still alive“, meine ich, dass Menschen immer andere Lebewesen essen. Wenn einer daher kommt und sagt „Ich bin Veganer!“, dann sage ich: Klar, aber du bist immer noch ein verdammtes Tier! Die menschliche Natur ist ziemlich brutal. Wir arbeiten zwar hart daran, das zu ändern und irgendwie zivilisierter zu werden, aber letzten Endes bleiben wir freilaufende, fleischfressende Bestien.

          Ich entnehme Ihren Aussagen, dass Sie eher geringe Hoffnungen in den Veganismus als Garanten des Weltfriedens setzen?

          Seht es doch verdammt noch mal ein: Veganer essen Pflanzen, also Lebewesen! Wenn Veganer meinen, dass sie das gesünder macht, bitteschön. Meine Frau Coco isst gerne Hühnchen, aber sie schafft es nicht, Hühnerfleisch zuzubereiten! Sie bringt es einfach nicht über sich, das Fleisch zu schneiden oder die Tiere auszunehmen (lacht). Das verstehe ich ja! Aber am Ende wird das verdammte Ding eben doch gegessen.

          Wenn man in die Geschichte zurückblickt, haben sich so manche Bewegungen, die sich anfänglich betont friedlich gaben, später als gewalttätig erwiesen, zum Beispiel das Christentum.

          Das ist nun mal die Grundlage dieser Welt. Wir töten etwas, um etwas anderes zu verbessern.

          Hip-Hop hat ebenfalls als Anti-Gewaltbewegung begonnen. Dann kamen Sie und der Gangster-Rap, dem manche Gewaltverherrlichung bescheinigen. Wie erklären Sie sich dasiese Entwicklung?

          Als das mit Hip-Hop losging, waren Partys angesagt. Die Kids merkten, dass die Mädchen nicht zu den Partys kamen, wenn es da gewalttätig zuging. Also mussten sie eine friedliche Bewegung schaffen, die die Frauen mit einbezog. Ich komme aus Los Angeles und hatte eine andere Sicht der Dinge. Wir hatten keine Hip-Hop-Kultur. Wir hatten eine Gang-Kultur. Als Rapper rappten wir über das Leben, wie wir es kannten. Gangster Rap mag seine schlechten Seiten haben, aber er hat transparent gemacht, wie es im Ghetto zuging. Es war ja nicht so, dass da alle unablässig Partys gefeiert hätten. Gewalt und Drogen gab und gibt es wirklich. Also musste das zum Ausdruck gebracht werden. Durch Gangster Rap konnten sich die Leute ein vollständigeres Bild des Ghettos machen. Und dieses Bild mit dem in Verbindung bringen, was ihnen aus der eigenen Erfahrung vertraut war oder was sie faszinierte. Und genau so ist es dann ja auch gekommen.

          Die Massenmedien stürzen sich auf das Image des Gangster Rap, beschäftigen sich aber kaum mit der Ästhetik und dem Handwerk der Rapmusik. Sollten wir Rap überhaupt als Kunstform behandeln?

          Ich habe einen Film gedreht, „Something from Nothing: The Art of Rap“. Das war mein Versuch zu sagen: Rap ist eine Kunstform, liebt sie oder hasst sie. Kunst ist alles, was Können erfordert und somit Ansichtssache. Was die Mainstream-Medien betrifft: Als Künstler sollte man nicht auf sie hören. Kritiker oder Journalist zu sein ist etwas anderes als das, was wir tun. Als Künstler ist es unser Job, Inhalte zu schaffen. Wenn wir ein neues Album machen, wissen wir nie, wie es ankommen wird. Wir beten und wir hoffen. Aber wir wissen es nicht.

          Ihr Song „No Lives Matter“ aus dem Jahr 2017 war ein wesentlicher Beitrag über Identitätspolitik und soziale Gerechtigkeit. Darin singen Sie „racism is real but not it“. Was heißt das?

          Body Count sind im Haus, Juni 2018 in Hamburg

          Rassismus ist in bestimmten Situationen real. In anderen handelt es sich um Klassismus. Aber Klassismus hat wiederum mit Rassismus zu tun. Wenn etwa jemand Sie anschaut und sich denkt: Dieser Typ da hat eine dunklere Hautfarbe, also hat er wohl kein Geld, also ist er wahrscheinlich nicht so klug wie ich – dann ist das Rassismus. Aber einige lehnen dich ganz einfach ab, weil du anders bist als sie. Ich glaube, an den Orten der Macht, in der Regierung, da geht es vor allem um Klasse. Oder was die Polizei anbelangt. Wenn sie in einer bewachten Wohnanlage unterwegs sind, zwingen sie die Leute nicht, aus ihren Autos auszusteigen und sich auf den Boden zu setzen. Aber in Sozialwohnungssiedlungen tun sie das. Weil sie wissen, dass diese Bewohner nicht das Geld haben, um sich zu wehren. Ich versuche also, den Leuten klarzumachen, dass es nicht so einfach ist. Es geht nicht nur darum, ob du schwarz oder weiß bist. Wenn du zum „white trash“ gehörst, wirst du ebenfalls mies behandelt.

          Während Trump Menschen gegeneinander ausspielt, rufen Sie mit solchen Songs zu Solidarität auf und zeigen, dass unterschiedliche Gruppen die gleichen Probleme haben. Auch auf dem neuen Album singen Sie: „Keep us fighting amongst ourselves / While you accumulate all the wealth.“

          Trump bedient einfach seine Fangemeinde, den stabilen Unterbau aus rassistischen, hasserfüllten Menschen. In den Vereinigten Staaten gibt es ein Pendel, das hin und her schwingt. Wir hatten Clinton, dann kam Bush. Dann haben die Wähler, die Bush nicht leiden konnten, Obama ins Amt gebracht. Die Rassisten haben acht Jahre lang hasserfüllt auf Obama gestarrt, also haben sie Trump gewählt, den Anti-Obama.

          Trump behauptet, dass die Afro-Amerikaner noch nie so glücklich waren wie in seiner Präsidentschaft.

          Er hat Wahnvorstellungen. Aber inzwischen wissen wir, dass er absolut alles sagen könnte und seine Anhänger es glauben würden. Normale Menschen haben ja ein kleines bisschen Gewissen. Wenn einer so lügt wie Trump, denken sie sich: Ich könnte niemals so lügen, also muss es wahr sein! Unser moralischer Kompass erlaubt es uns nicht, derart zu lügen. Trump ist das egal. Er tut es einfach.

          Werden Sie für das Amt des Präsidenten kandidieren, und falls ja, was wird Ihre erste Amtshandlung sein?

          Oh nein, ich habe mich vom Verbrechen losgesagt (lacht).

          Das Album „Carnivore“ erscheint an diesem Freitag bei Century Media.

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