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Rapper droht „Welt“ : Erhäng dich doch!

Kein Sinn für Rap-Satiren: Fler Bild: Picture-Alliance

Ein Journalist der „Welt“ hat eine Glosse über den Rapper „Fler“ geschrieben. Seither wird der Autor bedroht. Er macht die Sache öffentlich. Ob das diejenigen, die ihm Übles wollen, zum Nachdenken bringt?

          Mit öffentlich ausgetragenem Streit kennt Fler sich aus. Der Rapper aus Berlin hatte schon „Beef“, wie man das in der Hip-Hop-Szene nennt, mit seinen Kollegen und ehemaligen Weggefährten Bushido und Sido. Im hitzigen Twitter-Streit mit dem Düsseldorfer Rapper Farid Bang veröffentlichte Fler sogar seine Adresse, die Botschaft war: „Komm doch her wenn du dich traust.“

          Jonas Jansen

          Wirtschaftskorrespondent in Düsseldorf.

          Jetzt richtet sich Fler gegen die Zeitung „Die Welt“ und deren Autor Frédéric Schwilden.  Bei Twitter postete Fler ein Foto von Schwildens Haustür, er drohte ihm, wiederzukommen, falls ein Text über ihn nicht von der Seite der „Welt“ verschwinde.  Der Auslöser: eine Glosse Schwildens, in der er sich über eine womöglich prekäre Finanzlage der deutschen Rapszene und eine drohende Altersarmut Flers lustig macht. Der hatte nämlich auf seiner Facebook-Seite sein polizeiliches Führungszeugnis gepostet, Körperverletzung, Beleidigung und uneidliche Falschaussage standen darauf. Bei einem Strafmaß von hundertzwanzig  Tagessätzen zu je vierzig Euro ging  das Gericht von einem Monatsgehalt von 1200 Euro aus – das behandelte Schwilden ironisch.

          Der Haken dabei: Fler fand das gar nicht lustig, und seine Fans fanden es auch nicht. Nach etlichen Beleidigungen, Bedrohungen und sogar weiteren Fotos von seiner Haustür, die Fans gemacht hatten, veröffentlichte Schwilden in der „Welt“ jetzt einen zweiten Text, in dem er die Anfeindungen dokumentiert. „Man muss so etwas thematisieren. Wenn man es nicht öffentlich macht, kann es sich nicht ändern“, sagt Schwilden.

          Mehr austeilen, als man einsteckt

          Nun ist es gerade im Gangster-Rap für die Protagonisten wichtig, Stärke zu zeigen, mehr auszuteilen als man einsteckt und auch für die Fans das kriminelle Image aufrecht zu erhalten, über das sie in den Texten rappen. Und so zeigt das Führungszeugnis auch, dass Fler noch bis 2016 auf Bewährung ist, eine Bestätigung für die Fans, dass es zwischen Patrick Losensky, wie Fler bürgerlich heißt und seiner rappenden Kunstfigur Parallelen gibt. „Realness“ ist das Wort im Rap dafür, und das ist für die Rolle extrem wichtig.

          Natürlich gibt es „Beef“ meistens dann, wenn jemand eine neue Platte herausbringt, was vielen Rappern  den Vorwurf einbringt, PR zu machen. Das kann stimmen, muss es aber nicht, denn gerade in den Sozialen Netzwerken posten Fler und Kollegen häufig impulsiv, aus einer Laune heraus, und da gehören Beleidigungen immer wieder dazu.

          Schwilden weiß das, er hat schon häufig über die deutsche Rap-Szene geschrieben, hat viel Sympathie für die Jugendkultur. „Ich finde Hip Hop eine wunderbare Ausdrucksform“, sagt er. „Dass man Dinge übertrieben darstellen kann, hat viel vom Theater, nur wenn Jugendliche das hören, ohne Abendgarderobe wie in der Oper zu tragen, ist das gleich für viele schlimm. Das finde ich schade.“

          Viel Geld haben und es zeigen

          Schwilden kann nicht verstehen, dass die Spitzen seiner Glosse offenbar falsch verstanden wurden. „Das ist eindeutig stilistisch übertrieben, Rap ist schließlich momentan total erfolgreich“, sagt er. Im Text stecken Wortwitze über 50-Cent, Anspielungen auf die eher harmlose Rapgruppe Blumentopf genauso wie auf den Gangster-Rapper Bushido - und vor allem auf den von Rappern propagierten Lifestyle, viel Geld zu haben und das zu zeigen. Der Twitter-Austausch zwischen Schwilden und Fler war dann gleichsam wie ein Rap-Battle, einer Art Sport, in dem man den anderen in der Theorie möglichst kunstvoll alt aussehen lässt, in der Praxis aber häufig nur die Mütter beleidigt. „Die Glosse war, selbst wenn sie sarkastisch gemeint ist, einfach viel zu hetzerisch und diskriminierend“, twitterte ein Fan, was Fler gleich weiterverbreitete. Er fühlte sich angegriffen, in seiner Ehre verletzt.

          Die Reaktion: seinen Fans zeigen, dass er sich nicht so behandeln lassen will. Als es bei Schwilden klingelte, meldete sich niemand an der Gegensprechanlage. Schwilden schaute aus dem Fenster und sah einen Mann im Kapuzenpulli weggehen, ein paar Minuten später stand das Bild seiner Haustür im Netz. Ob es Fler selbst war, oder er einen Freund schickte, um Schwilden Angst einzujagen, ist unklar. Fler selbst reagierte nicht auf Anfrage von FAZ.NET.

          Sorgen macht sich Schwilden nicht nur wegen Fler, sondern vor allem wegen dessen Fans. „Man weiß selbst: Wenn man Zeit hat, macht man Quatsch. Vielleicht gibt es Leute, die zu viel Zeit haben.“ Mit den Beleidigungen weiß Schwilden umzugehen, die „Ich breche dir die Finger“-Fraktion pöbelt häufig im Netz. Doch Nachrichten wie „Gift und Sprengstoff an dich und die Redaktion sind unterwegs“ können Gerede sein, müssen es aber nicht.

          Und so ist die Geschichte am Ende für alle miserabel gelaufen: Fler wird heftig kritisiert, Schwilden wird bedroht, obwohl er eigentlich ein Freund der Rapszene ist. Am besten beschreibt vielleicht eine Facebook-Nachricht an ihn das Dilemma. Dort beschwert sich ein Fan, dass Leute wie Schwilden dafür verantwortlich seien, dass Jungs wie er, die auf der Berufsschule sind und Rap mögen, keine Chance in der Gesellschaft hätten, weil sie immer als gewalttätig und irgendwie „asi“ gelten. Die Nachricht endet mit dem Satz: „ . . . und deshalb hoffe ich, du erhängst dich.“

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