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Dendemanns neues Album : Ich bin das schlechte Beispiel

Dendemann hat genug von der Wohlfühl-Haltung seiner Generation. Bild: Nils Müller

Jetzt auch politisch und mit Auto-Tune: Der Wortkünstler Dendemann hat nach acht Jahren ein neues Album gemacht. Was darf ein Deutschrapper der zweiten Stunde an seiner Musik verändern?

          Es hat sich gelohnt, sagt er, allein dafür, dass Schluss mit den Nachfragen von Leuten ist, die sich für erfolgreicher halten oder es sind. Acht Jahre: Genug Zeit, seinen Standpunkt zum Hiphop im Zeitalter nach MTV zu überdenken. Dendemann hat wieder Musik gemacht, mit den Beginnern, Casper, Trettmann, Teutila, den Freunden von damals und heute. „Da nich für!“ heißt das Album nach „Vom Vintage verweht“, mit dem er 2010 einen Nerv traf, und es ist so anders, wie der Hiphop anders als damals ist.

          Elena Witzeck

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als im November die Single „Keine Parolen“ auf Youtube und Spotify auftauchte, war das Geraune groß. Der massive Beat, der Reim, ist es nicht so, wie ihr es immer wolltet? Dende, der Wortkünstler unter den deutschen Rappern, Zweifler, Provokateur, der klingt wie einer, der in der U-Bahn zwischen zwei Stationen von seiner Entziehungskur erzählt, früher Schnauzer, heute blond, verarbeitet in einem Dutzend Songs: „Nur so nackt, wie ich mich fühl“. Dendemann sagt: „Nach so langer Zeit sind da natürlich auch trügerische Gefühle dabei.“ Dende singt: „Alles, was ich will, ist endlich nichts mehr wollen“.

          Sich der großen Sache stellen

          Was der Rapper will: dass man versteht, es gab einen Grund für diese acht Jahre. Dass er einmal so lang tüfteln musste, bis alles passte. Dass ein Album irgendwie auch ein notwendiges Übel ist, wenn man mal auf richtig große Tour gehen will, einmal dort auftreten, wo man noch nie aufgetreten ist. Wenn die zweifelnden Stimmen, die ihn jetzt umtreiben, schweigen, sagt Dendemann: „Ich wurde nicht kopiert, jedenfalls nicht so, dass man mich nicht mehr bräuchte.“

          Das Schöne ist, sagt er, dass noch nie so sehr die Leute entschieden haben. Nie war so schnell klar, ob er noch mal einen Nerv treffen würde, wie jetzt in den Kommentarspalten aus Youtube. „Keine Parolen“ also. Dendemann, der vor zwanzig Jahren, als Fettes Brot und Fanta Vier den deutschen Hiphop bürgerlich und mitsingbar umdeuteten, mit DJ Rabauke das Duo Eins Zwo gründete, der („Mütze schief, Verstand 12 Uhr und Wallabee-Slippers“) durch den Takt galoppierte und später eine Generation dazu brachte, sozialkritisch zu konjugieren („Ich schwimmte, schwamm und schwomm“), der sich nie mit anderen messen und zum Streber machen lassen wollte: Er bringt sich jetzt in Position. Er will „sich der großen Sache stellen“. Nicht Rap muss politisch sein, sondern Dende. Endlich Message, kommentieren die Leute.

          Wogegen eigentlich in Position bringen? Gegen die Stimmungsmacher und ihre lautlosen Anhänger, sagt Dendemann. Gegen die eigene Faulheit, rufen die zweifelnden Stimmen, die nur er hört. Gegen die Gewohnheit, sich an einem kalten Winternachmittag ins weiche Kissen fallen zu lassen. An so einem sitzt der Rapper mit Tweedsakko, Kaputzenpulli und Käppi in einem Salon, „The Grand Bar“ am Alexanderplatz, wo der Bröckelputz von der Wand hängt und der Kronleuchter im Gang, ein Denkmal aus Patina von 1842. Dendemann sagt, rauchend, die Arme auf die Oberschenkel gestützt: „Es gibt ja kaum jemanden, der politikverdrossener ist als ich, ich bin das schlechte Beispiel.“ Er singt vom stufenlos verstellbaren Rückgrat. Und: „Wenn die Demokratie ihren Segen verflucht, ist dagegen wohl nicht mehr dagegen genug“.

          Nach acht Jahren Suche rappt Dendemann also wieder, nur deutlicher, Systemkritik. „Zeitumstellung“ heißt der Song, den er mit dem Beatsteaks-Gitarristen Arnim Teutoburg-Weiß, genannt Teutila, aufgenommen hat, in dem neben Funk auch die Aufforderung steckt, sich gegen Extremisten in Stellung zu bringen, und sei man noch so „Müde“ (auch dieser Titel hat es auf das Album geschafft) vor lauter Faschismus, Populismus und fehlgeleiteter Politik. „Alle sind entrüstet, aber nicht die Industrie“.

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