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Rappende Neo-Nazis : Vergewaltigung mit Ansage

  • -Aktualisiert am

Deutscher Rapper und Neo-Nazi: Julian Fritsch alias Makss Damage, zu sehen in einem seiner YouTube-Videos Bild: Youtube

Inzwischen rappen auch Neo-Nazis und gründen eigene Labels. Eine Strategie, um vor allem beim jungen Publikum gut anzukommen und Mitstreiter zu rekrutieren. Aber wie passt das zusammen: Nationale Ideologie und Hip-Hop-Musik?

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          Die Nachricht (die in informierten Rap-Kreisen keine ist) lautet: Es gibt Rap von Nazis. Wie krass! Das könnte eine mögliche Reaktion sein, und dass das eigentlich gar nicht geht, weil Hip-Hop doch von Schwarzen als Ausdrucksmöglichkeit erfunden wurde, nicht nur, aber auch, um über Rassismus zu rappen. Folglich ist Nazi-Rap, NS-Rap oder der in einer schwächeren Ausprägung sogenannte deutsch-patriotische Rap also eine ganz abstruse Sache und eben eine Supergeschichte mit Nachrichtenwert, die es sich in der mitunter bestechlichen Nachrichtenlogik des Journalismus (krass!) zu erzählen lohnen könnte, wäre da nicht das große und ziemlich zentrale Problem, dass man damit den Akteuren einen Gefallen tut und man beim Betrachten dieser Akteure nicht den Eindruck los wird, dass ihre Ideologie nur ein Transportmittel für ihre narzisstischen Probleme ist.

          Du unreflektierter Trottel, könnte man denken, darfst einfach nicht beachtet werden, aber ich begleite dich gerne in eine der zahlreichen Einrichtungen, in der sie einem beibringen, wie man es nicht persönlich nimmt, dass das Leben ungerecht ist. Nächste Schleife: Der Nazi-Ideologie und insbesondere möglichen Folgen, die sich aus ihr ergeben können, ist es komplett egal, was sie mit gekränktem Narzissmus und dem Wunsch nach Wirksamkeit (in diesem Deutschland, das einen endlich beachten soll) zu tun haben. Außerdem: Schreibt man nicht über Neo-Nazis, glauben sie, die Propaganda-Medien würden sie wegzensieren; tut man es doch, ist ihre Darstellung durch die Propaganda-Medien propagandistisch. In jedem Fall sehen sie sich in ihrer Annahme, dass sie es mit Propaganda-Medien zu tun haben, bestätigt, weswegen es, das Neo-Nazi-Medien-Verhältnis betreffend, am Ende möglicherweise keinen Unterschied macht, ob man nun schreibt oder nicht; das heißt, jeder bleibt hier schön an seinem Platz, und wahrscheinlich ist der große Denkfehler, der insgesamt aus diesem Absatz spricht, Neo-Nazis überzeugen zu wollen, was man natürlich vergessen kann. Und weil all das so unerträglich und hässlich ist, möchte man es am liebsten einfach sein lassen, schließlich kann man die gegenwärtig in Deutschland aktiven rechten Rapper noch an vier Händen abzählen.

          Erst Stalinist, jetzt Neo-Nazi

          Man wird sie niemals verstehen, und aus diesem Grund erklärt man sie dann für verrückt, und das ist zwar bequem, aber auch gefährlich - denn worum geht es hier? In diesem Text geht es um Nazi-Rap am Beispiel des Rappers Makss Damage. Es geht um menschenverachtende Nazi-Ideologie, deren Träger (wirklich, wie Kleider zieht man diese Ideologien an) es sich zum Ziel gemacht haben, möglichst viele andere zum Tragen zu motivieren, und dabei leider smarte Strategien entwickeln. Jetzt also neu: Nazi-Ideologie auch als Kapuzenpullover beziehungsweise Rap erhältlich. Schon im vergangenen Jahr schrieben die „Süddeutsche Zeitung“, „Spiegel Online“ und das Magazin „Rolling Stone“ über das Phänomen des „Nazi-Hipsters“ Patrick Schröder, eines jungen bayerischen NPD-Funktionärs. Jener habe es verstanden, bei den jungen Leuten „anzukommen“ und „cool“ zu wirken, was man, wenn man sich sein Web-TV-Format FSN.tv ansieht, erst mal überhaupt nicht versteht. Schröder wirkt nicht „cool“, er ist auf den ersten Blick nur nicht als Nazi zu erkennen. Und er sagt auch explizit, dass es bei vielen jungen Leuten eben nicht so gut „ankomme“, wenn man aussieht, wie die allgemeine Vorstellung eines modernen Nazis (kahler Kopf, Springerstiefel, Bomberjacke). Schröder weiß, dass man besser ganz normal aussieht und auch normale Sachen gut findet (Stromberg).

          Fritschs neues Vorbild ist Rechtsextremist und leugnet den Holocaust: Horst Mahler zu Beginn seines Prozesses 2009, bei dem er wegen Volksverhetzung verurteilt wurde.
          Fritschs neues Vorbild ist Rechtsextremist und leugnet den Holocaust: Horst Mahler zu Beginn seines Prozesses 2009, bei dem er wegen Volksverhetzung verurteilt wurde. : Bild: ddp

          Ähnlich kalkuliert benimmt sich der Bonner Rapper und Nazi Julian Fritsch beziehungsweise Makss Damage, dem die Autorin Anna Springstoff in der kürzlich zum Thema NS-Rap erschienenen Aufklärungsbroschüre „Deutschrap den Deutschen?“ im Vergleich zu anderen rechten Rappern technisch und flowmäßig herausragende Fähigkeiten attestierte, und das leider völlig zu Recht. Allerdings darf man auch nicht zuhören: „Ich stecke sie (die Zecken) alle gemeinsam in den nächsten Zug nach Buchenwald / Wasch mich mit der Seife ab, genieß den Lampenschirm“. Makss Damage (Student, 26 Jahre alt) war zunächst in der linksradikalen Szene aktiv und bezeichnete sich in einem stundenlangen Interview mit zwei Wuppertaler Neonazis als ehemaligen Stalinisten. Dann jedoch habe er sich von der linken Szene enttäuscht abgewandt. Dort gebe es kein Gemeinschaftsgefühl, die Leute könnten nicht kämpfen, außerdem sei ihm das alles auch zu elitär. Sein Vorbild sei jetzt Horst Mahler.

          Eine Vergewaltigung mit Ansage

          Natürlich lesen sich diese Aussagen, auf diese Weise zusammengefügt, ziemlich crazy und erratisch, und man ist geneigt, dem gegenüber Nazis standardmäßig funktionierenden Reflex zu erliegen und anzunehmen, das Problem dieses Mannes sei schlicht seine Dummheit. Aber Makss Damage, dieser von Deutschland, der linken Szene und eigentlich von allem außer den Nazis enttäuschte Mann, ist in einer entscheidenden Hinsicht überhaupt nicht dumm, nämlich wenn es um die Frage geht, wie er junge Menschen für seine Überzeugungen rekrutiert. Die meisten jungen Leute würden heute Rap-Musik hören, weswegen sich Rap hervorragend als Mittel eigne, um sie anzusprechen. In einem anderen Interview mit dem erwähnten Patrick Schröder gab er außerdem bekannt, dass er nun das Label Reconquista (heißt irgendwas von wegen gotische Rückeroberungsscheiße) gegründet habe, um talentierten Nachwuchs-Nazi-Rappern die Möglichkeit zu geben, zu veröffentlichen. Allerdings sei die Voraussetzung dafür, dass sich die Rapper auch mit der Musik auseinandersetzten, was nicht etwa die Herkunft von Hip-Hop meint, sondern die Frage, wie man Rap-Musik macht, die sich einigermaßen vernünftig anhört und nicht so schlecht klingt wie der sonst kursierende, technisch und musikalisch schlechte NS-Rap.

          Makss Damages erklärtes Ziel ist es also, Rap-Musik zu machen, die sich (abgesehen von den Inhalten) qualitativ von den marktüblichen Standards nicht unterscheidet. „Wenn wir politisch und agitatorisch wettbewerbsfähig bleiben wollen, müssen wir uns den Gegebenheiten zumindest größtenteils anpassen, vor allem was die Jugend angeht. Es gibt momentan überhaupt kein besseres Werbemittel als Rap.“ Makss Damages Verhältnis zu Rap hat also nur über einige Umwege etwas mit Liebe zu tun (kann sein, dass er da wirklich so ein Sigmund-Freud-relevantes Ding am Laufen hat). In dem erwähnten Interview bittet Schröder ihn zu erklären, wie Hip-Hop und die „nationale Bewegung“ zusammenpassten. Darauf weiß Makss Damage auch keine zusammenhängende Antwort („Eigentlich haben die Wikinger auch schon gerappt“), und es ist ihm wahrscheinlich auch komplett egal. Vielmehr handelt es sich um eine Vergewaltigung mit Ansage: „Ich bums euch mit der Mucke, die ihr vereinnahmt.“ Den Feind (die Schwarzen) zu ficken, wie man als Rapper sagen würde, also hier im eigentlichen Sinne in ihn einzudringen und ihn zu erniedrigen, befriedigt ihn, Makss Damage.

          Der diffuse Wunsch nach Radikalität

          Hip-Hop ist derzeit die erfolgreichste Musik-Richtung überhaupt, die Schwarzen haben sie erfunden, die Araber und Türken sind in Deutschland damit am erfolgreichsten, und das kann man als überzeugter Arier natürlich so nicht stehen lassen. Auf seinem kürzlich erschienenen Album „2033“ rappt Makss Damage: „Vergiss die Baumwollplantagen-Musik / Mann, ich befrei’ keine Sklaven / Das hier ist weißer Rap / (. . .) Es kommt der Tag, da habt ihr alle ein brennendes Kreuz im Garten“.

          Aus dem Lautsprecher direkt in den Kopf: So sollen die Texte der rechten Rap-Szene beim Hörer ankommen.
          Aus dem Lautsprecher direkt in den Kopf: So sollen die Texte der rechten Rap-Szene beim Hörer ankommen. : Bild: dpa

          Das Problem ist: Hört man diese Zeilen schnell gerappt und sieht sich das dazugehörige Video an, ist man erst mal eine Weile damit befasst, sich davon innerlich zu distanzieren. Weil es o.k. gerappt ist, weil der Beat o.k. ist, und man es gewohnt ist, bei einem Hip-Hop-Beat sofort mit dem Kopf zu nicken. Dass die Männer in dem Video von Makss Damage allesamt die Nazi-Marke „Ansgar Aryan“ (übrigens von Patrick Schröder betrieben, man kann dort „Danzig - unvergessene Heimat“ und „88-Crew“-Pullover beziehen) tragen, versteht man nur, wenn man es weiß, und tatsächlich sieht man als jemand, der sich nicht auskennt und vielleicht klein und wütend und zwölf Jahre alt ist, keinen Unterschied zu bestimmten anderen Musik-Videos, etwa dem gerade erschienen Video von K.I.Z., das zusammen mit dem Text absolut genial ist. Aber wie bei Makss Damage sieht man dort maskierte Männer mit Waffen im Dunkeln rummachen, und das ist gerade eben generell ziemlich angesagt.

          Vielleicht, weil es einen diffusen Wunsch nach Radikalität beantwortet, der seine richtige Adresse gar nicht kennt, und wegen dem Leute in Dresden auf die Straße gehen, Mittelstandskinder auf Haftbefehl abfahren und Designer sich vom IS inspirieren lassen. Makss Damage jedenfalls wirkt wie einer, der einfach nicht weiß, wohin mit seiner Wut, dem aber eine Menge daran gelegen ist, dass diese Wut zur Kenntnis genommen wird. Die extreme Entwicklung seiner politischen Überzeugung legt nahe, dass es am Ende völlig schnuppe ist, für welche Richtung er sich entscheidet - Hauptsache radikal. Auch wenn es falsch und gefährlich ist, diesen Makss Damage zu einem Patienten oder Verrückten zu machen, so kann man nicht anders, als während der Auseinandersetzung mit ihm zu denken: männlich, narzisstisch, gekränkt, unbeantwortet plus X, und dieses „X“ ist entscheidend. Denn in der deutschen Gesellschaft entstehen, verhältnismäßig betrachtet, relativ wenige offen bekennende Nazis. Noch seltener sind sie so zynisch wie Makss Damage und werden Rapper.

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