https://www.faz.net/-gqz-aaz22

Neues Album von Danger Dan : „Ich war ein destruktiver Mobber“

  • -Aktualisiert am

Am Ende des „Kunstfreiheit“-Videos lassen Sie sich vom Publikum mit Tomaten und Eiern bewerfen. Ist Widerstand zu provozieren Teil des Programms?

Ich höre selbst nie Musik, die allen gefallen soll. Dann gefällt sie ja auch den Arschlöchern. Von denen keinen Applaus zu bekommen, ist mir manchmal wichtiger als Applaus selbst. Wenn die Leute, die ich in einem Lied anspreche, das gut aufnehmen würden, wäre mir das sehr unangenehm, ich tue mich ja schon schwer mit Karl Lauterbach.

Was wäre für Sie eine Niederlage?

Eine Niederlage als Musiker wäre, komplett vereinnahmt zu werden und das Bundesverdienstkreuz zu bekommen. Das fände ich tragisch. Ich würde es aber nehmen.

Danger Dan
Danger Dan : Bild: Gyarmaty, Jens

Sie rechnen auf dem Album auch mit der Erziehung auf Ihrem Aachener Gymnasium ab, das sich heute auf Wikipedia mit Ihrem Namen schmückt, obwohl Sie geflogen sind.

Ich bin damals von Hessen nach Aachen umgezogen. In Hessen wurden Akten geführt, ob du mal zu spät gekommen bist oder ein Widerwort gegeben hast. Am ersten Schultag hat mich der Direktor in Aachen in sein Büro zitiert, weil er meine Akte kannte. Darauf folgten neun Monate kritische Beobachtung. Mir wurde gesagt, dass ich defizitär bin. Dabei hätte ich pädagogische Unterstützung gebraucht. Nach neun Monaten hat man mich dann wieder ausgeschult. Meine Bildungsbiografie ist von Löchern und Brüchen durchzogen. Inzwischen weiß ich: Ich kann mich benehmen, bin nett und nicht so dumm, wie meine Schulnoten mir das unterstellt haben. Und dann lese ich, dass die sich denken: Da ist ein kreativer Kopf, der auf unserer Schule war, der redet heute mit der F.A.Z. So was kann ich nicht unkommentiert stehenlassen. Es ist vielleicht peinlich, sich mit fast 38 Jahren noch mal an seiner Schule zu rächen, aber das Thema ist für mich emotional, und ich bin froh, dass ich die Gelegenheit dazu hatte.

Warum sind Sie so angeeckt?

Ich kann mich nicht nur als Opfer darstellen: Ich war wirklich anstrengend, ein destruktiver Mobber. Gleichzeitig lernt man in der Schule neben Rechnen, Schreiben und Lesen eben auch Obrigkeitshörigkeit. Sich an Regelwerke halten, ohne sie zu hinterfragen. Das ist mir schwergefallen. Ich kann pünktlich kommen und freundlich sein, aber ich muss mir selbst erklären können, warum. Das zieht sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich muss mich frei dafür entscheiden, ein spießiges Leben führen zu wollen.

Was wäre, wenn Ihre Tochter eines Tages die Schule schmeißen will?

Ich will, dass sie ein glücklicher und eigenständiger Mensch wird. Es kommt immer anders, als man denkt oder sich das wünscht. Ich will meine Ängste nicht auf sie projizieren. Als sie im Kindergarten war, bin ich zur Familienberatung gegangen, um herauszufinden, warum ich Angst vor ihrer Einschulung habe und was das mit mir zu tun hat. Meine Erfahrung muss sich bei ihr nicht wiederholen, sie geht gerne in die Schule. Es wäre falsch, ihr unbewusst meine Angst vor der Schule einzutrichtern.

Die neue Platte behandelt vor allem solche ernsten Themen. Bei „Eine gute Nachricht” werden Sie richtig sentimental, es geht um den Sinn des Lebens und den Tod. Warum beschäftigen Sie diese Fragen so?

In unserer Familie gab es früher eine Weihnachtstradition. Mein Vater wusste, dass seine Kinder keine Christen sind und er nicht die Weihnachtsgeschichte erzählen kann, also hat er Texte von Rio Reiser mit uns gelesen: „Wenn die Nacht am tiefsten ist, ist der Tag am nächsten“. Er hielt eine Predigt, damit wir wirklich Weihnachten feierten und uns nicht nur Geschenke gaben. Aus mir ist nie ein Christ geworden, aber ich habe mich davon inspirieren lassen. Letztes Weihnachten holte ich ein zwei Meter langes Metermaß, fügte zwei Zentimeter dazu und schaute mir an, was in der Zeitspanne der letzten 2020 Jahre geschehen ist. Aus der Sicht eines Astrophysikers ist unser Leben ein winziger Punkt im Zeitstrahl, trotzdem sind wir verdammt dazu, hier und jetzt zu sein und es uns schön zu machen. Das Lied ist eigentlich ein Liebeslied.

Weitere Themen

Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

Topmeldungen

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.