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Neues Album von Danger Dan : „Ich war ein destruktiver Mobber“

  • -Aktualisiert am

Das ist nicht mein Ziel. Ich frag mich eh, wieso mein Lied „Das ist alles von der Kunstfreiheit gedeckt“ jetzt überall Anklang findet.

Vielleicht liegt es auch daran, dass Sie in Ihren Musikvideos auf einer Theaterbühne stehen oder am Steinway-Flügel sitzen.

Die Theaterbühne war für ein Lied über Kunstfreiheit die beste Kulisse. Wenn ich mit einer Kalaschnikow posiere, ist es mir lieber, dass allen klar wird, dass ich nur Theater spiele. Da ging es nicht darum, ein Theaterpublikum anzusprechen. Wir sind nicht davon ausgegangen, dass Musik, die seit vierzig Jahren over ist, jetzt so ein Comeback feiert.

„Lauf davon“ ist wie eine musikalische Mischung aus „Let it be“ und „Sail Away“: Stellen Sie sich bewusst in die Tradition von Liedermachern wie Randy Newman?

Ich habe immer wieder Klavierlieder geschrieben, das ist für mich keine neue Facette. Für die, die mich nur als Rapper aus der Antilopen-Gang kennen, ist das ein größerer Gedankensprung. Ich sehe mich so wie immer, als normalen Typ, der auf der Klaviatur ausgerutscht ist. Unbewusst beeinflussen mich Lieder wie „Imagine“ von John Lennon, aber auch Künstler, die in Vergessenheit geraten sind. Ich finde, meine motzige Stimme in „Ingloria Victoria“ klingt nach „Befragung eines Kriegsdienstverweigerers“ von Franz Josef Degenhardt. „Ode an den Mord“ könnte von Georg Kreisler sein, „Ich verprügelte Sextouristen in Bangkok“ erinnert mich an Herbert Grönemeyer.

Sie singen über soziale Missstände, Ausbeutung, Sexismus und psychische Probleme. Aber Ihr zentrales Thema scheint der Kampf gegen Antisemitismus zu bleiben.

Die „Jüdische Allgemeine“ hat über mein Lied „Sommerlüge“ geschrieben, es sei der erste Rap-Song in deutscher Sprache, der sich auf die Schoah bezieht. Sie haben mich damals gefragt, wie ich auf die Idee gekommen sei, und ich habe zurückgefragt: Warum hat das noch kein anderer gemacht? Wir laufen hier durch eine Stadt voller bronzener Steine im Boden. An jeder Ecke wirst du daran erinnert, wie der Vernichtungswille, der immer am Ende des Antisemitismus steht, ausgesehen hat und wieder aussehen kann. Adorno hat geschrieben: „Die Forderung, dass Auschwitz nicht noch einmal sei, ist die allererste an Erziehung. Sie geht so sehr jeglicher anderen voran, dass ich weder glaube, sie begründen zu müssen noch zu sollen.“ So sehe ich das auch. Es gibt mehr Antisemiten als Leute, die sich gegen Antisemitismus stark machen.

Sie hatten extra einen Sekt kalt gestellt, für den Fall, dass irgendein Nazi oder Verschwörungstheoretiker Sie wegen „Das ist alles von der Kunstfreiheit“ anzeigt. Das ist bislang nicht geschehen, Sie haben sich ja auch rechtlich beraten lassen. Worauf stoßen Sie jetzt an?

Gute Frage, weil ich bisher immer gefragt wurde, ob ich den Sekt schon aufgemacht hätte, und verneinen musste. Ich hab den gestern einfach getrunken, weil ich Bock auf einen Sekt hatte und glaube, da kommt kein Brief mehr.

In einem anderen Song, „Das schreckliche Buch“, geht es darum, dass das Leben die schrecklichsten Geschichten schreibt, um Querdenker und Verschwörungsideologien. Wenn Sie für das Lied noch ein Kapitel schreiben müssten, was käme darin vor?

„Das schreckliche Buch“ handelt von einer wahren Gegebenheit, die vor fünf Jahren nicht vorstellbar gewesen wäre: Dass Esoteriker, Hippies, Neonazis und Verwirrte mit einem veganen Kochbuchautor und einem ehemaligen Grundschullehrer vor dem Brandenburger Tor demonstrieren und den Reichstag stürmen wollen, ist obskur. Die Person aus dem Lied, die mit schwarzweißrotem Umhang auf dem Holocaust-Mahnmal sitzt und Bongo spielt, habe ich mit eigenen Augen gesehen. In einem neuen Kapitel würde ich erzählen, dass jemand Klavier spielt und sich gegen deutsche Sicherheitssysteme äußert, und plötzlich kommt Karl Lauterbach und bezieht sich positiv darauf. Das hätte ich mir auch vor drei Monaten nicht ausmalen können.

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