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Rap in Marseille : Dafür ist immer noch das Sozialamt zuständig

  • -Aktualisiert am

Die Rap-Gruppe IAM Bild: ddp images/JOFFET EMMANUEL/SIPA

Für kein anderes Kulturgut ist Marseille so bekannt wie für die Rapmusik, seit Jahren kommen hierher die besten Rapper Frankreichs. Doch im Jahr der Kulturhauptstadt spielt ihre Musik kaum eine Rolle. Wie kann das sein?

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          Es gibt Stadtpläne von Marseille, auf denen die Quartiers Nord gar nicht verzeichnet sind. Der Fahrer, den ich bitte, mich an den Boulevard de la Savine zu bringen, fragt denn auch zögernd, ob ich da jemanden kenne, es gebe dort ja nichts zu sehen. Ja, sage ich, und er scheint einigermaßen beruhigt.

          Lena Bopp

          Redakteurin im Feuilleton.

          Jedenfalls fahren wir bald auf der Stadtautobahn in eine Gegend, in der die Häuser immer kleiner und ein bisschen schäbiger werden, und dann hinauf auf einen Hügel, auf dem, durch diese Lage auf sonderbare Art gleichzeitig erhöht und isoliert, ein paar alte Hochhäuser stehen. Der Fahrer will hier oben nicht auf mich warten. Ich könne ihn ja anrufen. „Ça craint“, sagt er, was so viel heißt wie, dass es ihm hier oben einfach zu unsicher ist.

          Drogenbanden ernähren ganze Familien

          Tatsächlich hört man viel Schlechtes über die Quartiers Nord, die Armenviertel im Hinterland von Marseille. Im Grunde hört man sogar ausschließlich Schlechtes: Armut, Drogen, Bandenkriminalität - als Besonderheit der Marseiller Banlieue gelten Schießereien mit Kalaschnikows, die aus alten Kriegsbeständen in Bosnien ihren Weg in Frankreichs Süden gefunden haben sollen. Die Lebensumstände in diesen Vierteln, in denen nur jeder Zweite einen Job hat und in denen die allermeisten Leute von staatlicher Unterstützung leben, sind erbärmlich.

          Es gibt Menschen, die sagen, dass die Drogenbanden, die sich hier erbitterte Kämpfe um Reviere liefern, ganze Familien ernähren und dass, wenn es der Polizei einmal gelingt, eine dieser Banden zu zerschlagen, manche Familien plötzlich die Miete nicht mehr bezahlen können.

          Im Zuge dieser Drogenkämpfe sind in den vergangenen Monaten mindestens zwanzig zumeist junge Menschen erschossen worden. Die Ohnmacht von Polizei und Regierung ging dabei so weit, dass die Bürgermeisterin des 15. und 16. Arrondissements, in denen auch der Boulevard de la Savine liegt, im Sommer 2012 nach der Armee rief. Das war, wie sie inzwischen zugegeben hat, ein etwas übertriebener Coup. Aber er zeigte Wirkung.

          Hier oben, in einem kleinen Kulturzentrum, das im Schatten der Wohntürme liegt und dessen Wände so dünn sind, dass man fürchtet, ein einziger kräftiger Windstoß könnte es umwerfen, arbeitet Soly Mbaé. Seine zierliche Gestalt und seine leise, langsam artikulierende Stimme passen nur bedingt zu dem, was ich über ihn weiß. Soly gilt als Veteran der Marseiller Rap-Szene, der er als DJ seit mehr als zwanzig Jahren angehört.

          Rasche Gentrifizierungsprozesse

          Lange trat er mit B-Vice auf, jener Gruppe, die etwa gleichzeitig mit den weitaus bekannteren Rappern von IAM am Anfang der neunziger Jahre die Bühnen betrat. Er kennt sie alle, die Jungs der berühmtesten Rapgruppen aus Marseille, von Massilia Sound System über Fonky Family, 3ème OEil, Psy4 de la Rime bis hin zu jüngeren Rappern wie den Sopranos, Carpe Diem oder auch der einzigen erfolgreichen Frau der Szene, Keny Arkana. Von ihr stammt auch das in diesen Tagen vielzitierte Wutlied „Capitale de la Rupture“, in dem sie die durch das Kulturhauptstadtjahr beschleunigte Gentrifizierung von Marseille anprangert: „Nos rues se remplissent de tristesse / un genre d’Apartheid se dessine“ - unsere Straßen füllen sich mit Trauer / eine Art Apartheid zeichnet sich ab.

          Soly Mbaé weiß um die Enttäuschung und die Wut, die alle diese Musiker derzeit eint. Denn als Marseille sich um den Titel der europäischen Kulturhauptstadt bewarb, so erzählt er, hat es in seinen Dossiers auch mit der vielfältigen Rapmusikszene für sich geworben. Und das völlig zu Recht: Es gibt nicht viele Kulturgüter, für die Marseille über seine Stadtgrenzen hinaus bekannt ist.

          Rap mit Ortsbezug

          Während andere Städte in Frankreich - allen voran natürlich Paris - oft für zumindest eine besondere Kunstform stehen, während etwa Lyon für seine Biennale bekannt ist, Aix für seine Oper, Avignon für sein Theaterfestival und sogar das kleine Arles jeden Sommer ein renommiertes Festival für Fotografie auf die Beine stellt, besitzt Marseille als künstlerisches Alleinstellungsmerkmal vor allem den Rap.

          Kennzeichnend für diese Musik, die in den achtziger Jahren in der New Yorker Bronx geboren wurde, ist der enge Bezug zu dem Ort, an dem sie entsteht. Nicht umsonst gilt die street credibility (französisch crédibilité de la rue) als wichtiges Glaubwürdigkeitsmerkmal unter den Anhängern. Will sagen: Wer in seinen Liedern von Kriminalität, Drogen, Armut und Razzien erzählt, erfährt umso größere Anerkennung, je glaubhafter er vermitteln kann, dass er sehr gut weiß, wovon er spricht. Gerade was Marseille angeht, versteht sich in diesem Sinne so gut wie von selbst, dass man nach Rappern, für die genau das gilt, nicht lange suchen muss.

          Aus dem hässlichen Entlein wurde so eine stolze Schönheit

          Bemerkenswert ist dabei, dass es in den neunziger Jahren, als die Rap-Szene hier groß und mächtig wurde, ausgerechnet eine ihrer Bands war, die mit ihrer Musik dazu beitrug, das negative Bild der Stadt zu verbessern. Wie Daniel Tödt in seiner jüngst erschienenen, exzellenten Studie „Vom Planeten Mars - Rap in Marseille und das Imaginäre der Stadt“ (Lit Verlag) darlegt, ist es den Rappern von IAM damals gelungen, all den Zuschreibungen, die Marseille zum Nachteil gereichten, durch einfache semantische Verschiebungen ein positives Identifikationspotential anzudichten.

          Aus dem hässlichen Entlein wurde so eine stolze Schönheit: Die am äußersten Rand Frankreichs gelegene ville arabe avancierte plötzlich zu einer Stadt mit einer jahrhundertealten erfolgreichen Migrationsgeschichte, die ihre Bürger vor allem zu Marseillern machte und erst in zweiter Linie zu Franzosen.

          Rap, finanziert aus den Sozialkassen

          Den Höhepunkt dieser Bewegung markierte das Lied „Je danse le Mia“, das im Jahr 1994 im ganzen Land zum Sommerhit wurde. Es schenkte der Stadt die liebenswürdig-groteske Assoziationsfigur des Mia, eines Goldkettchen tragenden Taugenichts, der tagsüber Pastis trinkt und nachts die legendären Discos der Stadt aufmischt. Er war der Antiheld dieser glorreichen, von den Bässen des Rap getriebenen Zeit - von der allerdings nicht viel geblieben ist.

          Die allermeisten Rapper, auch die von IAM, sind der Stadt zwar treu geblieben. IAM etwa haben Mitte der neunziger Jahre ihr eigenes Label Coté Obscur gegründet und mehrere lokale Gruppen unter Vertrag genommen. Aber eine tragfähige Struktur, mit der man den überwiegend in Paris ansässigen Musiklabels tatsächlich Konkurrenz machen könnte, ist daraus nicht erwachsen. Das liegt zum Teil auch daran, dass Institutionen, die sich dem Rap widmen, nicht mit Mitteln aus den städtischen Geldtöpfen für Kultur, sondern aus denen für Soziales unterstützt werden. Das sagt viel aus über das Ansehen des Rap in der Stadt. Man bringe ihn eben, so formuliert es Soly Mbaé, „noch immer überwiegend mit Gewalt in Verbindung. Es wird zwanzig, dreißig Jahre dauern, bis sich das ändert.“

          Zwischen Gewalt und Opferstilisierung

          Das Kulturzentrum, als dessen Leiter Soly tätig ist, wird auch aus diesen Töpfen bezahlt. Rund 340 Jugendliche aus dem Viertel kommen regelmäßig hierher, nehmen an Schreibkursen teil und versuchen sich an den Turntables des Aufnahmestudios. Wer ihnen oder auch den anderen Jugendlichen zuhört, die an diesem Nachmittag in einem kleinen, dunklen Club im Stadtzentrum für ihr abendliches Konzert proben, stellt schnell fest, dass es in ihren Texten tatsächlich viel um Gewalt geht. Die Jungs, unter die sich kein einziges Mädchen gemischt hat, sind zwischen zwölf und sechzehn Jahre alt, und in ihren Lieder fallen Begriffe wie Delinquenz, Kalaschnikow, règlement de comptes, also das Begleichen von Rechnungen, nahezu in jeder dritten Strophe.

          Dabei stilisieren sich die jungen Musiker indes überwiegend als Opfer einer repressiven, rassistischen Politik, und auch wenn diese Pose des verkannten, guten Außenseiters zum altbekannten Repertoire des Rap gehört, tut man den Rappern doch unrecht, wenn man sie in dieser Haltung beim Wort nimmt und deswegen meidet.

          Camus goes Rap

          Doch genau das ist geschehen. Im Programm des Kulturhauptstadtjahres, das reich ist an Veranstaltungen aus allen möglichen künstlerischen Sparten, taucht der Rap so gut wie nicht auf. Es gab nur eine einzige Konzertreihe, bei der Rapper aus der Stadt mit anderen Musikern aus dem Mittelmeerraum zusammenkamen. Und es gab, als gutes Beispiel dafür, wie man sie mehr hätte einbinden können, schon im März eine Veranstaltung am Grand Théâtre de Provence von Aix: Dort hat sich der Direktor Dominique Bluzet, ein kleiner, runder Mann von 55 Jahren, dessen weitläufiges Büro mit den schweren, schwarzen Möbeln in so scharfem Kontrast zu jenem mit Plastikstühlen ausgestatteten von Soly Mbaé steht, dort also hat sich Bluzet überlegt, wie man Jugendlichen die Ideen aus Albert Camus’ „L’Art et la Révolte“ schmackhaft machen könnte.

          Und er kam auf die Idee, einen Rapper zu bitten, Camus’ Ideen zu interpretieren - gemeinsam mit einigen Musikern des Philharmonieorchesters von Aix. Der Rap, sagt Bluzet, sei für ihn ein Vektor gewesen, um die Verbindungen zwischen den beiden Ufern des Mittelmeerraumes zu stärken, um diesem Raum eine Perspektive zu geben und um klarzumachen, dass der Mensch vom anderen Ufer kein Feind sei. „Den Beweis dafür liefert Camus, denn er sagt: Es wird immer Ungerechtigkeit geben. Die Ungerechtigkeit endet erst mit dem letzten Menschen. Man kann nicht alles regeln, aber man kann versuchen, einander zu verstehen, indem man miteinander spricht.“ Für ihn sei gerade der Rap in diesem Sinn ein Mittel, um Gewalt einzudämmen. „Denn im Rap tritt Gewalt in Form von Worten auf, was wieder eine Art ist, miteinander zu reden.“

          Gemischtes Publikum

          Dominique Bluzet sagt, er habe bei den Aufführungen deutlich gesehen, dass sie ein Publikum ins Haus gelockt hatten, das erstaunlich jung war und sehr gemischt, viel mehr jedenfalls, als es für gewöhnlich der Fall sei. Und so hatte die Sache nur einen einzigen, leider bezeichnenden Haken: Denn die Rapper von IAM, die er ursprünglich eingeladen hatte, mussten ihre Teilnahme absagen. In Gestalt von Abd Al Malik stand dann ein Mann auf der Bühne, der ein im ganzen Land anerkannter Rapper ist, aber, von Marseille aus gesehen, aus einer fernen Galaxie stammt - aus Straßburg.

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