https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/rammstein-video-sorgt-wegen-kz-anspielung-fuer-empoerung-16112184.html

Kritik an KZ-Anspielung : Rammstein-Video sorgt für Empörung

  • Aktualisiert am

Die Mitglieder von Rammstein im umstrittenen Video XXVIII.III.MMXIX Bild: Youtube

Rammstein wirbt für eine neue Single – mit einem Video, das die Band in Häftlingskleidung zeigt und mit KZ-Assoziationen spielt. Die jüdischen Verbände in Deutschland sind entsetzt.

          2 Min.

          Das Werbevideo, das die Band Rammstein am Dienstag veröffentlicht hat, dauert nur 35 Sekunden, und Musik ist darauf nicht zu hören. Trotzdem hat es innerhalb weniger Stunden für vehemente Reaktionen gesorgt. Schuld ist seine Symbolik.

          Die Mitglieder der Band stehen darin mit Stricken um den Hals an einem Galgen. Es sieht aus, als warteten sie, aufs Äußerste gespannt, auf den Moment der Hinrichtung. Sie tragen gestreifte Gefangenenkleidung und Mützen, die Farben sind Grau in Grau gehalten, und Gitarrist Paul Landers trägt einen Judenstern auf der Brust. Dann wird das heutige Datum in lateinischen Ziffern eingeblendet: XXVIII.III.MMXIX. In frakturähnlicher Schrift endet das Video mit dem Wort „Deutschland“. Ein Hinweis auf eine neue Single, die erste seit zehn Jahren. Die Kommentarfunktion auf Youtube ist ausgestellt.

          Zuvor hatte der Videokünstler Specter den Clip auf Instagram veröffentlicht. Die Assoziation war vielen Betrachtern sofort klar: Die Sträflingskleidung des Bandmitglieder erinnert an die der Insassen von NS-Konzentrationslagern. Und sorgt für Empörung. Eine Inszenierung als „todgeweihte KZ-Häftlinge stellt die Überschreitung einer roten Linie dar“, sagte der Antisemitismus-Beauftragte der Bundesregierung, Felix Klein der „Bild“-Zeitung. Wenn dies rein verkaufsfördernd sein solle, handele es sich um eine „geschmacklose Ausnutzung der Kunstfreiheit“.

          Die frühere Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, warf den Musikern eine „Instrumentalisierung und Verharmlosung des Holocaust“ vor. Die Band habe eine Grenze überschritten, sagte sie der „Bild“-Zeitung. „Wie Rammstein hier das Leid und die Ermordung von Millionen zu Entertainment-Zwecken missbraucht, ist frivol und abstoßend.“ Die Sprecherin der Jerusalemer Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem rief zu einem verantwortlichen Umgang mit der Erinnerung an die ermordeten Juden auf. Yad Vashem kritisiere „nicht generell künstlerische Arbeiten, die an Holocaust-Bilder erinnern“. Respektvolle künstlerische Darstellungen könnten legitim sein. Sie dürften die Erinnerung an den Holocaust jedoch keinesfalls beleidigen, herabsetzen oder schänden – und nicht nur als „bloßes Werkzeug“ dienen, um Aufmerksamkeit zu erzeugen.

          Im Netz kursieren verschiedene Bilder, die Hinweise auf die Veröffentlichung geben, versehen mit dem Hashtag #duhastvielgeweint. Auf Spotify soll Rammstein bereits mehrere kurze Videos verbreitet haben, auch aus Instagram finden sich Ankündigungen. Die Single „Deutschland“ soll am 12. April erscheinen, im Mai das Album.

          Vor einem Jahr hatte der Rapper Kollegah mit den Textzeilen „Mein Körper definierter als von Auschwitzinsassen“ und „Mache mal wieder nen Holocaust“ eine Debatte über Antisemitismus in der deutschen Musikszene ausgelöst. Mit dem Album „JBG 3“ gewann Kollegah den Echo. Der Eklat führte dann zur Abschaffung des Musikpreises. Später distanzierte sich der Musiker von den Zeilen.

          Weitere Themen

          Wir sind keine Zeitgenossen!

          Theaterpremiere in Berlin : Wir sind keine Zeitgenossen!

          Rene Pollesch wirft einen wehmütigen Blick in den zerkratzten Garderobenspiegel der Volksbühne. Seine Inszenierung von „Und jetzt?“ hat alles, was Theater braucht: drei Schauspieler und eine Gewissheit.

          Topmeldungen

          Der Zweite Senat beim Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe.

          Coronafonds der EU : Karlsruhe muss die Demokratie schützen

          Der Europäische Gerichtshof feiert Jubiläum, aber das Bundesverfassungsgericht wird weiterhin dringend gebraucht. Denn Europa soll kein Staat werden.
          Karl Lauterbach (zweiter von links) präsentiert die Arbeitsergebnisse der Regierungskommission für Krankenhäuser.

          Pläne für Krankenhausreform : Karl Lauterbachs Klinikrevolte

          Eine Regierungskommission schlägt vor, Fallpauschalen zurückzufahren und lieber Vorhaltekosten zu übernehmen. Die Länder und die Selbstverwaltung wurden dazu nicht gefragt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.