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Raabs Bundesvision Song Contest : Die Seeluft über Brandenburg

Mittelalte Mittelalterkerle auf Kiel: Subway to Sally feiern den Sieg beim Bundesvision Song Contest Bild: dpa

Härter als in Hessen: Stefan Raabs Suche nach der besten deutschen Band entschied sich gestern Abend in letzter Sekunde. Bekannte Namen scheiterten, weil der deutsche Hörer es offensichtlich am liebsten düster dräuend mag.

          3 Min.

          Das war mal wieder großartig verlaufen für Stefan Raab. Es war halb eins in der Nacht zum Freitag, und noch immer war sein „Bundesvision Song Contest“, die Leistungsschau des deutschen Popmusikschaffens bei Pro Sieben, nicht entschieden: Zwei Teilnehmer lieferten sich ein Kopf-an-Kopf-Rennen, wie es Koch und Ypsilanti spektakulärer nicht hinbekommen hätten. Die Stimmen des letzten Bundeslandes, des gastgebenden Niedersachsen, brachten schließlich die hauchdünne Entscheidung: Die brandenburgischen Mittelaltermetaller Subway to Sally zogen mit einem Punkt am thüringischen Vertreter Clueso, der lange geführt hatte, vorbei. Endstand: 147 zu 146.

          Jörg Thomann

          Redakteur im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Ein spannenderes Finale ist kaum denkbar, womit Raab seinem Ruf als König Midas des deutschen Fernsehens mal wieder gerecht geworden ist. Mit dem wichtigen Unterschied freilich, dass Raabs Gabe, alles Angepackte zu Gold zu machen, nicht wie beim legendären König die Gottesgabe eines gierigen Naivlings, sondern - was man Raab durchaus nicht immer anmerkt - präzise durchdacht und hart erarbeitet ist. In den „Bundesvision Song Contest“, 2005 ins Leben gerufen als nationales, faires Pendant zum stets durch binneneuropäische Feind-, Freund- und Seilschaften beeinflussten Eurovision-Wettbewerb, hat Raab viel Herzblut fließen lassen.

          Man mag, was hart kracht und schwarz gekleidet daherkommt

          Es hat sich bezahlt gemacht, nicht nur für den Moderator, sondern auch für die teilnehmenden Künstler: Wer in Deutschland als noch relativ unbekanntes Sangestalent ein Massenpublikum erreichen möchte, ohne sich zum Bohlen-Monster verunstalten zu lassen, der ist bei Raab richtig. 1,58 Millionen Zuschauer (8,0 Prozent) sahen zu. Auch die etablierte Elite schaut bei ihm vorbei und scheut nicht das Risiko, sich Nobodys geschlagen geben zu müssen. In diesem Jahr am Start waren der Frauenliebling Laith Al-Deen (für Baden-Württemberg), die WM-Helden Sportfreunde Stiller (für Bayern) und die Berliner Shooting-Stars Culcha Candela („Hamma!“). Niemand unter ihnen schaffte es in die oberen Ränge.

          Zum Niederknien: der denkbar knapp geschlagene Sänger Clueso
          Zum Niederknien: der denkbar knapp geschlagene Sänger Clueso : Bild: dpa

          Dort hatte sich früh Clueso festgesetzt, ein junger Thüringer mit Prinz-William-Charme, dessen freundlich verträumter, sanfter Pop im eher brachial geprägten Wettbewerb einigermaßen exotisch anmutete. Doch wer sich nach einem der größten Verlierer der Kinogeschichte benennt, dem täppischen Inspektor Clouseau, der darf sich nicht wundern, wenn es am Ende doch nicht reicht. So triumphierten Subway to Sally, eine seit bald zwanzig Jahren aktive Kapelle aus Enddreißigern und Mittvierzigern, der der Aufstieg von Gauklerfesten in größere Konzerthallen, nie aber der ganz große Erfolg gelungen war - bis jetzt. Raabs Sangesfest hat den Eindruck gefestigt, dass der deutsche Durchschnittshörer alles mag, was düster dräut, hart kracht und schwarz gekleidet daherkommt - wie die Vorjahressieger Oohmp! und nun eben Subway to Sally, deren Sänger einen sichtlich überraschten, aber freundlichen Raab anröhrte, dass er mit ihrem Sieg wohl nicht gerechnet habe. Und in der Tat darf man vermuten, dass das Multitalent Raab gegen ein wenig mehr musikalische Innovation nichts einzuwenden gehabt hätte.

          Die Sportsfreunde als Oberschüler

          Und doch darf er zufrieden sein. Sein Ziel, dem Publikum einen Querschnitt des deutschsprachigen Pops zu präsentieren, hat er erreicht, inklusive Pomp, Pathos und Peinlichkeiten. Die Bühnenshows verzeichneten neben den üblichen Feuerfontänen Sänger-Einfahrten mit dem Motorrad (Far East Band, Sachsen), lebende Schlangen (Culcha Candela), diverse Damen in Brautkleidern (Das Bo, Hamburg), ein mit aufgeblasenen Erdkugeln hantierender Kinderchor (Rapsoul, Hessen) und zwanzig knieende Geigerinnen (Clueso). Mit ihrem Song „Chica“ dürften Culcha Candela bewirken, dass junge Discogänger die in ihr Beuteschema passenden Mädchen künftig als „geile Sau“ ansprechen und dies auch noch für ein Kompliment halten („Ey, du geile Sau, ich hab', was du brauchst“).

          Der Hamburger Rapper Das Bo irritierte durch eine als Wolfgang-Petry-Hommage misszuverstehende Haarpracht und einen Refrain, der ausgerechnet bei der Münchner (!) Freiheit entlehnt war. Jennifer Rostock aus Mecklenburg-Vorpommern kreischte sich aufs Siegerpodest des inoffiziellen Randwettbewerbs „The Next Nina Hagen“. Die Sportfreunde Stiller schließlich enttäuschten mit dem ungroovigen Oberschülerstück „Antinazibund“ („Wir schau'n uns an, reichen uns die Hand, tun uns zusammen, egal wo und wann“), das man auch als vertonten Johannes B. Kerner bezeichnen könnte.

          Raab gibt den Privatfernseh-Wiedergänger Dieter Thomas Hecks

          Die Botschaft passte freilich in die Show, mit der Raab als Privatfernseh-Wiedergänger Dieter Thomas Hecks den öffentlich-rechtlichen Sendern ganz freiwillig deren Bildungsauftrag streitig macht. Wer böse Scherze oder auch nur ein wenig Ironie erwartete, der lag hier falsch. Statt dessen gab es kurze Einspielfilmchen, aus denen das junge Publikum nicht nur lernen konnte, was es so alles für Bundesländer gibt, sondern auch, dass der Bodensee der größte See Deutschlands ist, dass das Saarland an Frankreich und an Luxemburg grenzt und dass das sächsische Porzellan von guter Qualität ist. Raab selbst gab neben seiner dauerquasselnden Komoderatorin Johanna Klum den freundlichen Schmunzelonkel, der sich beim Schirmherr Christian Wulff artig dafür bedankte, dass jener den Song Contest „von Anfang an unterstützt habe“.

          So zog sich der Abend ziemlich in die Länge und gewann erst zum Ende an Dynamik. Der Sieg von Subway to Sally ist für das nicht auf Rosen gebettete Brandenburg ein seltenes Erfolgserlebnis - auch wenn man eine regionale Grundierung des Siegersongs vergeblich sucht. Der nämlich heißt „Auf Kiel“ und ist eine sentimentale Rockballade über einen früheren Seefahrer, der sich nach den Stürmen der Vergangenheit sehnt.

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