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„Queen“-Konzert : Der Stellvertreter

Im Schatten eines Geistes: Paul Rogers steht, wo Freddie Mercury einst stand Bild: dpa/dpaweb

Für ihre Tour haben Brian May und Roger Taylor von „Queen“ einen Nachfolger für Freddie Mercury gesucht - und mit Paul Rogers einen Stellvertreter gefunden, der die Frankfurter Festhalle schließlich doch zum Kochen bringt.

          Der Geist von Freddie Mercury sitzt auf dem zweiten Hocker neben Brian May. Der Gitarrist spielt "Love of My Life" - "a song written by Freddie for Freddie", wie er das Lied ankündigte. Doch nun singt es May, allein mitten unter den Zuhörern in der ausverkauften Frankfurter Festhalle. Und doch nicht allein, denn in den Refrain fallen die vielen tausend Menschen in der Halle ein, tragen das Lied seinem Ende zu, schrauben die Stimmen höher und höher, singen ihre Verehrung für einen vor vierzehn Jahren Verstorbenen hinaus und für dessen Band, die nun, neunzehn Jahre nach ihrer letzten Tournee, wieder unterwegs ist.

          Andreas Platthaus

          Verantwortlicher Redakteur für Literatur und literarisches Leben.

          So inbrünstig fällt das Publikum ein, daß sich in der Betonkuppel ein Echo sammelt, das die typisch wummernde Akustik der Festhalle für einen Augenblick vergessen macht, für jenen Augenblick, in dem der Nachhall in tosenden Applaus umschlägt, Brian May in sprachloser Bewunderung dem Auditorium seinen Respekt bezeugt und dann wieder von der Spitze des weit in die Zuhörermassen hineinragenden Laufstegs zurückgeht auf die Hauptbühne. Von einem Helfer werden die beiden Hocker abgeräumt, doch nun ist Freddie Mercury wieder mit dabei in der Festhalle - und alles hätte zum Desaster werden können.

          Anspielen gegen ein Gespenst

          Denn das Konzert von "Queen" ist in diesem Augenblick runde dreißig Minuten alt, und Paul Rodgers, der ehemalige Sänger von "Free" und "Bad Company", der für die Tournee als Sänger und damit Nachfolger von Freddie Mercury verpflichtet worden ist, hat vor zehn Minuten die Bühne verlassen. Es trat der Schlagzeuger Roger Taylor auf den Laufsteg und sang zwischen all den alten Hits ein neues Lied: "Say It's Not True", eine Hommage an Nelson Mandela und dessen Kampagne gegen Aids.

          Singt lieber ohne Pelz: „Queen”-Sänger Paul Rogers

          Freddie Mercury starb an dieser Krankheit, und so ist Taylor neben May der letzte Vertreter des alten "Queen"-Quartetts, weil Bassist John Deacon sich nicht für die Tourneepläne der Gruppe erwärmen konnte. Deshalb stehen neben Rodgers drei weitere Gastmusiker mit auf der Bühne: der Gitarrist Jamie Moses, der Bassist Danny Miranda und der Keyboarder Spike Edney. Doch in dem Moment, als Brian May seinem toten Mitmusiker einen Platz auf dem Hocker neben sich einräumt, sind die Gäste weg, und man muß das Schlimmste für sie fürchten. Wie werden sie gegen ein Gespenst anspielen?

          Die pathetische Pose liegt ihm nicht

          Paul Rodgers bleibt noch lange weg, mehr als eine halbe Stunde. Dabei hatte ihn die Band zum Auftakt noch allein hinausgeschickt vor den Vorhang, wo er sein Publikum mit "Reaching Out" begrüßte, einem eher unbekannten Stück, das er vor neun Jahren mit Brian May zusammen eingespielt hat. Deshalb muß man darin wohl den Auftakt zur heutigen Kooperation sehen, und die Solonummer tritt mit hohem symbolischem Anspruch auf. Doch mit

          "I Want to Break Free", "Fat Bottomed Girls" und "Crazy Little Thing Called Love" mußte sich Rodgers auch gleich an Klassikern von "Queen" beweisen, und es war schnell zu merken, daß an diesem Abend wohl kein Falsett à la Mercury zu erwarten war und auch die Mikrofonständerakrobatik von Rodgers eher etwas Gezwungenes besaß. Die pathetische Pose seines Vorsängers bei "Queen" liegt ihm nicht, und das ständige Auf- und Abschreiten wirkt manieriert: Schlendern im Rockkonzert ist Luxus.

          Dann geht es ohne Beistand aus der Konserve

          Doch nach seiner Pause, die man bei einer weniger ausgefeilten Konzertdramaturgie als Auswechslung hätte deuten müssen, kehrt Rodgers bei "Radio Ga Ga" zurück, mitten im Lied, das von Roger Taylor begonnen worden ist, und ausgerechnet in dieser Tour de force für das Publikum findet der Sänger endgültig zu sich, auch wenn er vor den Zugaben nur noch vier Stücke zu bestreiten hat, wovon das letzte "Bohemian Rhapsody" sein wird, das rocksinfonische Meisterwerk von "Queen". Und hier bewährt sich Rodgers gar neben Freddie Mercury, dessen Stimme im ersten Teil des Lieds eingespielt wird, bevor dann sein Nachfolger wieder mitten im Text übernimmt. Das ist der zweite geisterhaft-begeisternde Moment in der Festhalle.

          Das Weitere ist Repertoire-Routine, aber eine, die den Saal zum Kochen bringt. Denn "Queen" gönnen ihrem neuen Frontmann im Zugabenteil die eigene Visitenkarte: "All Right Now", den Klassiker von "Free" aus dem Jahr 1970. Rodgers ist also länger im Geschäft als seine Kollegen, doch davon merkt man nichts mehr, nun wirbelt er über die Bühne, flirtet mit dem Publikum, braucht bei "We Will Rock You" und "We Are the Champions", den traditionellen Höhepunkten aller "Queen"-Konzerte, keinen Beistand des seligen Freddie aus der Konserve mehr.

          Ganz am Ende, beim Schlußakkord des letzten Liedes, ist Brian May neben Rodgers ans äußerste Ende des Laufstegs getreten, und in einem winzigen Anfall von selbstvergessener Begeisterung tänzelt der Sänger wie ein Boxer neben dem Gitarristen. "Queen" haben einen Nachfolger für Freddie Mercury gesucht - gefunden hat die Gruppe einen Stellvertreter, der irgendwann auch mit Recht den Platz auf dem leeren Hocker einnehmen könnte.

          Weitere Auftritte von „Queen“ im April und Juli:

          Montag, 25. April: Westfalenhalle, Dortmund
          Donnerstag, 28. April: Color Line Arena, Hamburg

          Mittwoch, 6. Juli: Rhein-Energie-Stadion, Köln

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