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Punk-Club „CBGB“ : Die Anarchie gibt's jetzt bei Ebay

  • -Aktualisiert am

Durch diese Tür gingen viele, die ganz groß wurden Bild: AP

Der New Yorker Rockclub CBGB war das Hauptquartier des Punk. Patti Smith, die „Ramones“, „Blondie“ und die „Talking Heads“ haben hier angefangen. Nun schließt der Club: das Ende einer Ära. Ein Abgesang mit Bildergalerie.

          In einem löchrigen Mantel steht Patti Smith mit einer uralten Polaroid-Kamera vor einem Rockclub in New York und schießt Bilder. Sie reißt die Schutzfolie ab, wartet, bis sie sich entwickelt haben, und betrachtet sie. Unscharfe, verwaschene Fotos sind es, die sie im Zwielicht ohne Blitz geschossen hat - sie sehen aus wie alte Aufnahmen aus einer längst vergangenen Zeit. „Ich bin eben nostalgisch“, sagt sie, steckt die Fotos in ihre großen Manteltaschen und verschwindet im Inneren des Clubs. Zur Nostalgie hat sie Anlaß; sie hat eben die letzten Erinnerungsfotos von dem Ort gemacht, an dem sie ihre ersten Konzerte gespielt hat: vom CBGB, dem legendären Rock-Club im New Yorker East Village.

          Smith ist hergekommen, um die letzte Show des Clubs zu spielen - wirklich die allerletzte. Es sind die heiligen, nach altem Bier und Konzertschweiß riechenden Hallen, in denen nicht nur Smith, sondern auch die „Ramones“, „Blondie“ und die „Talking Heads“ angefangen haben, der Mutterboden der amerikanischen Punk-Bewegung. Dreiunddreißig Jahre hat der winzige Rockclub, der gerade einmal dreihundert Gäste faßt, durchgehalten - jetzt ist er endgültig nicht mehr in der Lage, die hohen Mietpreise des Viertels zu zahlen, die in den letzten Jahren immer weiter in die Höhe geklettert sind.

          Nichts konnte das Schicksal abwenden

          „Ich habe wirklich schon bessere Zeiten gesehen als jetzt“, hat vor einigen Tagen Hilly Kristal erzählt, der Mann, der den Club im Dezember 1973 gegründet hat und bis heute leitet. Sein Schreibtisch steht immer noch im düsteren Vorraum des Clubs, der tagsüber als Büro und abends als Kassenhäuschen dient. Alle seine Versuche, den Club doch noch irgendwie zu retten, sind fehlgeschlagen: Klagen, Anträge, seinen Club unter Denkmalschutz zu stellen, und auch ein großes Rettungskonzert auf dem nahen Washington Square mit „Blondie“ und „Public Enemy“ im letzten Sommer konnten nichts an seinem Schicksal ändern.

          Durch diese Tür gingen viele, die ganz groß wurden Bilderstrecke

          Das Innere des CBGB ist bis auf den letzten Quadratzentimeter mit Bandaufklebern und Filzstiftgekrakel volltapeziert. Unten auf die Bühne hat jemand vier Strichmännchen gemalt und „the Ramones“ druntergeschrieben. Auf der Bühne steht die „Patti Smith Band“ und spielt ein „Ramones“-Medley von „Sheeln is a Punkrocker“ bis „Blitzkrieg Bop“. Dazu rudert Smith wild mit den Armen, auch wenn es gerade nur die Presse ist, für die sie spielt - damit sie sie gleich rauswerfen kann, um nur mit den Fans Abschied vom Club feiern zu können. Trotz spärlicher Ankündigung war das Konzert innerhalb weniger Minuten ausverkauft - wie jeden Abend in der ganzen Woche. Schließlich las sich das Line-up wie eine große Retrospektive der amerikanischen Rockmusik der letzten drei Jahrzehnte, mit Konzerten von „Blondie“, den Punkern „The Dictators“ und den Hardcore-Bands „Agnostic Front“ und „Bad Brains“ - allesamt Alumni des Hauses.

          Die fürchterlichen Anfänge der „Ramones“

          Fragt man Hilly Kristal nach dem Geheimnis des Erfolges, gibt er sich bescheiden: Er habe mit seinem Konzept, eigene Musik statt Coverversionen bekannter Hits zu spielen, der damals neuen Rock-'n'-Roll-Bewegung einfach nur ein Forum gegeben. Er erzählt davon, was für eine schäbige Ecke das East Village damals gewesen ist - ein Viertel, das selbst Taxifahrer aus Angst um Leib und Leben mieden. „Für uns war das damals der perfekte Ort, um anzufangen“, erinnert sich Tommy Ramone, ehemaliger Drummer und einzig überlebendes Mitglied der Band - auch weil Kristal seine Band immer wieder habe spielen lassen. Glaubt man Kristal, dann hatten die „Ramones“ diese Übungsstunden auch dringend nötig. „Ihre ersten Konzerte waren fürchterlich“, meint er noch heute.

          Dabei paßten sie mit ihrem dreckigen Street Rock überhaupt nicht in das Konzept, das Kristal sich eigentlich ausgedacht hatte. Er gab dem Club den Namen CBGB, weil er hier Country, Bluegrass und Blues hören wollte - doch als er merkte, daß das nicht funktionierte, öffnete er das musikalische Spektrum seines Clubs mehr und mehr in Richtung Rock. Für seine Bekanntheit in der Szene aber sorgten nicht die „Ramones“ oder ihre Punk-Kumpanen „Television“, sondern eben die Rock-Poetin Patti Smith. Sie war es, die 1975 prominentes Publikum wie Andy Warhol, Alan Ginsberg und Lou Reed anzog.

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