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Popstar Tarkan in Frankfurt : Die Küsse des Rebellen

Der türkische Popsänger Tarkan bei seinem Konzert in der Jahrhunderthalle in Frankfurt Bild: dapd

Tarkan ist weitaus mehr als der bekannteste Popstar der Türkei. Der türkischen Jugend zeigte er, dass man über Sex reden darf. Seit seinem Song „Simarik“ ist er auch vielen Deutschen ein Begriff. In Frankfurt bewies er musikalische Qualitäten.

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          Es gibt ein wunderbares türkisches Volkslied des großen alevitischen Dichters und Sängers Aik Veysel, der, in Kindertagen erblindet, in der Tradition der anatolischen Aik-Sänger von Dorf zu Dorf zog und so fast die gesamte Türkei bereiste. „Uzun Ince Bir Yoldayim“ („Ich bin unterwegs auf einem schmalen, langen Grat“) beschreibt das Leben als einen weiten Weg zwischen den „zwei Türen“ („iki kapi“) Geburt und Tod, den man gehen muss, ohne zu wissen, wann Freude und wann Traurigkeit einen dabei begleiten, und ohne jemals an den Ort zu gelangen, an dem man sich wirklich zugehörig fühlt. Fast ersterbend wiederholt die Melodie am Ende immer wieder den Refrain „gündüz gece, gündüz gece“, „Tag und Nacht, Tag und Nacht“. Es ist ein Lied voller Leidenschaft und Melancholie. Als Tarkan ansetzte, um es, nur begleitet von einer Saz, der traditionellen türkischen Laute, zu singen, da war er ganz bei sich. Es war kaum zu übersehen, dass sich in der alten Weise auch ein Stück persönliche Wahrheit des türkischen Popstars verbirgt.

          Karen Krüger

          Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Tarkan, der Traditionalist, der auf seinen Alben altes türkische Liedgut neu interpretiert. Tarkan, der Rebell, der über Sex singt, wie das vor ihm noch niemand in der Türkei wagte. Tarkan der Umweltschützer, der gegen den Bau des Ilisu-Staudamms in Südostanatolien kämpft und der vergeblich versuchte, dem Militärdienst durch einen Umzug nach New York zu entfliehen: Tarkan ist der größte und international bekannteste Popsänger der Türkei. Seit seinem Knutschsong „Simarik“ („Verwöhntes Gör“), mit dem er im Jahr 1997 die Charts in aller Welt eroberte, ist er auch den meisten Deutschen ein Begriff.

          Ein Zeichen fortschreitender Assimilation?

          In der Türkei aber kennt ihn schon lange jeder. Seine grünen, als verträumt gerühmten Augen. Seine mitreißende, tanzbare Musik, die in der Türkei Kinder begeistert genauso wie deren Großmütter. Sein Spiel mit knabenhaften Attributen, seine Laszivität, sein koketter Hüftschwung haben die Verführungsgesten einer ganzen Kultur bühnenreif gemacht. Manche Türken verdammen ihn dafür als unmoralisch, und haben schon zum Boykott seiner Musik aufgerufen. Für die meisten jedoch verkörpert Tarkan die türkische Moderne – eben weil er mit geschminkten Augen und im hautengem Dress auch Volkslieder wie „Uzun Ince Bir Yoldayim“ intoniert. Wird das Lied bei Konzerten in der Türkei vorgetragen, dann singen Jung und Alt es lauthals mit – das Lied ist nicht wegzudenken aus der türkischen Kultur. In Frankfurt aber, wo etwa fünftausend Zuschauer Tarkans drittem Deutschlandkonzert seiner Europatournee aus Anlass des neuen Albums „Adimi Kalbine Yaz“ („Schreib meinen Namen in dein Herz“) lauschten, wurde nur der Refrain allenfalls begeistert mitgebrummt. Und dass, obwohl fast nur Deutsch-Türken in der Jahrhunderthalle erschienen waren. Ein Zeichen fortschreitender Assimilation, womöglich sogar in die deutsche Liedkultur? Der türkische Ministerpräsident wäre jedenfalls entsetzt gewesen.

          Als Tarkan dreizehn war, kehrten er und seine Familie aus Rheinhessen in die Türkei zurück ...
          Als Tarkan dreizehn war, kehrten er und seine Familie aus Rheinhessen in die Türkei zurück ... : Bild: Hannes Jung

          Tarkan aber reagierte gutgelaunt, nämlich mit dem Song „Dudu“, in dem es um die schwierige Liebe zu einem launischen Mädchen geht. Die Melodie gleitet mühelos um einen schnellen, unverwechselbar türkischen Rhythmus, ohne für eine Sekunde monoton zu werden. Da endlich zeigte das Publikum, dass man schon sehr in der deutschen Kultur angekommen sein muss, um sich dem Sog dieser Musik zu entziehen: Es begann sofort zu tanzen, und dabei blieb es dann auch.

          Das Geräusch zweier Küsse

          Für vielen Deutsch-Türken seiner Generation ist Tarkan mehr als nur ein hervorragender Musiker. Seine Biographie hat ihnen geholfen, jenes diffuse Gefühl der Zweitklassigkeit zu überwinden, das oft einhergeht mit der Erfahrung der Migration. Denn Tarkan ist selbst eine Wanderer zwischen den Welten. „Sprechen Sie deutsch?“, begrüßte er deshalb auch seine Fans und machte dabei mit holpriger Aussprache unmissverständlich deutlich, dass er selbst die Sprache des Landes, in dem er geboren wurde und seine ersten dreizehn Lebensjahre verbrachte, weitgehend vergessen hat. Tarkan Tevetoglu wuchs im rheinhessischen Alzey auf, als Sohn türkischer Gastarbeiter. Im Jahr 1985 kehrte die Familie zurück, zurück in die türkische Provinz. Dort eckte der an Freizügigkeit gewöhnte Tarkan zunächst an, studierte dann Gesang, trat in Bars und auf Hochzeiten auf und wurde schließlich von Mehmet Sögütoglu, den Inhaber von Istanbul Plak, einem der größten Musiklabels des Landes, entdeckt.

          Sein Debüt im Jahr 1993 verkaufte sich 700 000 Mal. Sein zweites Album „Aacayipsin“ („Du bist umwerfend“) erreichte in der Türkei die zwei Millionenmarke. Sezen Aksu, die Grande Dame der türkischen Popmusik, schenkte ihm mit „Hepsi Senin mi?“ („Gehört das alles Dir?“), einen Hit. Fast genauso erfolgreich war sein Song „Bu gece“ („Diese Nacht“), Tarkans Ode an eine Liebesnacht aus tanzbaren, gedämpften Oriental-Beats, bei der er in Frankfurt die Tonlage beim Wort „gece“ hob und senkte, und dieses so sehr in die Länge zog, als solle die Nacht niemals enden.

          Tarkan besingt das Leben mit Melancholie und Leidenschaft, ohne dabei ins schwülstig-kitschige oder machohafte abzurutschen, wie es so viele schnauzbärtige, türkische Barden tun. Dafür ist der Sänger viel zu selbstironisch. Seine Liedtexte sind zärtlich, erzählen jedoch selten in abgedroschenen Worten von Zweisamkeit. Die Liebe erscheint als ein Spiel, jedoch ein durchaus ernstzunehmendes, bei dem man sich oft zum Narren macht. Sex gehört selbstverständlich mit dazu, genauso wie die Möglichkeit, von der Angebeteten einen Korb zu bekommen, was freilich für traditionell denkene Türken undenkbar ist.

          „Wenn ich dich kriege“ singt Tarkan in seinem Lied „Simarik“, bringt den Satz aber nicht zu Ende. In Frankfurt antwortete ihm das Publikum tausendfach mit dem Refrain: Nämlich dem Geräusch zweier Küsse.

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