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Popmusik : Von hier aus um die ganze Welt

Die Mixkassette - eine Liebesgeschichte Bild: F.A.Z.-Dieter Rüchel

Eine der großen Liebesgeschichten der Popmusik: Im März 1986 erschien die Mixkassette „c86“. Mit ihr begann vor genau zwanzig Jahren der Siegeszug des Independent-Pop.

          7 Min.

          Mit Mixkassetten beginnen Liebesgeschichten. Das war früher jedenfalls so, heute brennt man seine Geständnisse dem Liebsten digital ins Herz: auf CD. Aber damals, in den analogen achtziger und auch noch in den neunziger Jahren, waren es Kassetten - anderthalb Stunden arrangierte Autobiographie auf Band.

          Tobias Rüther

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Auch Musikmagazine haben versucht, ihre Leser so zu erobern. Mittlerweile kommt keines mehr ohne einen Sampler aus, der kostenlos ins Heft geklebt wird. Das ist aufwendig, bindet aber, wie ja auch die Mixkassetten binden sollten: Bis heute rezitiert zum Beispiel Jochen Distelmeyer von der Band Blumfeld auf Konzerten, was der Kölschrocker Jürgen Zeltinger auf eine hauchdünne Flexi-Disc gesprochen hatte, die 1979 dem „Musik Express“ beilag: „Hier sprischt Zeltinger, euer Schäff: Wir haben für eusch wieder mal die schönsten Melodien auf Platte jebannt.“ Es war eine Sternstunde für Leser. Der Leser Distelmeyer hat sie jedenfalls nicht vergessen.

          Auch der „New Musical Express“ aus England steckte Musik in seine Hefte: Und dazu benutzte der „NME“ eben Kassetten. Die erste hieß „c81“, was „Cassette 81“ abkürzte: Pop aus dem Jahr 1981 also, Scritti Politti, die Deutsch Amerikanische Freundschaft und The Raincoats, vier Frauen aus London, die Lieblingsband von Kurt Cobain.

          Alles geht auf sie zurück

          Fünf Jahre nach „c81“, im März 1986, brachte der „NME“ dann wieder eine Kassette heraus. Mit ihr begann eine der großen Liebesgeschichten der Popmusik. Sie dauert bis heute an, weil ihr wieder und wieder Bands und Hörer verfallen sind, und zuletzt sogar der Markt: Mit „c86“, der „Cassette 86“ also, schlug die Geburtsstunde des sogenannten Independent-Pop. Was gestern Britpop genannt wurde - also Oasis, Blur und Pulp - und was wir heute an Gitarrenmusik hören, ob Coldplay oder Wir sind Helden, ob Bloc Party oder Blumfeld, geht auf diese eine Kassette zurück, die vor genau zwanzig Jahren dem „NME“ beilag.

          Seither hat sich die Popbranche sehr verändert. Damals waren die Bands von der „c86“-Kassette allesamt bei unabhängigen Plattenfirmen unter Vertrag. Wenn sie überhaupt einen Vertrag hatten. „Indie-Pop“ war nichts, mit dem man Geld verdienen konnte, weil nur wenige ihn hörten. Die „c86“-Bands - sie hießen Primal Scream oder The Wedding Present, The Soup Dragons oder The Pastels - waren Liebhabereien für eingeweihte Fans, die fotokopierte Heftchen lasen, sogenannte „Fanzines“, und die ihr Selbstverständnis gerade daraus speisten, daß die breite Masse ihre Lieblingsbands nicht kannte. Und nicht kapierte: „Indie-Pop“ war nämlich zuallererst eine Haltung, elitär und gegen den Markt. Den man verachtete. Bei „Indie“ ging es um Selbstverwirklichung. Wer sich schnöde an die Industrie verkaufte oder sogar einen Hit hatte, fiel durch.

          Ein lukratives Genre

          Das ist heute anders. Weil die Industrie nicht zuletzt vom Welterfolg von Kurt Cobains Nirvana und den Engländern Oasis gelernt hat und Gruppen, die nach Indie-Pop und irgendwie anders oder „schräg“ klingen, unter Vertrag nimmt - und zwar ohne ihren Willen zu brechen. Indie-Pop wandelte sich so seit der „c86“-Kompilation von einer Wirtschaftsform zu einem lukrativen Genre.

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