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Popmusik und Lüge: : Diebstahl ist auch ein Stil

  • -Aktualisiert am

Die Ideen haben die anderen: James Cook (l.) und Dan Hadley (r.) von der Band „Delphic” Bild: Thomas Brill

Es klingt nach einer Kopie erfolgsgekrönter Popmusik: Die Band Delphic geht gekonnt mit den Ideen anderer Leute ums. Trotzdem wird man das Gefühl nicht los, es mit einem Trio strebsamer Schüler zu tun zu haben.

          Dichter Trockeneisnebel durchweht schon vor dem Konzert das ausverkaufte Gebäude 9 - ein klares Indiz dafür, dass hier im Geiste von Track und Rave, Party und Tanz musiziert werden wird; wem der Sinn nach sensibel vor sich hin zupfenden, ausdrucksintensiven Musikern steht, ist hier fehl am Platz. Und das, was später von Delphic als nebelergänzende Musik gereicht wird, hat denn auch eine technoeske Wucht, die man so lange nicht erlebt hat. All den Franz Ferdinands und Maximo Parks, die angestrengt danach trachteten, ihrer Musik in die Tanzschuhe zu helfen, dürften vor Neid und Bass die Hosenbeine flattern.

          Und dennoch klingt die Band aus Manchester, der Hochburg der Song- und-Track-Verschmelzung, letztlich nur wie eine ultraprofessionelle, klug kalkulierte und, ja, tatsächlich sehr gut gemachte High-End-Variante von etwas schon Dagewesenem.

          Klauen heißt im Pop noch lange nicht lügen

          Nun ist dieses Argument im Pop ja nicht nur älter als die meisten inzwischen kanonisierten Platten der sechziger Jahre - sie ist auch meistens ziemlich nutzlos. Eines hat sich jedoch geändert: Viele zeitgenössische Bands arbeiten zunehmend an einer bloßen Perfektionierung, im schlimmsten Fall gar an einer Professionalisierung von anderer Leute Ideen. Deswegen kann man Bands wie Interpol oder den Editors, Bloc Party oder Franz Ferdinand sehr wohl vorwerfen, lediglich die Stilismen ihrer zwei, drei Vorbilder mit heutigen Produktionsmethoden funktionaler zu machen. Bei Delphic ist es sogar noch etwas ärger: Sie klingen fast exakt wie eine andere Band. Delphic tönen so sehr nach New Order wie sonst nur Interpol nach Joy Division.

          An der Oberfläche funktioniert das mitunter perfekt: Um Punkt zehn tritt die Band in den Bühnennebel, Sänger James Cook singt zu Elektrogeflicker und Klingelgitarre die seltsam passenden Zeilen „We all have time to change / Look back into the past“. Dann geht er nach hinten und hängt sich seinen Bass um. Die Musik schwillt an, und zum Einsatz des Schlagzeugs fliegen im Publikum die Arme in die Luft. „A call to arms / A call to everything you wanted / It's your life“ hymnisiert Cook nun. Der Song „Clarion Call“ ist purer Pop und besser als alles andere, was man im jugendlich orientierten Tagesradio zu hören bekommt - aber genau dort will diese Musik auch stattfinden. Und das trotz des im Text behaupteten Aufbegehrens, trotz des Unbedingtheitsanspruchs. Man wird das Gefühl nicht los, dass Delphic bei aller Cleverness vor allem strebsame Schüler sind, die extrem gekonnt etwas behaupten, was sie nicht meinen. Dies mit einer Lüge zu verwechseln, hieße jedoch, Pop nicht zu verstehen.

          Drogenmusik als Hausaufgabe

          Auch das folgende „Doubt“ ist ein makelloser Hit zwischen Radiorotation und Club, zwischen Ankleidungs-Soundtrack zum Um-die-Häuser-ziehen und Feger für die Indie-Disco. Irgendwann beugen sich die Musiker über ihre Synthesizer und Sequencer, der Song kippt in Sprachsample-Gestammel - und geht von dort mit der lautesten Snare-Drum, die es seit Ewigkeiten auf einem Konzert zu hören gab, weiter auf Reisen.

          Delphic machen Einerseits-andererseits-Musik: Während man sich im einen Moment noch fragt, wer sonst bitte gerade so gute tanzbare Popmusik produziert, lässt der perfekt getimte Auftritt im nächsten Augenblick das Gefühl entstehen, drei gewieften Produzenten beim nüchternen Herstellen von Drogenmusik zu lauschen. „Die haben ihre Hausaufgaben gemacht“, sagt einer beim Hinausgehen. Fraglich, ob das positiv oder negativ gemeint sein soll. Was wohl gemeint ist: Die drei Musiker wissen offenbar ganz genau, was sie tun, und ihr Umgang mit den Ideen anderer Leute ist gekonnt. Aber dass Popmusiker heutzutage womöglich für das korrekte Erledigen ihrer Schularbeit gelobt werden könnten, verwundert doch einigermaßen.

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