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Popkünstlerin FKA twigs : Meine Religion ist ein Mixtape

  • -Aktualisiert am

Die Sängerin FKA twigs Bild: Beggars Group

Die britische Popkünstlerin FKA twigs verwandelt die fluiden Zustände von Körpern und Stilen in Songs. Eine flüchtige Begegnung.

          7 Min.

          Eine sinnliche Erfahrung wie das Berühren eines sehr weichen Stoffs, eine zerbrechliche Unverwundbarkeit: FKA twigs weht mit ihren Liedern herüber, oder doch eher herunter, als bewohne sie eine erdferne Sphäre. Auf dem Weg verzerren Störgeräusche ihre Stimme, sie bricht ab, beginnt neu, bricht ab, und nie wird klar, ob sich die gehauchten Wörter dem Knarzen und dem Grollen unterwerfen oder bloß kurz an die knackende Technik anschmiegen, um im nächsten Moment ganz deutlich zu erklingen. „Anders“ ist das Wort, das in vielen Kommentaren zu ihren Liedern fällt, „seltsam“ auch – gegenüber dem Standard aktueller Musik wirkt FKA twigs wie eine Trotzreaktion.

          Müsste man sie mit einem Wort beschreiben, wäre das vielleicht „fluide“. Fluide Substanzen verändern kontinuierlich ihre Form, ständig sind sie bereit (und willens), sich zu wandeln. Feste Körper dagegen verformen sich nur, wenn mehr oder weniger starke Kräfte von außen auf sie wirken. Man braucht nicht viel Phantasie, um das auf die gegenwärtige Popmusik zu übertragen. Die Fluiden heißen Frank Ocean und Anohni, und die interessante Frage ist, ob das ständige Wandeln ihrer Songs, die Lust am Neuen, Unbekannten, an dem, was sich 2019 noch an Unerhörtem schaffen lässt, etwas damit zu tun hat, dass ein bisexueller Sänger und eine Transperson wissen, wie fragil und wandelbar selbst Sexualität und Geschlecht sind, scheinbare Letztgültigkeiten einer Identität.

          Mehr als eine Rolle

          Schon im Jahr 2000 beschrieb in „Liquid Modernity“ der Soziologe Zygmunt Bauman „,Fluidität‘ und ,Liquidität‘ als treffende Metaphern, wenn wir die Natur der Gegenwart begreifen wollen“. In welchem Aggregatzustand FKA twigs unterwegs ist, fragt nur, wer nie gehört hat, wie ihre Musik fließt. Ihr Debüt „LP1“ erschien 2014 beim britischen Label Young Turks, wo mit Jamie XX und Sampha zwei weitere Pop-Modernisten unter Vertrag sind, und bediente sich an Trip-Hop, R&B, Dubstep und einem Haufen von Subgenres, die einem Leute auf Partys aufzählen, die immer nur ihre eigene Playlist auflegen wollen.

          So wie ihre Songs sich nicht an ein Genre und das traditionelle Strophe-Refrain-Schema halten, so will sich FKA twigs nicht auf eine Rolle festlegen: Sängerin, Produzentin, Regisseurin, Tänzerin, Choreografin – plus diverse andere Rollen, die sie in ihren Songs annimmt. FKA twigs kann und kontrolliert alles selbst: eine Universalkünstlerin (genau wie der Hip-Hop-Unternehmer Kanye West und all die anderen, die sich für Genies halten). Vor seinem Tod lud das unzweifelhafte Genie Prince sie ein, und die beiden spielten eine Runde Tischtennis.

          Motiv der heiligen Hure

          Während Popsongs schnell Richtung Politikwissenschaftsstudium abdriften, wenn sie mit expliziter Gesellschaftskritik oder Zukunftsvisionen ankommen, hat FKA twigs eine kaum fassbare Ästhetik erschaffen – die zugleich so eindeutig verrät, wofür sie steht, dass die Sängerin es nie aussprechen, ja, nicht einmal mehr singen muss. Statt einen Gratissatz zu Gleichberechtigung zu sagen, erzählen ihre Songs von Frauen, die sehr viel komplexere Rollen haben als die Klischees einer Hure oder einer Heiligen (einer „heilenden Hure“ zum Beispiel, was ein Leitmotiv ihrer neuen Platte ist, aber dazu später mehr).

          Wenn FKA twigs über eine ausbeuterische Beziehung singt, dann singt sie immer auch von der Schönheit des Unterwerfens und der Macht der Person, die Macht abgibt. Ein einprägsames Bild dafür sind die Finger, die ihr im Video zu „Papi Pacify“ ein Mann in den Mund steckt, sehr brutal sieht das aus und ein bisschen lasziv, und dann wieder so grausam, dass man es nicht länger ansehen will.

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