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Pop : Riffs mit Magistertitel

  • -Aktualisiert am

„Franz Ferdinand” live Bild: AP

Kunsthochschul-Attitüden und Punkrock zweiter Ordnung: Das Debüt von „Art Brut“ und „Franz Ferdinands“ zweiter Streich.

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          Wer waren noch einmal „Franz Ferdinand“? Kamen die nun vor oder nach „The Libertines“ - jener Band mit dem koksenden Sänger, der Kate Moss vom Pfad der Tugend abgebracht hat? Und die seinerzeit, vor drei Jahren, als britische Antwort auf „The Strokes“ galten (die amerikanische Antwort wiederum auf die englische Sperrstunde). „Franz Ferdinand“ also begründeten im vergangenen Frühjahr mit rund drei Millionen verkauften Debütalben mindestens einen neuen Trend: den der „The“-Bands ohne „the“.

          Außerdem speisten sie in die allesfressende Retro-Maschine des zeitgenössischen Pop erstmals wieder New-Wave-Klänge ein - inklusive der dazugehörenden Kunsthochschul-Attitüden und dem El-Lissitzky-Propaganda-Design.

          „Blur“ versus „Oasis“

          Die Pole, zwischen denen das Popsystem immer wieder oszilliert, sind ja nicht „authentisch“ versus „künstlich“ oder „rockig“ versus „weniger rockig“, sondern: „klug“ versus „dumm“ beziehungsweise: „gebildet“ und „aus dem Bauch oder sonstwo heraus“, also „Blur“ versus „Oasis“. Jetzt darf Rockmusik wieder einmal den Master of Arts haben, mit kulturhistorischen Verweisen angeben und manchmal sogar hysterisch und anstrengend, eben avantgardistisch klingen: Allerdings stören Intelligenz und Bildung in der Rockmusik vor allem diejenigen, die vor Kunst und Tradition sonst gern auf die Knie fallen.

          Alex Kapranos, Lead-Sänger von „Franz Ferdinand”
          Alex Kapranos, Lead-Sänger von „Franz Ferdinand” : Bild: AP

          Die stilisiert-dandyhaften Glasgower von „Franz Ferdinand“ gingen da voran, und wenn jetzt an ihrem zweiten Album vor allem die (zweieinhalb) ruhigeren Songs über den grünen Klee gelobt werden, dann liegt das daran, daß die anderen Stücke nach dem Auftreten der kaum überschaubaren Vielzahl von Nachfolge-Bands nicht mehr genügend Unterscheidungsmerkmale bieten. Dabei ist ihr neues Album insgesamt sogar besser als ihr Debüt - man höre nur Killer-Songs wie „You're the Reason I'm Leaving“ oder „What You Meant“.

          Fiebrigtrockener Post-Punk-Stil

          Aber den Neuigkeitseffekt, den - allesamt hervorragende - Bands wie „Razorlight“, „Bloc Party“ „Maximo Park“ oder, jüngst, die „Kaiser Chiefs“ mit ihrer jeweils sehr speziellen Mischung bekannter Elemente noch auslösen konnten, hat eben „Franz Ferdinand“ nicht mehr.

          Es spricht sehr für die Band um den Sänger Alex Kapranos und den Gitarristen Nick McCarthy, daß sie sich von solchen Erwartungen nicht unsicher machen ließ und ihren fiebrigtrockenen Post-Punk-Stil einfach weiterentwickelte: Der baßorientierte Disco-Beat der späten Siebziger tritt etwas stärker hervor (“I'm Your Villain“, „Outsiders“), und es finden sich Ausflüge ins Balladesk-Psychedelische, von denen die New-York-Hymne „Eleanor Put Your Boots On“ am leichtesten ins Ohr geht.

          „Art Brut“: Primitivisten unte den „High-Brow-Rockern“

          Solche Art-School-Raffinesse wird nun von der Londoner Band „Art Brut“ wieder umgekehrt: Wenn Pop nur Kunst mit anderen Mitteln ist, dann darf es eben auch Primitivisten unter den High-Brow-Rockern geben. Heraus kommt dabei etwas wie Punkrock zweiter Ordnung, Rockmusik, die vor allem übers Rocken „nachdenkt“: „My little brother just discovered Rock & Roll / There's a noise in his head and he's out of control / And yes it frustrates, / let's him make his own mistakes.“

          Wo die Regression als solche plakatiert wird, kann die Kritik an der Beliebigkeit der Wiederholung nicht mehr treffen. Frontmann Eddie Argos (die ganze Band scheint solche witzelnde Künstlernamen zu tragen) singt daher von seiner ersten Liebe mit fünfzehn, der er noch immer verfallen ist („Emily Kane“), und gibt sich auch sonst ganz wie ein Boygroup-Mitglied, das glaubt, vom tiefsten Leid der Welt getroffen zu sein.

          Lustig oder albern

          Das ist natürlich alles Pose, und wenn „Art Brut“ einen Besuch im Centre Pompidou besingen und am Ende mit Anlauf gegen ein Bild von Matisse Pogo tanzen wollen, kann man das lustig finden oder nur albern - ihre mit beiläufigem Sprechgesang vorgetragenen Songs jedenfalls sind auch nicht schlechter als die von anderen Bands, deren Texte man nicht versteht. Daß sich Rockmusiker neuerdings wieder als Konzeptkünstler verstehen und auf Vernissagen spielen, spricht nicht gegen sie. An der mittelalterlichen Universität war das Triviale schlicht das Grundstudium. Das Riff ist die Basis, wenn die Band auch noch einen Abschluß machen will, bitte sehr!

          Art Brut , Bang Bang Rock & Roll, Fierce Panda (Cargo) nong 38

          Franz Ferdinand , You Could Have It So Much Better, Domino (Rough Trade) WIGCD161P

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