https://www.faz.net/-gqz-t136

Pop : Oden vom Ende der Nacht

  • -Aktualisiert am

Glasige Augen, verwaschener Teint - wieder eine schlaflose Nacht? Bild: dpa

Wenn man sich die ganze Nacht ruhelos hin und her gewälzt hat, dann ist es um 5.55 Uhr zu spät zum Schlafen und zu früh zum Aufstehen. Charlotte Gainsbourg kennt das Problem und hat aus ihrer Not eine Tugend gemacht - ein Album voll mit Schlafbrillenpop.

          Hatten Sie jemals Schlafprobleme? Richtige Schlafprobleme? Es ist zermürbend wie sonst höchstens noch Liebeskummer. Man merkt schnell, wenn es mal wieder nichts wird: Man liegt da und findet die Position nicht, der Kopf überholt den Körper, so lange, bis selbst die harmlosesten Sorgen wie fünfköpfige Monster erscheinen. Man steht auf, verändert etwas im Zimmer, ißt vielleicht etwas oder macht sich Notizen. Leichte Hausarbeiten sollen auch helfen. Voller Hoffnung legt man sich wieder hin. Doch es ist wie verhext: Der Kopf rattert weiter, der Verstand verrennt sich, und der ganze Körper wird zu einem unkontrolliert zappelnden Appendix. Man sollte es eigentlich vermeiden, aber immer wieder wandert der Blick zum Wecker, dessen Digitalanzeige grausam die Zeit ins Dunkel stanzt: 1.30, 4.40, 5.55. Je bewußter die absurden Wachzeiten werden, desto verzweifelter wird das Ringen um Schlaf, desto unmöglicher wird es, doch noch einzuschlafen. Das kann nächtelang so gehen.

          Auch die Schauspielerin Charlotte Gainsbourg, 35, Tochter des verstorbenen französischen Komponisten Serge Gainsbourg und der Schauspielerin und Sängerin Jane Birkin, schläft schlecht. Nach zwanzig Jahren Pause vom Musikgeschäft hat sie ihr zweites Album aufgenommen. Es heißt „5.55“, wie jene Uhrzeit, zu der alles zu spät und zu früh ist, und handelt von der Nacht. Mit all ihrer Schönheit und all ihrem Schrecken. Und man sieht dieser zerbrechlichen Frau die Schlaflosigkeit sofort an, wie sie da mit hängenden Armen vor einem steht. Charlotte Gainsbourg lächelt freundlich, aber scheu, läßt sich auf das Sofa ihrer Hotelsuite fallen und klemmt die Hände unter die Oberschenkel. Man würde ihr gern einen Apfel oder irgend etwas anderes Vitaminhaltiges anbieten. Sie ist mehr als nett: ein großes, liebenswertes Mädchen in Chucks, schlichtem Top und Röhrenjeans, mit dem man gerne mal einen Abend lang über Filme, Bücher und Musik einer Meinung wäre. Aber wahrscheinlich wäre sie zu müde dazu.

          Flüstern und Säuseln

          „Und ob ich Schlafprobleme habe“, lächelt Charlotte Gainsbourg, wohl wissend, wie sehr das Thema ihres Albums und ihre angeschlagene Erscheinung zusammenpassen. Ihr Gesicht macht dabei das, was nur das Gesicht von Charlotte Gainsbourg kann: Der kantige Kiefer und der kleine, zusammengepreßte Mund geben jeden Trotz auf und ziehen sich zu einem strahlenden Lächeln auseinander, wie man es noch nie gesehen hat. Trotzdem spricht sie extrem leise, sie flüstert fast. Kein Wunder bei den Eltern, diesen beiden Ikonen des popkulturellen Flüsterns. Und man schämt sich fast, daß man schon wieder bei dem berühmten Paar Gainsbourg/Birkin gelandet ist.

          Sie machte aus ihrer Not eine Tugend

          Doch Charlotte Gainsbourg kommt wie von selbst auf ihre Eltern zu sprechen - und wird intimer, als man erhofft hätte: „Ich nehme Schlaftabletten, um überhaupt irgendwie schlafen zu können. Meine Mutter hat mir die besten empfohlen, sie nimmt selbst seit dreißig Jahren Schlaftabletten.“ Gut ist das aber nicht! „Nein, aber ohne könnte ich gar nicht mehr schlafen. Ich liebe die Dinger, ich mag das Gefühl, so ausgeknockt zu werden. Es gibt nur einen echten Nachteil: Man wird furchtbar vergeßlich. Mein Hirn ist wie ein Sieb.“ Spricht da gerade die routinierte Schauspielerin, die hier mal eben charmant das tablettenabhängige Mädchen gibt? Immerhin ist Charlotte Gainsbourg doch auch zweifache Mutter und Ehefrau.

          Musikalische Stippvisite

          Daß es auf ihrem neuen Album um die Nacht gehen würde, war ihr schnell klar. Daß es überhaupt noch mal ein Album von Charlotte Gainsbourg geben würde, war lange viel ungewisser. 1986, als sie gerade fünfzehn war, erschien „Charlotte For Ever“, ein Soundtrackalbum, auf dem sie etliche Duette mit ihrem Vater singt, darunter das berühmt-berüchtigte pseudopädophile „Lemon Incest“. Im dazugehörigen Video liegen Vater und Tochter gemeinsam im Bett. Ein Skandal damals. Knapp fünf Jahre später starb Serge Gainsbourg.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Tipp von Achim Wiese: Nach dem Sonnen erstmal langsam abkühlen und nicht direkt ins Wasser springen.

          Tipps zur Badesaison : „Eltern müssen mit ins Wasser“

          Mit dem Sommer hat auch die Badesaison begonnen. Einfach so ins Wasser springen sollte man aber nicht: Achim Wiese vom DLRG erklärt, worauf große und kleine Badegäste achten müssen und welches Gewässer am gefährlichsten ist.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.