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Måneskin : Kann man zu alt für manche Songs werden?

  • -Aktualisiert am

Måneskin im Rathaus Campidoglio Bild: dpa

Über Leute, die mit sechzig „Dance Monkey“ als ihren Lieblingssong bezeichneten, Rentnerinnen, die jahrelang das Radio leise drehten und jetzt bei David Crosby sentimental wurden. Und die richtige Musik zur richtigen Zeit.

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          Unvorstellbar, wenn man jung ist. Für die, die es ernst meinen, ist Musikgeschmack eine Haltung, keine Mode. Wer mit Kate Bush aufgewachsen ist, wird sich später nicht so leicht mit Taylor Swift getan haben, dafür leichter mit Billie Eilish. Und wer gegen seinen Willen erwachsen wurde, kann sich zumindest darauf verlassen, dass die Songs der Jugend ewig im Kopf bleiben, auch wenn (oder weil) sie voller Sätze wie „Die Bluthunde der Liebe sind auf der Jagd“ sind.

          Manche Songs altern bekanntermaßen besser als andere, und wir mit ihnen. Manche versteht man erst richtig, wenn man älter wird, was auch für Billie Eilish gelten darf. Bei Måneskin, der Band, die 2021 den Eurovision Song Contest gewann, erinnere ich mich an den Moment, als in den Sommerferien ein Mädchen mit mir im Auto saß und „I Wanna Be Your Slave“ mitsummte, einen äußerst eingängigen Song, es geht um, sagen wir, große Gefühle, und dass ich dachte: Die hört das? Und mich sofort fragte, ob man ihr den Song nicht erklären müsste. Und zu dem Schluss kam, dass es nichts zu erklären gab, was sie nicht wusste, und ich mir damit einige Peinlichkeiten ersparte. Es aber legitim war, mit einer Zwölfjährigen im Auto zu singen.

          Verführerischer Blödsinn

          Måneskin hat jetzt jedenfalls ihr drittes Album herausgebracht. Ich habe es mir natürlich sofort angehört. Es sind einige herausragende Songs dabei, wie „Timezone“, eine schwülstige Rockballade über eine Fernbeziehung: „And every time I see your face, the moon should be jealous“. Oder „Bla, bla, bla“ oder „Gossip“. In fast jedem Song kommen irgendwelche Drogen vor, die Band bezieht sich da auf den Vorwurf, sie hätte beim ESC gekokst, und überhaupt auf das, was die Leute von ihnen halten, auf Konventionen, die musikalischen und die der Erwachsenen. Abgesehen davon, dass kein Song die Vier-Minuten-Grenze überschreitet, ist alles wie damals, bevor der Gitarrenrock beerdigt wurde, es klingt verdächtig nach Sex Pistols, nach verführerischem Blödsinn. Dem Mädchen aus dem Auto wird es gefallen.

          Ich kenne Leute, die mit sechzig „Dance Monkey“ als ihren Lieblingssong bezeichneten. Rentnerinnen, die jahrelang die Musik leise drehten und jetzt bei David Crosby sentimental wurden. Also nein, zu alt für Songs wird man echt nicht. Man kann die falschen Leute um sich haben am falschen Ort. Aber die Musik trifft keine Schuld.

          Feuilletonredakteurin Elena Witzeck schreibt hier einmal im Monat über Pop. Stellen Sie Ihre Fragen unter Fra­genSie@FAZ.de.

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