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Pop im Arabischen Frühling : Die Rapper der Revolution

  • -Aktualisiert am

Der ägyptische Rapper Mohammed El Deeb beim Drehen eines Musikvideos in Kairo im Juni dieses Jahres. Bild: REUTERS

Pop mit gesellschaftlicher Durchschlagskraft: Der arabische Frühling zeigt das große politische Potential von Rap und Hip-Hop.

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          Es bedurfte erst der Umwälzungen in den arabischen, vorzugsweise nordafrikanischen Ländern, damit die westliche Welt vom arabischen Rap beziehungsweise Hip-Hop Notiz nahm. Die politische Dimension dieser Musik ist evident geworden und übertrifft in ihrem Veränderungspotential ihr amerikanisches Vorbild, ihren amerikanischen Ursprung.

          Edo Reents

          Redakteur im Feuilleton.

          Als der Rap in den Vereinigten Staaten zu einer breiteren kulturellen Bewegung wurde - in den achtziger Jahren, als Ronald Reagan Präsident war -, gab es dort zwar Unzufriedenheit; aber kaum einer kam auf die Idee, das politische System als solches in Frage zu stellen. Amerikanische Popmusik wusste ja im Gegenteil die Freiheit zu nutzen, die ohnehin schon existierte, was allerdings nicht heißt, dass Popmusiker es dort nie schwer gehabt hätten.

          Im arabischen Raum ist die Situation eine andere: Seit gut anderthalb Jahren wird der dortige Rap auch im Westen als eines der wesentlichen Sprachrohre für die Stimmung in der Bevölkerung wahrgenommen. Aus einer obskuren, unter Obszönitätsverdacht stehenden Kunstform wurde ein ernstzunehmender gesellschaftlicher Faktor. Und dieses Sprachrohr ist schon deshalb so mächtig, weil der Rap, als vergleichsweise junge Kultur, auf eine junge Bevölkerung trifft; er war also von Anfang an mehrheitsfähiger und hat Generationenkämpfe, wie sie die westliche Popkultur auszufechten hatte, nicht in dem Maße nötig.

          Hinzu kommt, dass selbst oder gerade die Rapper mit der größten Durchschlagskraft aus frommen Familien stammen und wenig Neigung erkennen lassen, islamische Werte und Gebräuche in Frage zu stellen - im Gegenteil: Hamada Ben Amor, ein tunesischer Pharmaziestudent, der sich El Général nennt, findet es richtig, dass Frauen Kopftuch tragen, und verurteilt das Fluchen, das für den amerikanischen Rap essentiell ist. Anfang 2011 richtete er an den tunesischen Machthaber Ben Ali die Liedzeile „Herr Präsident, Ihr Volk stirbt“ und ist seither der bekannteste und vielleicht auch einflussreichste arabische Rapper. Welchen Anteil er daran hat, dass Ben Ali nicht mehr im Amt ist, lässt sich schwer sagen; dass das Regime ihn fürchtete, geht aus seiner kurzzeitigen Verhaftung während der Unruhen hervor.

          Das Arabische als lingua franca

          Auch in anderen afrikanischen Ländern offenbart sich das revolutionäre Potential der Popmusik. In Senegal hatte sich die maßgeblich von Rappern getragene Bewegung „Y’en a Marre“ gebildet (“Wir haben die Nase voll“), eine gegen den ehemaligen Präsidenten Wade gerichtete Oppositionsbewegung mit Wahlkampagnen. Und in Ägypten stellte der Rapper Mohamed el Deeb im Frühjahr voller Genugtuung fest, lange Zeit sei auch in seinem Land viel seichte Musik gespielt worden, aber mit der Revolution seien die Leute aufgewacht und hätten nach Musik mit mehr Substanz verlangt.

          Was ist diese „Substanz“? Es hat fast den Anschein, als wäre das Arabische inzwischen die neue lingua franca dieser wie überhaupt eines Großteils der zeitgenössischen Popmusik. Dabei ist dem Rap ein Strukturmerkmal nützlich: Der Sprechgesang, der ihm eigen ist, steht, vor allem in seiner agitatorischen Form, der politischen Rede naturgemäß nahe und birgt weniger das Risiko der Banalisierung, das gesungene Botschaften oft haben. Im Vergleich mit der einschlägigen westlichen Popmusik ist eine interessante Akzentverschiebung festzustellen: Galten in Amerika und Europa die Interpreten von Rock und Pop lange Zeit als Verkörperungen von Dekadenz und Verkommenheit, so sind in den arabischen Ländern einige Rapper im Gegenteil zu Leitfiguren geworden, weil sie ihrerseits die Verkommenheit der politischen Klasse kritisieren.

          Was Anstoß erregt

          Diese Stoßrichtung gibt es im Westen natürlich auch; aber das Image der Popmusik ist dennoch ein völlig anderes. Dass hier Popmusiker Präsidentschaftskandidaten werden wie in Senegal der Weltmusiker Youssou N’Dour oder in Haiti Wyclef Jean, ist schwer vorstellbar. Im Westen ist die Popmusik mit ihrem Individualismus, ihrem Hedonismus und ihrer Konsumorientierung bis heute im Grunde systemkonform und -stabilisierend. Im arabischen Raum dagegen wirken gerade die Aufrufe mancher Rapper, sich an Wahlen zu beteiligen, oder Tiraden gegen Arbeitslosigkeit systemverändernd - Parolen, die dort manchem schon ernsthafte Schwierigkeiten eingebracht haben, aber im Westen und zumal in Deutschland wohl als bieder wahrgenommen würden. Hier geraten Rapper meistens nur auf Grund von Sexismus und Militanz in den Blickpunkt einer breiteren Öffentlichkeit.

          Und doch verläuft eine Verbindung zwischen dem Mutterland des Rap und seinen arabischen Kindern: Gerade die bekanntesten Rapper Amerikas haben eine Affinität zum Islam, wenn sie nicht, wie Snoop Dogg, gleich der Nation of Islam beitreten - eine Tradition, die über Malcolm X bis in die sechziger Jahre zurückreicht. Hier ist ein gemeinsamer politischer Nenner greifbar: Rap (und früher Soul sowie Rhythm&Blues) versteht sich als Kultur der Unterdrückten und ist dabei oft als Sozialreport angelegt. In Amerika ist er längst eine Hybridform geworden, dem seine Urtugend, die sogenannte street credibility, oft schon abhandengekommen ist. Seine arabische Version ist noch unschuldiger - und kann vielleicht deswegen auch mehr bewirken.

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