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Pop : Die unsichtbaren Augen

  • -Aktualisiert am

Nur ein Mädchen und kein Brasilianer weit und breit: fröhliche Verwirrung mit „Brazilian Girls” Bild: Universal Music

Die New Yorker Band „Brazilian Girls“ spielt den Sound der Apokalypse. Ihre Geschichte ist auch die einer deutschen Soap-Darstellerin, die es - anders als Sternchen wie Yvonne Catterfeld - wohl noch in den Pophimmel schaffen wird.

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          Eine Zeitlang sah es so aus, als würde New York, oder zumindest jener Teil seiner Jugend, der gerne ausgeht, gar nicht mehr so richtig aufwachen aus dem Erschöpfungsschlaf - und wenn doch, dann mit einem Kater. Das kurze Revival von Disco und Punk, mit dem das New Yorker Nachtleben auf den Schock des 11. September reagierte, war einer dumpfen Stimmung gewichen. Der New-Economy-Geldstrom war am Versiegen. Es war lange gefeiert worden, das Partyvolk fing an, übers Heiraten und das Kinderkriegen nachzudenken und über die Anschaffung eines Volvos V 70 Kombi. Statt Ecstasy nahm man jetzt Yoga-Stunden.

          Es war damals, also ungefähr im Jahr 2004, als sich ein paar junge Musiker im gerade neu etablierten Jazzclub „Nublu“ auf der kurz zuvor von Hipstern und Deutschen eroberten Avenue C im East Village trafen, gemeinsam musizierten und bald jeden Sonntag zusammen spielten. Das Publikum war begeistert. Sie waren jetzt eine Band und brauchten einen Namen. Sie nannten sich Brazilian Girls.

          Provokationen statt PR

          Sie schafften es, die in der Luft liegenden musikalischen Restschwingungen ihrer Zeit einzufangen. Sie wirbelten diese Restschwingungen durcheinander, verpassten ihnen neue Energie und brachten die Massen damit noch mal zum Beben. Dann kam der erste Plattenvertrag, die Veranstaltungsorte wurden größer. Die klassische, wenn auch nicht mehr übliche Entstehungsgeschichte einer erfolgreichen Pop-Band.

          Vom Marienhof auf die Bühnen New Yorks: Sabina Sciubba im Kreise ihrer Lieben
          Vom Marienhof auf die Bühnen New Yorks: Sabina Sciubba im Kreise ihrer Lieben : Bild: Universal Music

          Die Geschichte der Brazilian Girls ist aber auch die Geschichte einer deutschen Soap-Darstellerin, die es vermutlich noch in den Pophimmel schaffen wird - und zwar auf ganz anderen Wegen, als sich das deutsche Sternchen wie Yvonne Catterfeld vorstellen können. Ohne Marketing-Konzept und PR-Berater. Nur mit Musik. Und ein paar Posen und Provokationen. Aber von vorne.

          Die Brazilian Girls kommen weder aus Brasilien, noch sind sie Mädchen. Einziges weibliches Bandmitglied ist die deutsch-italienische Sängerin Sabina Sciubba, die Mädchen zu nennen ihrer Ikonenhaftigkeit nicht gerecht würde.

          Weltuntergang oder Erlösung

          Die frühere Darstellerin in der Vorabendserie „Marienhof“, Tochter eines Römers und einer Berlinerin, studierte in München und Graz Gesang und wurde für ihre wandlungsfähige Jazz-Stimme mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet. Sie verließ Deutschland, machte den Umweg über Italien und Frankreich und kam schließlich in New York an. In besagtem „Nublu“ traf sie auf den Keyboarder Didi Gutman, den Bassisten Jesse Murphy und den Drummer Aaron Johnston. Dieser Zusammenstoß setzte enorme Energien frei. Soeben ist das zweite Album der Brazilian Girls erschienen: „Talk to La Bomb“.

          Die Plattenfirma bezeichnet das Album wahlweise als den Soundtrack zum Weltuntergang oder zur Erlösung der Welt. Das klingt etwas hochgegriffen, entspricht aber dem Humor der Musiker, die in Interviews den ironischen Umgang mit Größenwahn konsequent zelebrieren. Das ironische wie erotische Prinzip, ja und nein gleichzeitig zu sagen, ist das Prinzip, das die Brazilian Girls auf allen Ebenen durchexerzieren.

          Die Musik: Vielleicht ist es Electroclash mit Jazzelementen oder Indierock mit einer Mischung aus Dub, Pop, Punk und Dance Music. Vielleicht ist es ja die Neuerfindung eines Stils, dem man den paradoxen Namen Easy-Listening-Grime geben könnte.

          „Ce qu'on appelle / That feeling - that feeling“

          Es klopft, pocht, schlägt und schnarrt, dazu haucht, schreit, singt und gurrt Sabina Sciubba die manchmal simplen, manchmal sogar hintergründigen Songtexte; das erinnert gelegentlich an Camille, die Sängerin von Nouvelle Vague, oder, wenn Sabina Sciubba einen Dialog mit den explosiven Drumsets führt, an Nina Persson von den Cardigans.

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