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Pop-Anthologie (132) : Relativitätstheorie des Lovesongs

  • -Aktualisiert am

Tina Turner in den Achtzigerjahren Bild: Picture-Alliance

In den frühen Achtzigern scheint der Sommer der Liebe endgültig vorbei zu sein. Howard Jones und Tina Turner stellen die entscheidende Frage: „What Is Love?“. Ihre Antworten verraten viel Zeittypisches.

          9 Min.

          „Du kannst dein Glück nicht von einer anderen Person abhängig machen“, sagte der britische Sänger Howard Jones einmal im Interview. Es geht um seinen Song „What Is Love?“ Man solle lieber, erklärt er, seine Vorstellung von romantischer Liebe überdenken, sonst werde es einem bald sehr schlecht gehen. „Ich wollte keine Lieder über gegenseitige Abhängigkeit schreiben“, sagt Jones. „Was ich eigentlich wollte, war zu fragen, was meinen wir eigentlich damit: Liebe?“ Das war 1983, das Jahr in dem „What Is Love?“ erschien, tatsächlich eine berechtigte Frage.

          Mitte der Achtzigerjahre stand es nicht gut um die Liebe. Zumindest, wenn man von den Scheidungsraten ausgeht. 1960 wurden in der Bundesrepublik gerade einmal 10 Prozent der geschlossenen Ehen geschieden, 1970 waren es bereits 18 und 1980 beachtliche 28 Prozent. Tendenz steigend – eine Tendenz, die für die ganze westliche Welt galt.

          Was auch immer Liebe bedeutet!

          Die steigende Scheidungsrate seit den Sechzigerjahren hatte natürlich viele Gründe. Ganz sicher hing sie mit den gesellschaftlichen Umbrüchen dieser Jahre zusammen. Aus lebenslanger Monogamie wurde serielle; aus dem Ehepartner der Lebensabschnittsgefährte und aus der Liebe wurde die Beziehung. Aber der durch die Achtundsechziger ausgelöste gesellschaftliche Aufbruch geriet spätestens in den Achtzigern ins Stocken. Statt „Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment“, hieß es jetzt: „Tina, wat kosten denn die Kondome?“. Die durch sexuelle Kontakte übertragbare Immunschwächekrankheit AIDS forderte ihre ersten Opfer. Die Party war vorbei. Der Kater stellte sich ein.

          In den Trümmern der Ideale der Sechziger rieb sich Anfang der Achtzigerjahre eine ganze Generation ernüchterter Scheidungskinder die Augen. „All you need is love“? Von wegen! Es war immer noch Kalter Krieg, aber der wirtschaftliche Aufschwung war vorbei. Dazu kamen das Waldsterben und das Ozonloch. Die Diskrepanz zwischen dem, was die Liebe in Popsongs, Filmen und Fernsehserien zu versprechen schien und dem, was diese Generation im Alltag erlebte, wurde größer. Man denkt sofort an die berühmte Verlobungspressekonferenz von Prinz Charles und Lady Diana. Charles wird gefragt, ob Diana und er verliebt seien. Er zögert viel zu lange und antwortet dann: „Yes, of course, we are!“ Und schiebt den berühmten Satz nach: „Whatever love means!“ Was immer „Liebe“ bedeutet! „Liebe“, schrieb Ulrich Beck 1990, „ist Einsamkeit zu zweit.“ Zwei Individuen, die sich verzweifelt aneinanderklammern, weil sie sonst nirgendwo Beständigkeit finden.

          In den Achtzigerjahren nahm auch die gesellschaftliche Anerkennung von Homosexualität zu. Diese Entwicklung hatte schon in den Siebzigern mit David Bowies androgyner Phase begonnen, aber es sind die Achtziger, die Culture Club, Bronski Beat und Frankie goes to Hollywood hervorbrachten. Auch das führte zur spürbaren Erschütterung klassischer Rollenmuster wie Boy+Girl=Love.

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