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Pop-Anthologie (130) : Rezession, Baby

Die Hand an der Mühle: Adriano Celentano, 1980 Bild: Picture-Alliance

Das Benzin wird immer teurer, im Staat ist ein Loch, und ein Kaffee kostet einen Monatslohn: Adriano Celentanos 1976 veröffentlichtes Lied „Svalutation“ schildert die Abwertung, als wäre es von heute.

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          Es ist nicht das einzige Lied der Pop-Geschichte über Geldentwertung. B.B. King hat 1983, als die Teuerung in den Vereinigten Staaten mal gerade 3,8 Prozent betrug, etwas larmoyant einen „Inflation Blues“ gesungen („Mr. President / Please cut the price of sugar / I wanna make my coffee sweet”). Die Berliner Band des Norwegers Erlend Oye, „The Whitest Boy Alive”, hat den Begriff der Inflation 2015 wiederum für die haiku-hafte Beschreibung eines Liebesschicksals umgenutzt („Half a Life / For one kiss / Inflation“). Das war ganz angemessen, denn auch in Berlin gab es damals keine spürbare Kaufkraftverschlechterung.

          Jürgen Kaube
          Herausgeber.

          Als Adriano Celentano hingegen 1976 in Italien seine Scheibe „Svalutation“ herausbrachte, herrschte dort nicht nur ein Preisniveauschub ohne selbstverstärkende Effekte. Es gab vielmehr eine wirklich Inflation von durchschnittlich 16,5 und im Jahresabstand 20 Prozent; in Deutschland übrigens dieselben 4 Prozent, die wir auch heute wieder haben. Den Stoßseufzer des Textes, nichts sei mehr normal, konnten die Zuhörer also teilen, die das Lied bis auf Platz vier der italienischen Charts brachten. Wir verschweigen, was die Italiener damals lieber hörten.

          Celentanos Hits hatten sich bis dahin mehr mit den üblichen wichtigen Themen befasst: Ich werde verrückt, wenn du nicht da bist (Impazzo per te), du bist hier, ich bin jetzt bei dir (Nata per me), halte dich fern von mir, es gibt auch andere Frauen (Stai lontana da me). Und natürlich, in „Azzuro“, das Paolo Conte für ihn schrieb, mit der Langeweile an einsamen himmelblauen Nachmittagen, an denen nicht einmal ein Priester zum Quatschen da ist („neanche un prete per chiacchierar“). Nach und nach gab es bei Celentano mehr solcher zum Schlagerüblichen querstehenden Zeilen.

          Anfang der Siebziger Jahre wird der gelernte Uhrmacher dann deutlich polit-ökonomischer, etwa in „Chi non lavora non fa l’amore“, worin er besingt, dass ihm seine Frau eben das klargemacht hat: Faulenzer könnten keine Hingabe erwarten. Also geht er zur Arbeit, während alle anderen in Italien damals an zwei von drei Tagen streiken, von den Straßenbahnfahrern bis zu den Ärzten. Großes Dilemma: Wenn ich nicht streike, werde ich verprügelt, wenn ich aber streike, gibt es keine Liebe. Die Normen der Familie und die Normen des Berufslebens fallen auseinander, die Liebe hat keine Gewerkschaft. Celentanos sehr italienische Lösung ist damals, vom Chef, signor padrone, eine Gehaltserhöhung zu verlangen. Werde sie gewährt, trete in jedes Haus wieder die Liebe ein.

          Produktive Krise des Schlagers

          In der Wirtschaft kommt es bei so viel arbeitgeberfinanzierter Liebe aber zum Wertverlust des Geldes. Denn natürlich schlägt der Chef die Liebeskosten auf die Preise drauf. In „Svalutation“ wird die Abwertung geschildert, als wäre es heute. Das Benzin kostet immer mehr, die Lira „gibt nach und fällt“, im Staat ist ein Loch, in dem das Geld versickert, alle Ferienplätze sind ausgebucht. Etwas übertreibend behauptet Celentano überdies, für einen Kaffee gehe jetzt ein Monatslohn drauf. „Too much month at the end of the money“, um es mit Marty Stuart zu sagen. Konsum findet statt, die Stadien sind überfüllt, aber wo ist das Geld? Eine ewige Frage, wenngleich die Pointe des Liedes eigentlich nicht ist, dass es insgesamt zu wenig Geld gibt, sondern zu viel.

          Andere Krisenthemen treten angedeuteter Weise hinzu: Die Amerikanisierung Italiens („l’America è qua“), der ständige Regierungswechsel (damals von Moro zu Andreotti), die Verstöße gegen den seit dreißig Jahren eingeführten Rechtsverkehr auf den Straßen und die bewaffnete Gewalt der Roten Brigaden, die damals ihren Höhepunkt erreichte („assassination, assassination“).

          „Svalutation“, auf das sich das reimt, ist gar kein italienisches Wort, sondern die Anglifizierung von „svalutazione“. Celentanos inzwischen leider verstorbene Texter, Vito Pallavacini und Luciano Beretta, finden noch andere Worte, die auf „ion“ enden – es gibt sonst nur e, a und u als Reime –, und mischen in das Lied neben manchem Unsinn auch eine Kritik am Begriff „Wert“ hinein. Fast möchte man sagen, der Schlager selbst kommt in eine produktive Krise, wenn er so entschlossen schlechtgelaunt vorgetragen wird wie hier. Wer ihn nicht kennt, schaue sich auf YouTube Adriano Celentanos Auftritt mit seinem Lied in einer Sendung des französischen Fernsehens an. Drei Minuten lang weigert sich der mit den Fingern schnippende Sänger aufzustehen, schaut ständig nach unten, steigert sich im Sitzen zur Rock’n-Roll-Musik in immer wildere Bewegungen hinein, endet aber mit rührender Zuversicht: Italien wird es schaffen, und zwar nach diesem System: Wenn du an dich denkst, dann denke, „pensa…“ - doch auch ein wenig an mich. Ein wenig, mehr soll nicht verlangt werden.

          Svalutation

          Eh la benzina ogni giorno costa sempre di più
          E la lira cede e precipita giù
          Svalutation, svalutation
          Cambiando I governi niente cambia lassù
          C'è un buco nello Stato dove I soldi van giù
          Svalutation, svalutation

          Io amore mio non capisco perché
          Cerco per le ferie un posto al mare e non c'è
          Svalutation, svalutation

          Con il salario di un mese compri solo un caffè
          Gli stadi son gremiti ma la gente dov'è
          Svalutation, svalutation

          Mah,
          Siamo in crisi ma,
          Senza andare in là
          L'America è qua

          In automobile a destra da trent'anni si va
          Ora contromano vanno in tanti si sa
          Che scontration, che scontration

          Con la nuova banca dei sequestri che c'è
          Ditemi il valore della vita qual è
          Svalutation, svalutation

          Io amore mio non capisco perché
          Tu vuoi fare il gallo poi fai l'uovo per me
          Sul lettation, sul lettation

          Nessuno che ci insegna a non uccidereè
          Si vive più di armi che di pane perché
          Assassination, assassination

          Ma quest'Italia qua se lo vuole sa
          Che ce la farà
          E il sistema c'è
          Quando pensi a te
          Pensa anche un po' per me

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