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Pop-Anthologie (104) : Der Strand als Utopie

Was bleibt in diesem Leben schon, als sich ans Meer zu wünschen? RodBelaFarin (von links). Bild: Jörg Steinmetz

„Manchmal schließe ich die Augen, stell’ mir vor ich sitz’ am Meer“, sangen Die Ärzte einst über Westerland. Das Meer als Sehnsuchtsort spielt auch in ihrem neuen Lied „Ich, am Strand“ eine wichtige Rolle.

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          Der Strand als punkutopischer Abhängort in den Texten der Ärzte wäre einmal eine eigene literaturwissenschaftliche Betrachtung wert – ganz abgesehen davon, dass das Motiv kontemplativen Geseufzes am Meeressaum in der deutschen Kulturgeschichte ohnehin solide verankert ist. Aber „solche Sehnsucht“ ist wirklich bemerkenswert:

          Andrea Diener
          Redakteurin im Feuilleton.

          „Manchmal schließe ich die Augen / Stell’ mir vor ich sitz’ am Meer / Dann denk’ ich an diese Insel / Und mein Herz das wird so schwer“

          heißt es etwa in „Westerland“ über jenen Ort, der zwar etwas teurer ist, an dem man aber unter sich bleibt – ein ironischer Seitenhieb auf den üblichen Sylturlauber mit Hang zum exklusiven Schickimickitum. Die Legende weiß, dass der Text ursprünglich einmal die Insel Helgoland besingen sollte, unter anderem wegen des Sylter „Abschiedkonzerts“ (ha, von wegen!) der Band im Jahr 1988, das sämtliche Behörden der Insel heillos überfordern sollte, dann aber auf „Westerland“ umgewidmet wurde. Helgoland, Westerland, Hauptsache Strand.

          Man muss allerdings gar nicht so weit zurückgehen im Œuvre der Band, allein auf der neuesten Platte mit dem schön doppeldeutigen Titel „Hell“ – Hölle oder Anwesenheit von Licht? man weiß es nicht! – finden sich zwei Stücke, die die helldunkle Kippfigur des Titels wieder aufnehmen. Einmal „Das letzte Lied des Sommers“ („Hitze, Palmen, Hängematten – weißt du noch, wie schön wir es hatten?“) und schließlich als dunkler Zwilling das grandiose „Ich, am Strand“, das ein ganzes, wenn auch kurzes Leben in Momentaufnahmen erzählt und einen genaueren Blick verdient.

          „Ich, neugeboren – gar nicht süß, aber Mama ist anscheinend zufrieden / ich mit zwei, was guck ich fies – meine Eltern sind schon geschieden“

          beginnt dieser fotografisch erfasste Lebenslauf schon leicht unharmonisch knirschend, doch Sentimentalität oder gar Kitschverdacht wehren die Ärzte immer wieder mit schlagfertigen, leicht humoresken Zeilen ab – ein ziemlich erfolgreiches Verfahren. Der Text hangelt sich weiter durch die klassischen Genres der Familienalbum-Fotografie mit Geburtstagstorte, Opas Hund, Erstem Schultag und bildet als Coming-of-Age-Roman im Schnelldurchlauf praktisch die erzählökonomische Antithese zur „Great American Novel“. Zack, zack, zack: Zwischen den wie mit Blitzlicht erhellten, zunächst statischen Szenen werden Sprünge eingebaut, die das, was zwischendrin passiert, der Phantasie des Hörers überlassen, was oft eine durchaus komische Wirkung hat. Auf diese Weise werden Diptychen gebaut wie etwa erste Unfälle:

          „Ich zu Besuch im Boxverein / ich mit gebrochenem Nasenbein.“

          Oder das Pubertätsdrama um den ersten Liebeskummer:

          „Ich mit Nina, Hose beult / ich ohne Nina, schwer verheult“.

          Bei solchen Szenen identifizieren sich Zuhörer gern, das kennt man so oder ähnlich aus der eigenen Biografie. Als durchgehendes, strukturierendes Element zieht sich das Selbstbild vom Erzähler am Stand als Refrain durch den Song. Von „mein allererster Urlaub: ich am Strand“, dem Paradies der restfamiliären, aber als geborgen erlebten Kindheit, über eine erste Freiheit als junger Mann nach den Mühen der Schule –

          „Ich mit Abi in der Hand, ich mit meinem Rucksack / ich am Strand“

          bis hin zur finalen Szene, in der bereits klar ist, dass das Leben gescheitert ist. Auch dafür findet Farin Urlaub passende, wenn auch harsche Bilder:

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