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Pop-Anthologie (133) : Nächstes Jahr wird alles besser

  • -Aktualisiert am

Those were the days: Shane MacGowan, Sänger der Pogues, mit der früheren Bassistin der Band, Cait O’Riordain Bild: Picture Alliance

Süße Träume in der Ausnüchterungszelle: Man könnte „Fairytale of New York“ von den Pogues für ein Anti-Weihnachtslied halten. Aber was ist weihnachtlicher als ein Einwandererpaar, das sich durchschlagen muss?

          5 Min.

          Über den amerikanisch-irischen Schriftsteller J.P. Donleavy (1926 bis 2017) heißt es im Brockhaus-Lexikon: „In seinen Romanen, Erzählungen und Dramen schildert er, oft satirisch und mit schwarzem Humor, den Menschen als Außenseiter auf der Suche nach einem besseren Leben in einer feindseligen Umwelt.“ Das trifft auch auch auf seinen 1973 erschienenen Roman „A Fairytale of New York“ zu, dessen Protagonist sich dort sprichwörtlich durchschlagen muss – und es klingt überdies wie eine Steilvorlage, um aus diesem Erzählprogramm Musik zu machen. 

          Jan Wiele
          Redakteur im Feuilleton.

          Obwohl „Fairytale of New York“, gemeint ist jetzt der 1988 veröffentlichte Song der anglo-irischen Folkpunkband The Pogues, kaum mehr als der Titel mit Donleavys Roman verbindet, passt die im Lexikon beschriebene Stimmung auch zu diesem Song wie die Faust aufs Auge. Schon seine erste Strophe enthält in wenigen Zeilen eine ganze Geschichte.

          It was Christmas Eve babe
          In the drunk tank
          An old man said to me, won't see another one
          And then he sang a song
          The Rare Old Mountain Dew
          I turned my face away
          And dreamed about you

          Das lyrische Ich verbringt seinen Weihnachstabend in der Ausnüchterungszelle, und als wäre das nicht traurig genug, trifft es dort einen alten Mann, der glaubt, er werde wohl kein weiteres Weihnachten mehr erleben. Dann beginnt der Alte ein irisches Trinklied zu singen, „The Rare Old Mountain Dew“ (es handelt vom leckeren Bier aus der Bucht von Galway) – und in diesem Moment wird klar, dass wohl beide irische Einwanderer sind, die mit New York fremdeln. 

          Wenn die Glocken locken

          Der Sänger wendet sich ab von dem alten Mann, offenbar, weil er es nicht ertragen kann, ihn anzuschauen, und spricht stattdessen nun das erwähnte „Babe“ an, voller Sehnsucht, wie es zunächst scheint: „And I dreamed about you“.

          Die zweite Strophe schildert, so kann man es verstehen, diesen Traum: Nun ist alles gut, der Sänger hat eine Glückssträhne und offenbar beim Pferderennen gewonnen, es ist Weihnachten und alle Wünsche könnten in Erfüllung gehen. Oder ist es eine Rückblende in ferne Vergangenheit?

          Auch gut möglich. Immer mehr scheint das Lied nun in die Erinnerung zu kippen – die Erinnerung an die Ankunft in Amerika und an dessen Versprechen. Es sind Versprechen von Größe und Überfluss, die Einwanderer aus aller Welt angelockt haben – besonders auch irische, die noch lange nach dem berüchtigten Kartoffelhunger von 1845, ja auch nach dem Zweiten Weltkrieg noch aus ärmlichsten Verhältnissen flohen, um es in Amerika besser zu haben.

          They've got cars big as bars
          They've got rivers of gold

          Mit dem musikalischen Wechsel von der Ballade zur Tanzmusik beginnt das Lied auch dialogisch zu werden: In den Gesang von Shane McGowan mischt sich der von Kirsty MacColl, und bei einem traditionellen Call-and-Response-Duett erinnert sie in der Rolle der jungen Frau des Einwandererpaares an jene Versprechen, die ihr von ihrem Partner gemacht wurden:

          When you first took my hand
          On a cold Christmas Eve
          You promised me
          Broadway was waiting for me 

          Immer klarer wird, dass sich im „Christmas Eve“ des Liedtextes verschiedene Weihnachtsabende überblenden – vielleicht so, wie auch Thornton Wilders Theaterstück „The Long Christmas Dinner“ es zeigt. Auf der Weihnachtsbühne geht jemand ab und kommt im nächsten Moment um Jahrzehnte gealtert wieder. Auf der Bühne der Erinnerung läuft es umgekehrt.

          Als Sinatra swingte

          Wann also war diese Weihnacht der vierten Strophe, in der gesungen wird: „You were pretty / Queen of New York City“? War es dieselbe, über die es heißt: „Sinatra was swinging / All the drunks were singing“? 

          Jedenfalls ist klar: Those were the days, auch wenn schon in der Erinnerung an diese Anfangstage neu-amerikanischer Euphorie Widerhaken stecken. Wenn es über das gelobte Land heißt: „The wind goes right through you / It's no place for the old“, ist für jeden verständlich, welch rauher Wind dort weht, aber zusätzlich ist es vielleicht auch eine Anspielung auf den irischen Dichter William Butler Yeats. Aus dessen Gedicht „Sailing to Byzantium“ (1928) stammt die Zeile „This is no country for old men“. Das Gedicht beschreibt verständnislos eine hedonistische Jugend, die den Respekt vor zeitloser Kunst  und dem „unageing intellect“ verloren hat. Man benötigt es nicht zwingend, um das Lied der Pogues zu verstehen – aber es zeigt bei einer Art Tiefenbohrung, dass der für seine suchtbedingten Totalausfälle berüchtigte und schließlich sogar deshalb aus der Band geworfene Sänger, Shane MacGowan, hier einen sehr hintergründigen Text geschrieben hat, der es vielfach in sich hat.

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