https://www.faz.net/aktuell/feuilleton/pop/pop-anthologie/pop-anthologie-145-girls-boys-von-blur-18119897.html

Pop-Anthologie (145) : Folge der Herde!

  • -Aktualisiert am

Beim Mitsingen sich selbst vergessen: Damaon Albarn in den Neunzigern mit Blur im Konzert Bild: picture alliance / empics

Mit der Hit-Single „Boys & Girls“ gelang es Blur, aus billigen Einzelelementen ein kluges Songjuwel über die Vertauschbarkeit der Geschlechter im enthemmten Sommerurlaub zu machen. Und alle sangen mit.

          4 Min.

          Müsste nur ein einziger Song auserkoren werden, der erklärt, warum die 1990er Jahre das anhaltende Sehnsuchtsjahrzehnt selbst jüngerer Generationen bleiben, dann sollte es „Girls & Boys“ von Blur sein. Ein billiger, schöner Disco-Beat, der Indierockfreunde und Clubgänger gleichermaßen abholt, trifft auf eine grundironische Haltung und einen eingängigen Text über Promiskuität und Sommerurlaub, welcher der mitgrölenden Meute dabei noch einige spezifische Frechheiten unterschiebt, die zu allem Überfluss auch noch mitzusingen waren.

          Zuerst hört man da ein paar Keyboard-Noten, dann folgen ein Beat aus der Drummachine sowie eine ausgesprochen funky-hypnotische Basslinie, bevor Damon Albarns Gesang einsetzt. Er erzählt von simplen, nicht jugendfreien Sommerfreuden im Ferienresort und Ausnahmezuständen, die trotz Polizei und Massenaufläufen eher aufregend als bedrohlich anmuten (wir befinden uns immerhin in den neunziger Jahren, das Ende der Geschichte ist in greifbarer Nähe): „Street‘s like a jungle / so call the police / following the herd down to greece“, besingt Bandleader Damon Albarn den sorglosen, weil – so soll sich noch herausstellen – konsequent unverkopften Sommerurlaub. Im zugehörigen Video steht die Band vor einem Bluescreen, über den junge Menschen Wasserrutschen entlang gleiten. Die sogenannte Fun-Gesellschaft, wie es seinerzeit kritisch von Lehrern und Eltern zu hören war, befindet sich auf ihrem Höhepunkt, sie macht auch nicht vor privaten Beziehungen Halt: „Love in the 90's is paranoid / On sunny beaches / Take your chances / Looking for…“

          Um welches Gender geht es gerade?

          „Girls & Boys“ war die erste ausgekoppelte Single auf „Parklife“, dem dritten Album der Band, das 1994 veröffentlicht wurde. Die Idee zu dem Song kam Damon Albarn während eines Sommerurlaubs mit seiner damaligen Freundin, „Elastica“-Sängerin Justine Frischmann. Der gewählte Ort war das spanische Magaluf, ein insbesondere bei jungen Briten beliebtes Ferienziel, bekannt für sein „lebhaftes und eher derbes Nachtleben“, wie die Seite Mallorca-ABC vornehm formuliert. Damon Albarn drückte es seinerzeit weniger vornehm aus: „All diese Typen und all diese Mädels treffen sich in der Kneipe, es wird einfach kopuliert.“ Albarn betonte, dass seine Perspektive in dem Lied die eines Beobachters sei; eine moralische Bewertung sei dabei nicht im Spiel. Klar, man kann den feinen Spott hören, aber eben auch die Faszination, die von einer so wild feiernden, höchst paarungswilligen Menge ausgeht.

          Der Refrain schließlich besingt eine Szenerie, in der die titelgebenden Geschlechter eher vage Skizzen darstellen für allerlei mögliche Fremd- und Selbstinterpretationen von Identität: „Girls who are boys / Who like boys to be girls / Who do boys like they're girls/ Who do girls like they're boys“. Bemerkenswert spielfreudig ist die englische Sprache, in der aus den Jungen, die Mädchen mögen, flugs solche werden, die Mädchen gern wie Jungs hätten, die mit Jungs Sex hätten, als seien sie Mädchen, und so fort. Ob nun tatsächlich die Durchschnittspartymeute in Magaluf, am Ballermann oder anderswo ähnlich tolerant mit den hier proklamierten Vexierbildern von Geschlechtlichkeit umging, sei dahingestellt, aber so viel ist klar: Wer zu diesem Song feiern will, der muss ihn mitsingen. Und unvergleichlich catchy sind diese Zeilen mit ihrer plumpen Betonung auf girls und boys sowie vice versa allemal. Das Ping-Pong gipfelt in einem konsequent mehrdeutigen „Always should be someone you really love“, wobei in dem „loooooove“ für einen langgezogenen Augenblick je nach Lesart verschiedene Teilmengen von Unsinn und Dada, süffisantem Cool und vielleicht gar auch ein wenig Melancholie kulminieren.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Das Schloss Elmau in Bayern am 23. Juni

          Treffen auf Schloss Elmau : Ein G-7-Gipfel in vertrautem Rahmen

          Gleicher Ort, ähnliche Themen, nur das Personal ist neu: Von diesem Sonntag an tagen die Staats- und Regierungschefs der führenden Industrienationen auf Schloss Elmau. Was werden sie besprechen?
          Lange dabei: Die Intensivpflegekräfte Nadja Holz und Christian Scharf

          Pflegekräfte an Lauterbach : „Es wurde genug geredet“

          An den Arbeitsbedingungen in der Pflege hat sich trotz aller Versprechen aus der Politik bislang nichts geändert. Pflegekräfte sagen: Mit der permanenten Überlastung muss jetzt endlich Schluss sein.
          Wir schalten live zur Apokalypse: Berichterstattung vom Weltuntergang, wie sie sich Roland Emmerich 2004 in seinem Film „The Day After Tomorrow“ ausgemalt hat.

          Nachrichtenmüdigkeit : Was gibt's Neues vom Weltuntergang?

          Zu viel Krieg, zu viele Krisen: Die Menschen sind erschöpft von schlechten Nachrichten, sagt eine Studie. Wie schafft man es da, ihr Interesse für die größte Katastrophe zu wecken – den Klimawandel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Sie können bis zu 5 Newsletter gleichzeitig auswählen Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.